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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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„Bewegen sich die Bäume, weil sie kalt haben?“

„Bewegen sich die Bäume, weil sie kalt haben?“

Puppenstube, Spielecke und Legosteine sucht man im Waldkindergarten vergebens. Wurzeln und Blätter werden zu Spielzeug. Denn gelernt wird hier in, mit und von der Natur. Ein Besuch im St.Galler Waldkindergarten Riethüsli.

Minus acht Grad, dichter Schneefall und vereiste Strassen. Winterwetter, bei dem man nicht einmal seinen Hund vor die Türe setzen würde. Doch eine kleine Gruppe Kinder sitzt gutgelaunt mit ihrer Kindergärtnerin mitten im tiefverschneiten Wald und diskutiert. „Wer hat den Winter gebracht? Der Schneekönig oder die Schneegeister? Und warum gerade jetzt?“ Die Kälte scheint an den fünf und sechsjährigen Knirpsen abzuprallen. Die kleinen Augen blitzen neugierig unter den farbigen Wollmützen und Kapuzen hervor. Konzentriert hören die Kleinen zu und tollen danach quietsch vergnügt durch den Schnee, beobachten Vögel, schlitteln einen Abhang hinunter, singen ein Winterlied, bauen Schneegestalten oder verfolgen Tierspuren.

„Wir basteln keine Schneeflocken, schauen uns keine Bilder von Bäumen an oder behandeln das Thema Jahreszeiten. Wir erleben das alles direkt in der Natur und zwar mit allen Sinnen“.

„Unser Kindergartenzimmer ist der Wald – egal ob es regnet oder schneit“, erklärt Waldkindergärtnerin Regula Bendel. Doch auch ohne Schulzimmer und Dach über dem Kopf muss der Lehrplan gleich wie in einem gewöhnlichen Kindergarten umgesetzt werden, nur ist im Wald alles ein wenig natürlicher. „Wir basteln keine Schneeflocken, schauen uns keine Bilder von Bäumen an oder behandeln das Thema Jahreszeiten. Wir erleben das alles direkt in der Natur und zwar mit allen Sinnen. Der Wald ist der perfekte Lern- und Spielplatz“, sagt die Waldpädagogin. Die Kinder klettern auf Bäume, basteln mit Holz und werken mit Hammer, Sackmesser und Säge. Stellt diese Art von Allwetter-Kindergarten nicht ein unnötiges Risiko für die Knirpse dar?forest1

Keine Möbel, keine Spielsachen, keine Toilette: Alltag in der Waldschule (Bild Wüthrich)

 

„Selbstverantwortung und Selbstbestimmung sind wichtig. Die Kinder bestimmen, was sie sich zutrauen und tragen dafür die Verantwortung. Wir begleiten und unterstützen sie dabei. Die Waldkinder sind nicht öfter verletzt oder krank als ihre „Gspänli“ in einem normalen Kindergarten“, unterstreicht Regula Bendel, die zusammen mit einer Praktikantin seit drei Jahren im Waldkindergarten unterrichtet. Um der beissenden Kälte oder einem drohenden Sturm für einen Morgen zu entkommen, stehen im Notfall Museums- oder Atelierbesuche auf dem Programm. Den „Waldkoller“ bekommen Bendel und ihre Schützlinge nur höchst selten und zwar dann, wenn der kalte Winter kein Ende zu nehmen scheint.

Gegründet wurde der erste Waldkindergarten in St.Gallen 1998 von einer Gruppe engagierter Eltern. Als Vorbild galten damals Deutschland und in Dänemark, wo in den 50er Jahren die ersten Waldkindergärten entstanden. Heute findet man in vielen Teilen der Schweiz Waldspielgruppen und Waldkindergärten. In der Stadt St.Gallen gibt es jedoch nicht nur einen Waldkindergarten, sondern auch die schweizweit erste Waldbasisstufe, wo Kinder bis zur zweiten Klasse unterrichtet werden. Die Erfahrungen zeigen, dass die Waldkinder beim Übertritt ins gewohnte Schulsystem insbesondere mit ihren Selbst – und Sozialkompetenzen überzeugen. „Die Kinder lernen sich gegenseitig zu helfen, aber auch Konflikte selbstständig zu lösen. Nicht weil es vorgeschrieben ist, sondern weil der Wald dieses „Miteinander“ fordert. Wie sonst komme ich alleine einen steilen Hang hinauf oder schaffe es ein grosses Holzstück zum Feuerplatz zu hieven?“, umschreibt Helen Moody, deren Tochter Emily den Waldkindergarten besucht, ihre Erfahrungen. „Emily ist selten krank, reagiert gelassen, wenn sie sich mal in den Finger schneidet und kommt vom Kindergarten energiegeladen nach Hause, um sich glücklich ihr „rosarotes “Hello-Kitty-Shirt“ anzuziehen“. Doch trotz zufriedener Kindergärtler und Eltern kämpft der Waldkindergarten Riethüsli jedes Jahr aufs Neue ums Überleben.

Ein Billigmodell ist der Waldkindergarten nicht.

