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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Geht nicht an die Uni!

Geht nicht an die Uni!

Das oft bewunderte Bildungssystem Singapurs ist darauf angelegt, mit Drill viele Akademiker zu produzieren. Doch weil dem Stadtstaat Fachkräfte fehlen, setzt er jetzt auf Berufsbildung – wie die Schweiz.

Singapur verfügt über vieles, was eine erfolgreiche Wirtschaftsnation ausmacht: Industrie, Handel, Tourismus, Top-Schulen und Universitäten. Nur wer einen Uni-Abschluss vorweisen kann, erlangt Prestige, macht Karriere und kommt zu einem guten Einkommen. Es wimmelt von Uni-Abgängern, dafür mangelt es an praxistauglichen Fachkräften. Nun hat der Staat beschlossen, dies zu ändern und in die Berufsausbildung zu investieren.

«Die Wirtschaft in Singapur braucht nicht nur Akademiker, sondern auch Arbeiter und Fachkräfte mit solider Berufserfahrung. Auf dem nationalen Arbeitsmarkt sind diese nicht leicht zu finden», sagt Tom Ludescher, Chairman der Swiss Business Association Singapur. Niedriglohnarbeiter werden aus Bangladesh, China, den Philippinen und Indien angeworben. «Internationale Firmen rekrutieren Fachkräfte aus dem Ausland oder bilden die Nachwuchskräfte vermehrt selbst aus.» Vor Ort gibt es zwar Fachhochschulen, technische Hochschulen und spezialisierte Institutionen, welche sich auf die Ausbildung von Fachkräften konzentrieren. Doch eine Fachhochschule macht noch keine Fachkraft. Zudem hat manuelle Arbeit keinen Wert. Im Volksmund steht «ITE» – die Abkürzung des Institute of Technical Education – für «It’s The End».

«Wir treten aber nicht gegen ein System an, sondern gegen die anderen Kinder. Wenn Jeremy  90 Prozent aller Aufgaben richtig löse, seine Kameraden jedoch 95 Prozent der Punkte erreichten, klassiere er sich höchstens im Mittelfeld.» Das reiche nirgends hin. Nirgends bedeutet an keine Universität.

«Freiwillig wird kaum jemand Handwerker», sagt Hwee Lee*, Singapurerin mit chinesischen Wurzeln und Mutter des 13-jährigen Jeremy. «Wir treten aber nicht gegen ein System an, sondern gegen die anderen Kinder.» Wenn Jeremy bei den wichtigen Schulexamen 90 Prozent aller Aufgaben richtig löse, seine Kameraden jedoch 95 Prozent der Punkte erreichten, klassiere er sich höchstens im Mittelfeld. Das reiche nirgends hin. Nirgends bedeutet an keine Universität. Damit dies nicht geschieht, investieren Jeremys Eltern – so wie die Mehrheit der singapurischen Eltern – viel Zeit und noch mehr Geld. Mehr als 90 Prozent aller Primarschüler werden in Singapur täglich nach der Schule durch Privatlehrer, sogenannte Tutors, unterrichtet. Landesweit werden jährlich an die 760 Millionen Franken für Stütz- und Förderunterricht ausgegeben. Wer es trotzdem in Singapur nicht an eine Universität schafft, geht ins Ausland. Sechs von zehn jungen Singapurern zwischen 25 und 29 Jahren haben ein Universitätsstudium abgeschlossen. Weltweit entspricht dies laut Weltbank der höchsten Quote an Akademikern. In der Schweiz absolvieren gerade einmal knapp 20 Prozent eines Jahrganges die Matura.

Jobs auch ohne Uni-Abschluss
Laut der Pisa-Studie gehört das Schulsystem Singapurs zu den besten der Welt. Dass das System aus Druck und Drill, gepaart mit viel Auswendiglernen, besteht, wird dabei kaum erwähnt. Schule, Hausaufgaben, Förderstunden: Ein Schultag dauert in Singapur nicht selten von morgens 6 Uhr 30, wenn der Schulbus die Kinder abholt, bis spät nachts, wenn die letzten Hausaufgaben endlich erledigt sind. Jeremys Mutter Hwee Lee investiert pro Monat 1000 Franken in Privatunterricht. «Beim Wettkampf um schulische Leistung nicht mitzumachen, ist keine Option. Fördern wir unser Kind nicht, fällt es in der Schule zurück und geht in der Gesellschaft untendurch», erklärt sie. Einen Job würde Jeremy heute aber auch ohne Universitätsabschluss finden. In Singapur lag die offizielle Arbeitslosenrate im August 2015 bei 1,8 Prozent. Gut bezahlt wird jedoch nur, wer an der Uni war. Ein Elektroingenieur direkt ab der Uni erhält einen Lohn von rund 2250 Franken. Sein Berufskollege, der eine technische Schule absolvierte, verdient 1000 Franken weniger pro Monat.

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Ein Garant für Erfolg und Stolz: Mutter und Tochter feiern den Uniabschluss.

