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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Sprachlos auf der Warteliste

Sprachlos auf der Warteliste

Kinder mit schweren Spracherwerbsstörungen haben Mühe, sich zu artikulieren und dem Unterricht in der Regelklasse zu folgen. Trotzdem erhalten sie keinen Platz an einer Sprachheilschule.

Nico ist fünf Jahre alt, er redete lange nicht, jetzt nur selten und wenn, dann stottert er und spricht nur mit einzelnen Wörtern. Seine Äusserungen sind für Aussenstehende weder verständlich noch nachvoll­ ziehbar. Wortschatz und Aussprache sind trotz logopädischer Unterstützung nicht altersgerecht.

Nico steht symbolisch für jene Kinder, die an einer schweren Spracherwerbsstörung leiden. Im Fachjargon ausgedrückt: Kinder, die schwerwiegende Defizite bei den Leistungen des Sprech-, Lese- und Schreibvermögens, eventuell auch des Rechenvermögens vorweisen; meist infolge schwerer (verbal-) auditiver Merk- und Differenzierungsstörung. Im Normalfall werden betroffene Kinder in einer Sprachheilschule von Fachpersonen unterrichtet. Laut den Sprachheilinstitutionen Schweiz liegen die Schülerzahlen in der Deutschschweiz seit einigen Jahren konstant bei etwa 2000 Kindern.

Wem und aus welchen Gründen wird trotz dieser Erkenntnis der Zugang zur Sprachheilschule verwehrt?

Doch nicht alle betroffenen Kinder erhalten einen Platz an einer Sprachheilschule. Sie landen auf der Warteliste. Es folgt die Integration in den Kindergarten oder die Regelklasse. Dies, obwohl «fast jedes schulische Lernen in hohem Masse an Sprachkompetenzen gebunden ist», wie es in der Einleitung zu den nationalen Bildungsstandards klargestellt wird. Denn erst durch Sprache werden Teilnahme, Lernen und Gemeinschaft möglich. Wem und aus welchen Gründen wird trotz dieser Erkenntnis der Zugang zur Sprachheilschule verwehrt? Ein Blick in die Kantone schafft Klarheit – und Empörung.

Wartelisten und Quoten
Die Sprachheilschule St. Gallen konnte auf das Schuljahr 2018/19 hin nicht alle 54 angemeldeten Schülerinnen und Schüler aufnehmen – trotz freien Plätzen. 17 Kinder, alle vom Schulpsychologischen Dienst mit dem standardisierten Abklärungsverfahren beurteilt und als Sonderschülerinnen oder -schüler diagnostiziert, wurden auf die Warteliste gesetzt. Die Entscheidung zur Aufnahme oder Ablehnung basiert auf einer kantonalen Sonderschulquote von zweieinhalb Prozent für alle Behinderungsarten. Das heisst, die einzelnen Schulbezirke dürfen zweieinhalb Prozent ihrer Schülerschaft an eine Sonderschule schicken. Wird diese Zahl überschritten, werden die Kinder – egal, wie schwer ihr Handicap ist – abgelehnt. Der St.Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker nennt die Quote eine Orientierungs- und Planungsgrösse.

Zuwarten bedingt längere Behandlungen
Fast ein Viertel aller St. Galler Kinder, die auf der Warteliste stehen, stammen aus der Region Rorschach. «Die vier betroffenen Schülerinnen und Schüler leiden an einer erheblichen Sprachentwicklungsstörung», erklärt Guido Etterlin, Schulpräsident, SP- Kantonsrat und Rorschacher Stadtrat. Er betont, dass in allen betroffenen Schulen laufend abgeklärt werde, wie die Kinder integrativ sinnvoll beschult werden können. Die zwei Wochenlektionen Logopädie, welche die Kinder erhalten, sind in keiner Weise mit der Betreuung an einer Sprachheilschule zu vergleichen. Quote versus Kindswohl: «Wenn die Warteliste dieses Jahr anwächst, werden wir die Kinder mit ein bis zwei Jahren Verzögerung der Sprachheilschule zuweisen können, und das ist fatal für ihre Entwicklung.»Im Schulunterricht laufen sämtliche Schulfächer über Sprache, auch die Mathematik.

Viele Kinder haben als Folge massive Einbussen in ihrem Selbstvertrauen, reagieren mit Rückzug oder Aggression und benötigen schlussendlich eine Schule für Verhaltensauffällige

Etterlins Meinung teilt auch Susan Christen Meier, Leiterin der Sprachheilschule St. Gallen. «Die aktuell abgelehnten Kinder sind im Kindergarten und in der ersten Klasse also mitten in der wichtigsten Phase im Zusammenhang mit dem Schriftspracherwerb. Die Sprachbehinderungen sind dabei einschneidend und umfassend», betont Christen Meier. «Im Schulunterricht laufen sämtliche Schulfächer über Sprache, auch die Mathematik. Viele Kinder haben als Folge massive Einbussen in ihrem Selbstvertrauen, reagieren mit Rückzug oder Aggression und benötigen schlussendlich eine Schule für Verhaltensauffällige.» Eine frühe, intensive Förderung sei dabei enorm wichtig.

