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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Höhlenforscher für 60 Minuten

Höhlenforscher für 60 Minuten

Eine neue 3D-Tonbildschau ermöglicht es den Zuschauern, das grösste Höhlensystem der Schweiz hautnah zu erleben. Ein Trip ins Hölloch – ohne Risiko und Anstrengung.

Es ist dunkel, kalt und feucht. Ein Frösteln ist schwer zu unterdrücken. Nichts erinnert mich daran, dass ich vor einigen Minuten noch draussen bei sommerlichen Temperaturen in der Sonne gestanden bin. Nun krieche ich auf allen Vieren durch enge Gänge: den Rucksack an die Füsse gehängt, damit ich nicht stecken bleibe, zwänge mich durch einen engen Spalt, nur durch ein Seil gesichert, die rutschigen Felswände empor und in Stiefeln durch eisig kaltes, fast knietiefes Wasser. Der Lohn für die Anstrengungen ist aussergewöhnlich: eindrucksvolle Tropfsteine und Höhlengänge, glasklare unterirdische Seen und über Jahrhunderte durchs Wasser geformte Steinskulpturen.

Normalerweise sind solche Exkursionen Höhlenforschern vorbehalten. Erwin Gubler und sein Team sorgen nun für eine Ausnahme. Denn wer bei ihrem Trip dabei sein möchte, muss nicht die Strapazen einer oft tagelangen Höhlenexpedition erdulden. Ich nehme ganz einfach die 3D-Brille ab und sitze wieder bequem auf meinem Stuhl in einer der Vorführungen von «Faszination Höhlen in 3D».

«Sie lassen mich nicht mehr los»
«Höhlen sind das ideale Objekt für eine 3D- Produktion. Nirgends kommt eine dreidimensionale Wirkung besser zur Geltung als hier», sagt Erwin Gubler. Der passionierte Fotograf hat in der Vergangenheit verschiedene Fotobücher und Bildschauen produziert. Als er 2012 an einem Höhlenkongress das erste Mal ein 3D-Video sieht, ist er fasziniert und weiss instinktiv: «Das lässt mich nicht mehr los!»

Die Eishöhle als grosse Herausforderung (Bild: Erwin Gubler)

Während rund zwei Jahren vertieft sich der heute 70-Jährige in die 3D-Materie. Sein Ziel ist eine Tonbildschau mit 3D-Standbildern und Videos. Dazu braucht es eine spezialisierte Ausrüstung und ein fundiertes Fachwissen. «Meine Produktion ähnelt in keiner Weise den bekannten 3D-Kinofilmen wie Avatar mit schnellen Wechseln und viel Action. Durch 3D-Standbilder entsteht eine ruhige Wirkung. Die Tiefe der Bilder kommt komplett zum Tragen», sagt Gubler.

Im Februar 2015 beginnt er zusammen mit dem Höhlenforscher Dieter Betschart und dem Materialträger und Beleuchter Armin Müller fünf verschiedene Höhlen in der Gemeinde Muotathal zu begehen und zu fotografieren. Den Schwerpunkt bildet dabei das Hölloch. Hier hat Gubler mit 19 Jahren seine ersten Höhlenerfahrungen gesammelt als Helfer beim Materialtransport. Und auch bald 50 Jahre später fasziniert ihn die grösste Karsthöhle der Schweiz immer noch. Mit übe 200 Kilometern vermessenen Gängen ist das Höhlenlabyrinth des Höllochs die zweitgrösste Höhle in Europa, und die neuntgrösste der Welt. Ihre Geschichte ist an Dramatik und Spannung kaum zu übertreffen.

Tropfsteine in der Bawangli Höhle (Bild: Erwin Gubler)

Die Schönheit in der Dunkelheit
1875 wurde die Höhle von einem Bergbauern entdeckt. Rund 30 Jahre später witterte der Zürcher Höhlenforscher Hans Widmer eine einzigartige Geschäftsmöglichkeit und damit das grosse Geld. Er wollte das Hölloch touristisch erschliessen. Er fand für sein Vorhaben belgische Sponsoren und gründete 1905 die «Grottes de Muotathal en Suisse», eine Aktiengesellschaft, die über ein Startkapital von einer Million Schweizer Franken verfügte. Am 1. Juli 1906 wurde eine 700 Meter lange Höhlenstrecke eröffnet; ein Jahr später das «Hotel des Grottes». Doch der Besucherstrom blieb aus. Kaum ein Tourist verirrte sich ins abgelegene Muotatal. Das Unternehmen und das Hotel gingen Bankrott und 1910 zerstörte ein Hochwasser den Höhlengang.

Erwin Gubler bei der Arbeit (Bild: Erwin Gubler)

Das Scheitern des gross angelegten Hölloch-Projektes zu der damaligen Zeit erstaunt aber kaum. Eine dunkle, kalte Höhle stiess 1906 auf wenig öffentliches Interesse und war ungeeignet als Touristenmagnet. Die Schönheit, die aber genau solche faszinierenden Höhlen bieten, möchte Gubler nun mit seiner Tonbildschau auch dem Laien hautnah nä- herbringen – sei es durch Vorführungen in Museen, bei Privatpersonen, in Vereinen oder Schulen. Versuche zeigten, dass die Thematik Höhlen und die 3D-Bilder nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche faszinieren. Ein didaktisches Konzept für Lehrpersonen liegt vor. Mit der 3D-Tonbildschau ist alles bereit, damit das Klassenzimmer für kurze Zeit zu einer Höhle wird.

www.gubler-foto.ch

 

DIE SCHWEIZ – EIN HÖHLENPARADIES
In der Schweiz sind an die 9000 Höhlen erfasst, vorwiegend durch Mitglieder der regionalen Höhlenvereine, die der Dachorganisation «Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung SGH» angehören. Ein Eldorado für Höhlenforscher ist das Muotatal. In diesem Schwyzer Bergtal, das im Süden an den Kanton Uri und im Osten an den Kanton Glarus grenzt, sind auf engstem Raum unzählige Höhlen beheimatet. Aus fünf Muotataler Höhlen, zu denen normalerweise nur Höhlenforscher Zugang haben, präsentiert Erwin Gubler seine 3D-Fotos und Videos. Die besuchten Höhlen sind kaum für Besucher «gezähmt» und verfügen weder über betonierte Wege noch elektrische Beleuchtung. Als Kontrast zu den Forscherhöhlen besucht Gubler und seine Frau Heidi auch die Höllgrotten in Baar im Kanton Zug, eine für Touristen ausgebaute Höhlenanlage.

publiziert 29. Juni 2017, Magazin „Tierwelt“

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