Denn obwohl die Kosten für Mobiliar, Infrastruktur und Wartung wegfallen, ist ein Waldkindergarten kein Billigmodell. Die Klassen sind mit maximal 16 Kindern klein und werden jeweils von zwei Personen betreut. Der Kostenaufwand ist entsprechend hoch. Aus diesem Grund entschied zum Beispiel die Stadt Kloten Anfangs 2010 den Waldkindergarten zu schließen. Die prekäre finanzielle Situation der Stadt ließe die Führung eines Waldkindergartens, der wegen Schulbusfahrten und einer zusätzlichen pädagogischen Mitarbeiterin Mehrkosten von rund 100 000 Franken verursache, nicht mehr zu, teilte die Schulbehörde mit.

Da in St.Gallen weder Stadt noch Kanton, den Kindergarten mitfinanzieren, lastet die finanzielle Verantwortung auf dem Verein „Waldkinder St.Gallen“ sowie den Eltern. Das Schulgeld ist einkommensabhängig und beträgt im ersten Kindergartenjahr minimal 500 Franken pro Monat. Wer sich den Kindergarten leisten kann, droht jedoch an den „zeitlichen“ Anforderungen zu scheitern. Denn Blockzeiten kennt der Waldkindergarten keine. Die Knirpse müssen wetterentsprechend angezogen und ausgerüstet zum Wald oder Bahnhof gebracht und am Mittag oft schmutzig und nass wieder abgeholt werden. Es gilt jedoch festzuhalten: Nicht für alle Kinder sind die Voraussetzungen im Wald ideal. Für einige ist der Waldalltag körperlich zu anstrengend oder zu unstrukturiert.

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Diskussion unter Waldkindergartenkinder: Warum bewegen sich die Bäume? (Bild Wüthrich)

 

Doch genau dies schätzen die 13 aktuellen „“Pilzgörpse“, wie sich die Kindergärtler nennen. „Ich bin Schnee- und wasserdicht“, erklärt ein Dreikäsehoch und stürzt sich als Beweis kühn in einen Schneehaufen, getreu nach dem Motto: „Ob es stürmt oder schneit – zu allem bereit!“ Ein kleines Mädchen zeigt stolz ein Stück Eis, das es mit Blättern verziert hat. „Selbst gegossen, selbst gefroren“. Aufgabenstress, Platzmangel oder gar Leistungsdruck sucht man im Waldkindergarten vergebens. Raum um sich zu bewegen und Zeit für Fragen hat es zur Genüge: „Wer macht, dass die Tiere nach dem Winter wieder aufwachen? Bewegen sich die Bäume, weil sie kalt haben? Und friert die Wolke, wenn es schneit?“

Tote Tiere werden nicht berührt. Wer auf die Toilette muss, gräbt ein Loch, verbrennt das gebrauchte Toiletten Papier, damit es besser verwest, deckt das provisorische WC wieder mit Erde fein säuberlich zu und markiert den Platz mit einem Ast, damit der nächste nicht per Zufall den gleichen Ort wählt.

Die Kinder sind sich bewusst im Wald Gast zu sein. Sie nehmen nur, was sie brauchen – vorsichtig und manchmal fast ehrfürchtig. Ein kleiner Ast wird zur Taube; ein Tannzapfen zum U-Boot und eine Wurzel zum Waldgeist. Wer Spielzeug braucht, erfindet es sich selbst. Vorgaben gibt es keine. Gefordert ist die eigene Phantasie. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, dem Verhalten im Wald hingegen schon! Mit Werkzeug wird nicht gespielt. Stopp heisst stopp. Tote Tiere werden nicht berührt. Wer auf die Toilette muss, gräbt ein Loch, verbrennt das gebrauchte Toiletten Papier, damit es besser verwest, deckt das provisorische WC wieder mit Erde fein säuberlich zu und markiert den Platz mit einem Ast, damit der nächste nicht per Zufall den gleichen Ort wählt. Es besteht kein Zweifel: Die Kinder profitieren vom Wald: Doch was geben sie dem Wald zurück?

„Die Kinder bekommen eine emotionale Bindung zur Wald. Sie sind per du mit der Natur. Ich glaube, dass diese Erfahrung die Kinder ein Leben lang prägt. Das heisst nicht, dass alle Umweltaktivisten oder Ökofreaks werden, aber dass sie über ein gewisses Umweltbewusstsein verfügen und danach handeln“, erklärt Kindergärtnerin Bendel. Waldmenschen statt Stubenhocker.

Dass der Waldkindergarten einen positiven Einfluss auf die heutige junge Generation hat, glauben auch die Südkoreaner. Professor Myung-Hwan Lee, ein südkoreanischen Spezialisten für Früherziehung und Autor eines Buches über Waldkindergarten, besuchte 2008 zusammen mit 30 Studenten und Erzieherinnen den St. Galler Waldkindergarten und ließ sich von den Ostschweizern inspirieren. Im August 2009 gründete Lee an der Incheon Universität den ersten Waldkindergarten in Südkorea.

Der Artikel wurde im Januar 2011 in der Tierwelt publiziert

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