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Werden die Kinder verzögert in eine Sprachheilschule verwiesen, kann dies fatale Folgen für ihre Entwicklung haben. (Bild: Andreas Steinmann)

 

Längerfristige Kosteneinsparungen
Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer an der Sprachheilschule St. Gallen beträgt dreieinhalb Jahre. Dann erfolgt die Integration in die Regelklasse. Mittels temporärer Separation wird sozusagen eine permanente Integration angestrebt. «Je länger man zuwartet, desto länger dauert eine Behandlung. Die frühe Förderung zahlt sich für die betroffenen Kinder und Familien aus», unterstreicht Christen. Anderer Meinung ist der Kanton St. Gallen. Der Unterricht in der Sprachheilschule kostet im Kanton St. Gallen 43 000 Franken pro Kind und Jahr, zuzüglich Transportkosten von durchschnittlich 5500 Franken. Von den insgesamt 48 500 Franken übernehmen die Schulgemeinden 75 Prozent und der Kanton die restlichen Kosten. Mit der Platzierung der 17 Kinder auf der Warteliste ergaben sich für den Kanton Einsparungen von rund 200 000 Franken.

Es zeigt sich, dass Behinderungen nicht weggespart werden können – und wenn, nur kurzfristig.

Ob es sich dabei wirklich um einen soliden Gewinn oder eher einen finanziellen Trugschluss handelt, bleibt fraglich. «Die Zahl an Oberstufenschülerinnen und -schülern an der Sprachheilschule nimmt konstant zu. Es zeigt sich, dass Behinderungen nicht weggespart werden können – und wenn, nur kurzfristig», sagt Schulleiterin Christen Meier.

Kantonal gibt es Unterschiede
Ist die Situation in St.Gallen die Regel oder ein Ausnahmeszenario? Die Höhe der Quote der Sprachheilschulplätze pro Kanton ist nicht genormt, sondern variiert stark. Je nach Kanton kommen auf 10000 Einwohnerinnen und Einwohner zwischen 1,5 Kinder und 8,3 Kinder, die in eine Sprachheilschule aufgenommen werden. «Bei den Treffen aller Leitenden der Deutschschweizer Sprachheilschulen sind Sparmassnahmen immer ein Thema», so Andreas Steinmann, Institutionsleiter der Aargauischen Sprachheilschule in Lenzburg und Co­Präsident der Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Sprachheilschulen der deutschen Schweiz. Dabei gebe es grosse regionale Unterschiede. «Einige Kantone können immer alle Kinder aufnehmen, andere verfügen über lange Wartelisten. Ich schätze, dass pro Jahr zwischen 600 und 800 Kinder aufgenommen und je nach Jahr zwischen 100 und 200 Kinder abgewiesen werden», erklärt Steinmann. Im Kanton Aargau gab es in den vergangenen drei Jahren nie mehr als sieben Kinder auf der Warteliste. Dies entspricht einer klaren Abnahme, wurden in den Jahren zuvor noch bis zu 55 Überweisungen abgelehnt. Steinmann führt diese Entwicklung auf die Bildungspolitik des Kantons Aargau zurück. Der Schulpsychologische Dienst prüft zuerst eine Integration vor einer Separation. Ein Grundsatz, den alle Kantone verfolgen. Immer mehr Kinder werden damit in eine Regelschule integriert. Ob die Regelklasse einem Kind mit einer massiven Spracherwerbsstörung gerecht wird, bleibt dabei offen.

Mir persönlich ist es ein Rätsel, wie die behinderten Kinder, die in den nächsten Jahren zusätzlich zu betreuen sind, adäquat gefördert werden sollen.

Die Realität der Wartelisten wird wohl auch den Kanton Aargau in Kürze einholen. In den kommenden Jahren wird von einem zehnprozentigen Schülerwachstum ausgegangen. Zusätzliche Sonderschulplätze werden nicht geschaffen. Institutionsleiter Steinmann bewertet die Situation kritisch: «Ambulante Massnahmen sollen die Sonderschulplätze ersetzen. Gleichzeitig wird aber die Anzahl an Lektionen oder Assistenzen für behinderte Kinder in der Regelschule angeblich nicht erhöht. Mir persönlich ist es ein Rätsel, wie die behinderten Kinder, die in den nächsten Jahren zusätzlich zu betreuen sind, adäquat gefördert werden sollen.»

Anspruch auf adäquate Unterstützung?
Die Bundesverfassung hält im Artikel 62 klar fest, dass die Kantone für eine ausreichende Sonderschulung aller behinderten Kinder sorgen müssen. Die kantonalen Sonderpädagogik-Konzepte geben die Feinjustierung vor. Laut Guido Etterlin kann eine unangepasste Kontingentierung der Sonderschulplätze als rechtswidrig angesehen werden. Etterlin hat im Herbst 2018 eine Motion bei der St. Galler Regierung eingereicht, um das Volksschulgesetz in Bezug auf das Recht, eine Sprachheilschule zu besuchen, entsprechend anzupassen.

Diese Kinder haben einen verfassungsmässigen Anspruch auf adäquate Unterstützung, jetzt und nicht erst in zehn Jahren.

Die St.Galler Regierung hat sich bis anhin nicht zur Motion geäussert. «Das Bildungsdepartement versteckt sich hinter seinem Sonderpädagogikkonzept. Die Regierung soll endlich erkennen, dass die Sonderschulquote keine absolute Steuerungsgrösse sein kann», argumentiert Etterlin und fügt hinzu: «Diese Kinder haben einen verfassungsmässigen Anspruch auf adäquate Unterstützung, jetzt und nicht erst in zehn Jahren.»

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                                                                                                                                                                                                                                               Cartoon: Marina Lutz

Weiter im Netz
www.szh.ch > Themen der Heil­ und Son­ derpädagogik > Recht und Finanzierung > Kantonale Konzepte – Kantonale Sonder­pädagogikkonzepte
www.sprachheilinstitutionen.ch – Sprach­heilinstitutionen Schweiz

 

publiziert Februar 2019, Zeitschrift „Bildung Schweiz“ (02/2019)

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