 

«Wird das Kind krank, fürchten die Eltern nur eins: dass es leistungsmässig hinter die Klassenkameraden zurückfällt. Machen Sie mein Kind gesund. Egal wie, aber schnell, das ist die klare Forderung»

«Die Angst, nicht zu genügen, ist omnipräsent», erklärt die singapurische Hausärztin Sharon Shen. «Wird das Kind krank, fürchten die Eltern nur eins: dass es leistungsmässig hinter die Klassenkameraden zurückfällt. Machen Sie mein Kind gesund. Egal wie, aber schnell, das ist die klare Forderung» – so umschreibt Doktor Sharon ihre Erfahrungen. Es sei schwer, den Eltern klarzumachen, dass zu viel Druck eine kontraproduktive Reaktion auslöst. «Viele Eltern beziehen vor dem grossen Examen am Ende der Primarschulzeit während Monaten unbezahlten Urlaub, damit sie ihr Kind rund um die Uhr fördern können. Bei solch einem Aufwand ist Scheitern keine Option», erklärt die Ärztin.

Dass der schulische Druck zum Problem werden kann, ist auch Premierminister Lee Hsien Loong bewusst. «Lasst euren Kindern ihre Kindheit. Keine Hausaufgaben – das ist keine schlechte Sache», appellierte er schon 2011 in einer Rede an die Nation. Gehört hat ihn anscheinend kaum jemand. Doch jetzt will Lee die Bildungslandschaft in seinem Land neu strukturieren. Die Universität soll nicht das einzig erstrebenswerte Ziel bleiben. Eine praxisbezogene duale Berufsausbildung nach deutschem und Schweizer Vorbild soll Jugendlichen eine Alternative zur Uni bieten – und für mehr Fachkräfte und weniger Akademiker sorgen. Ausgerüstet mit besseren Qualifikationen sollen Einheimische die Arbeitsstellen der sonst im Ausland akquirierten Fachkräfte übernehmen. Weniger Immigration, mehr Singapurness.

Die Regierung verfügt erstmals über einen Minister of Higher Education and Skills Training. Die im April lancierte staatliche Initiative «SkillsFuture» mit ihren Arbeits- und Studienprogrammen – sogenannten «Earn & Learn Programmes» – bekommt damit mehr Gewicht. Junge Fachkräfte erhalten während 12 bis 18 Monaten die Möglichkeit, in einem Betrieb Praxiserfahrung zu sammeln. Die Auszubildenden erhalten 3450 Franken Startbonus, 1400 Franken Monatslohn und ein Diplom. Die Unternehmen werden pro auszubildenden Jugendlichen vom Staat mit 10 350 Franken unterstützt.

Dass sich eine Berufsausbildung auszahlt, soll auch das Pilotprojekt «Poly Goes UAS» aufzeigen. Poly steht für die Polytechnics, die Fachhochschulen Singapurs; UAS für University of Applied Sciences, stellvertretend für die dualen Hochschulen in Deutschland. Dahinter stehen sechs deutsche Firmen mit Niederlassungen in Singapur sowie das Singapore Economic Development Board (EDB). «Wir wollen singapurischen Fachhochschulstudenten einen alternativen Bildungsweg anbieten, der praktisches Lernen in deutschen Unternehmen mit theoretischem Lernen in deutschen Fachhochschulen verbindet», erklärt Ping Bu Loke, Centre Director des EDB.

«Es gibt zwischen der Schweiz und Singapur enge Kontakte bezüglich des dualen Bildungssystems und möglicher Projekte. Der Ball liegt bei Singapur. Die Schweizer Firmen vor Ort sind bereit.»

Das Interesse an der Ausbildung ist gross. Für acht Studienplätze bewarben sich vergangenes Jahr mehrere hundert Studenten. Es gibt bereits eine lokale Version des Programms, unterstützt von deutschen Unternehmen. Die Studenten wechseln zwischen theoretischen Semestern am Singapore Institute of Technology (SIT) und praktischen Semestern in den Unternehmen. Schweizer Firmen sind keine involviert. «Es gibt zwischen der Schweiz und Singapur enge Kontakte bezüglich des dualen Bildungssystems und möglicher Projekte», sagt der Schweizer Botschafter Thomas Kupfer. «Der Ball liegt bei Singapur. Die Schweizer Firmen vor Ort sind bereit.»

Schwierige Überzeugungsarbeit
Die Absicht der singapurischen Regierung ist klar: Die «universitätsversessene» Bevölkerung soll für die Berufsbildung begeistert werden. Wenn nötig mit finanziellen Zückerchen und der Instrumentalisierung der Medien. Premierminister Lee wird nicht müde, in der Öffentlichkeit erfolgreiche Fachkräfte zu ehren und dabei immer wieder zu betonen: «Diese Leute haben keinen Uni-Abschluss. Doch wer in Singapur hart arbeitet, kann eine rosige Zukunft haben.» Lee selbst hat in Cambridge studiert. Zwei seiner Söhne schickte er ans Massachusetts Institute of Technology. Ob der durch Drill geschulte Durchschnittssingapurer Lee seiner «Bleibt-der-Uni-fern-Strategie» Glauben schenkt, bleibt fraglich. In den Köpfen der Menschen in Singapur ist alles andere als ein Universitätsabschluss nach wie vor eine schwere Niederlage.

* Hwee Lee und ihr Sohn Jeremy heissen im richtigen Leben anders.

publiziert 20. Dezember 2015, „NZZ am Sonntag“

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