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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Nach Slow Food nun die Slow Family?

Nach Slow Food nun die Slow Family?

Slow Food ist in aller Munde – verbal und kulinarisch. Wer über Geschmack und Gewissen verfügt, isst und köchelt bewusst. Doch nur am Herd steht die Slow-Food-Bewegung schon lange nicht mehr. Sie hat den Sprung aus der Küche in die grosse weite Welt geschafft und dort eine kleine Schwester gezeugt: Slow Family.

Die Anleitung dafür ist denkbar einfach: Man nehme ein paar Kinder, mische sie gut mit einer Handvoll ausgewählter Zutaten, und heraus kommt ein einfaches, glückliches Familienleben. Genau dies verspricht das Buch «Slow Family – Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern». Proklamiert wird in der Dauerhektik des 21. Jahrhunderts die Entdeckung der Langsamkeit, die familiäre Entschleunigung. Eine Phrase, die mehr an einen entspannten Kuraufenthalt erinnert als an ein hektisches Familien- und Berufsleben. Auch nach der Lektüre von «Slow Family» fragte ich mich immer noch: Ist das konstante Gefühl von Entschleunigung zwischen Windpocken, Mitarbeitergespräch und Kindergeburtstag wirklich möglich?

Dem System den Mittelfinger zeigen
Die beiden Autorinnen Julia Dibbern und Nicola Schmidt reagieren auf meine Frage mit einem überraschend ehrlichen Nein. «Denn Glück ist kein konstantes Gefühl. Entschleunigung auch nicht. Auch unsere Vorfahren mussten zwischendurch mal hektisch alles einpacken und vor dem Wetter fliehen. Darum geht es nicht. Es geht darum, immer wieder an diesen Punkt zu kommen, immer wieder Ruhe zu finden», erklärt Nicola Schmidt, und Julia Dibbern ergänzt: «Wir nennen das im Buch den ‹Jeden Tag ein kleines bisschen›-Effekt. Gönnen wir uns jeden Tag bewusst Pausen, Langsamkeit, Präsenz füreinander. Stillen oder Fläschchen geben nicht mit Blick aufs Handy, sondern mit Blick aufs Kind, mit Kommunikation. Lego spielen nicht mit dem Computer oder Smartphone daneben, um mal schnell die Mails zu checken, sondern mit Spass an dem grossen Turm, der da entsteht. Das hat auch etwas mit bewussten Entscheidungen für das Jetzt zu tun: langsam, achtsam, echt.»

Einfach fällt diese Slow-Family-Haltung nicht immer – auch den Autorinnen nicht. «Es gab eine Zeit, als wir beide absolut am Limit waren. Wir arbeiteten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Und stellten irgendwann fest, dass unsere Kinder uns nur noch mit Computer vor der Nase kannten. Das wollten wir nicht. Wir haben uns als ersten Schritt gegenseitig verboten, uns am Wochenende anzurufen. Bei uns in der Familie gibt es zum Beispiel am Wochenende auch einen bildschirmfreien Tag. Und die Abende gehören der Familie und nicht der Abgabe, die wartet.» Egal, wie gross die Arbeitslast oder die familiären Verpflichtungen seien, im Zentrum stünden immer die gleichen Fragen, erklären die beiden Frauen: Macht das glücklich? Und warum tun wir das? Ihr Fazit ist klar: «Es braucht eine ganze Menge Mut, um diesem System manchmal den Mittelfinger zu zeigen und zu sagen: An der Stelle heute ohne mich. Aber es ist machbar.»

Klare Prioritäten setzen und sich Zeit nehmen: Slow Family . (Bild Kerry Cheah)

Vieles geht – aber nicht alles gleichzeitig
Und genau diese Machbarkeit erstaunt. Buchautorin Nicola Schmidt ist Journalistin, Unternehmerin, Gründerin des Artgerecht-Projektes, das Wildnis-Camps für Eltern und Kinder organisiert, pädagogische Vordenkerin, Social-Media-Expertin, Familienfrau und Mutter in Personalunion. Wo bleibt bei so viel Engagement und Verpflichtung die «Slow Family»? Ist dies wirklich ein realistischer Ansatz oder nur ein gut verkäuflicher Modetrend?

«Ich habe herausgefunden, dass man vieles machen kann – aber nicht alles gleichzeitig. Ich leite im Sommer die Artgerecht-Camps, schreibe im Winter Bücher, halte ansonsten tageweise Social-Media-Seminare, und an anderen Tagen schreibe ich Artikel. Mein Jahr ist aufgeteilt zwischen all diesen Rollen. Meine Tage auch: morgens schreiben, dann Telefonate, nachmittags Kinder und abends oder nachts eben die Buchhaltung! Den Moment geniessen kann ich erst, seit ich nicht mehr perfekt sein muss. Seit ich akzeptiert habe, dass ich auch mal eine Deadline reisse oder zu spät bin oder etwas vergesse, weil das Lagerfeuer, das Vorlesen oder mein Mittagsschlaf einfach Vorrang hatten.

publiziert 13. Juni 2017, Tagesanzeiger

Comments

  • Alexandra T
    REPLY

    What a wonderful movement. Going off to practice some ’slow family‘ time right now – enjoying the silly, little, domestic moments nothing-big, but deeply-special…

    Juni 13, 2017

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