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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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«Erkenntnis hat nie Format A4»

«Erkenntnis hat nie Format A4»

Der gelernte Kindergartenlehrer und Autor Lorenz Pauli rief in seiner Laudatio an einer Diplomfeier für jungen Pädagoginnen und Pädagogen zum «Scheitern in Schönheit» auf. Was er damit meint, weshalb er gegen Kopierapparate ist und sich für das «Bremsen» einsetzt, erklärt er im Gespräch.

 

Den ersten Tag als junger Lehrer beziehungsweise als junger Kindergartenlehrer vor der eigenen Klasse stehen. Woran erinnern Sie sich?
Lorenz Pauli: «Ich wollte damals den ganzen Ballast der Ausbildung hinter mir lassen und den Kindergarten neu erfinden. Ich dachte, weil ich ein Mann bin, sei alles anders. Ich brauchte mehrere Jahre, bis ich auf den Teppich zurückfand. Das Erlebnis des ersten Kindergartentages war: Vor mir sass ein Kind am Boden. Ich bat es, zu uns allen in den Stuhlkreis zu kommen. Das Kind wollte nicht. Ich wollte, dass es wollte. Das Kind sah mich klar und direkt an und sagte: «Ich pinkle». Was es dann auch tat. Nadelfilzteppich. Grosse Pfütze. Staunen. Putzlappen. Überforderung.»

 

Um welche Informationen und Ratschläge wären Sie damals dankbar gewesen?
«Dass Lachen hilft. Und dass Gelassenheit ansteckend wirken kann.»

 

«Ich meistere die Praxis dadurch, dass ich sie über die Theorie stelle. Natürlich brauche ich einen gut gepackten Theorierucksack. Aber es ist nicht der Rucksack der unterwegs ist. Ich bin es. Und der Rucksack soll bloss helfen.

 

Die Praxis ist unberechenbarer als die Theorie. Was ist Ihrer Meinung nach, die unabdingbarste Kompetenz, um sie zu meistern?
«Ich meistere die Praxis dadurch, dass ich sie über die Theorie stelle. Natürlich brauche ich einen gut gepackten Theorierucksack. Aber es ist nicht der Rucksack der unterwegs ist. Ich bin es. Und der Rucksack soll bloss helfen. Theorie hat, finde ich, allzu oft den Nimbus alles erklärbar und lösbar zu machen. Der Alltag mit Kindern lehrt dann etwas anderes. Ich denke, ein gesundes Misstrauen der allzu schlüssigen Theorie gegenüber ist nötig. Und: Wird Theorie von Theoretikern vermittelt, die kein Bein in der Praxis haben, ist das zwar vielleicht durch Sachzwänge erklärbar, aber sinnvoll ist es nicht.»

 

Sie haben 25 Jahre als Kindergartenlehrer gearbeitet. Seit 2013 sind Sie hauptberuflich als Autor tätig. Welche Aspekte aus dem Alltag als Pädagoge vermissen Sie und was fehlt Ihnen in keiner Weise?
«Die zwei Teile der Frage liegen nahe beieinander. Mir fehlt der alltägliche Kleinkram gar nicht. Dieses «Luca hat mir schon wieder…» zum Beispiel. Oder wenn Emma herumkommandiert und alle anderen aufräumen und putzen lässt. Oder wenn Luca eben wirklich schon wieder… Das mag niemand. Und doch ist es genau der alltägliche Kram, dieses Arbeiten an den mühsamen und schönen Winzigkeiten, das mir fehlt. Als Geschichtenerzähler habe ich meist die glänzenden Kinderaugen und offenen Münder vor mir. Das ist wunderbar! Das geniesse ich! Aber wer immer nur Sahnetorte isst, weiss am Ende nicht mehr, wie Sahnetorte schmeckt.»

 

Viele Lehrpersonen steigen nicht erst nach 25 Jahren Unterrichtstätigkeit aus, sondern schon nach wenigen Jahren. Was sind Ihrer Meinung nach die Beweggründe dafür?
«Das Interesse an der Vielfalt. Die Möglichkeiten, die man glücklicherweise in unserer Gesellschaft hat. Wir suchen alle unseren Weg. Super, dass nicht nur Lehrerinnen zu Metallbauerinnen werden, sondern auch Sanitärinstallateure zu Lehrern. Ich mag Biografien, die nicht wie eine Flugzeugpiste aussehen.»

Foto Emil Hofmann

Lorenz Pauli, Kindergartenlehrperson und Autor  (Bild: Emil Hofmann)

 

Die PH Bern hat ein Pilotprojekt gestartet, bei dem das letzte Ausbildungsjahr auf zwei Jahre ausgeweitet wird. Dafür unterrichten die Studierenden parallel in einem Teilzeitpensum an einer Schule. Was halten Sie davon? Kann der Einstieg in den Beruf damit vereinfacht werden?
«Das finde ich vielversprechend. Es hat eine Logik, wenn das enger verschränkt wird. Ich bin sicher, dass nicht nur die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger profitieren, sondern auch die PH.»

 

An der PH Zug haben Sie an der diesjährigen Diplomierung der Pädagoginnen und Pädagogen die Laudatio gehalten und «zum krachenden Scheitern in Schönheit» aufgerufen. Soll Scheitern ein Qualitätsmerkmal für junge Berufsleute werden?
«Es kann eine Grundhaltung zeigen: Ich bin nicht unfehlbar. Ich suche mit euch Schülerinnen und Schülern die Lösung. Viel zu oft versuchen wir, eine sauber geplante Unterrichtssequenz 1 : 1 umzusetzen. Die Kinder lernen dabei: «Oh, Frau Bögli kann einfach alles!» Klar wollen wir es gut machen. Aber auf unserem Weg gibt es Stolpersteine, Irrtümer, Tiefschläge, Fehler. Der Umgang damit gehört dazu. Und auch das sollen die Kinder in der Schule lernen: Scheitern ist nichts, wofür man sich schämt, sondern ist ein Teil des Lernens und Lebens. Wenn wir als Lehrpersonen auch scheitern – und dazu stehen! – dann fördern wir eine Kultur, die Ängste abbaut.»

 

Sind Lehrpersonen, Schulleitungen, Eltern und Kinder für das Scheitern als Kompetenz überhaupt «bereit»?
«Kinder können das. Erwachsene müssen es lernen. Das kindliche Lernen funktioniert oft über Erfolg und Misserfolg. So kommt man vorwärts. Zu Hause, im Kindergarten, in der Schule werden aber ihre Erfolge und Misserfolge bewertet. Das ist Gift für die Fehlerkultur. Das lässt die Kinder die Strategie entdecken: Belohnt wird, wer auf sicherem Terrain bleibt. Es lohnt sich, die Schulhauskultur da zu hinterfragen. Wie wärs mit dem Jahresthema fürs nächste Schuljahr: «Feler gehören datzu»?


Lorenz Pauli absolviert nach einer Banklehre in Bern das Kindergartenseminar. Der 52-Jährige arbeitete 25 Jahre als Kindergartenlehrer und bildete sich im Bereich der Erwachsenenbildung weiter. Seit 2014 ist der zweifache Familienvater hauptberuflich freier Schriftstellerund Erzähler. Er schreibt Hörspiele, Liedertexte und Bücher für Kinder. Pauli wurde für seine Arbeiten im In-und Ausland ausgezeichnet. www.mupf.ch 

 

In Ihrer Ansprache rufen Sie zur Renaturierung des Unterrichts auf: «PädagogInnen aller Länder! Meidet den Kopierapparat!» Was wollen Sie konkret damit aussagen?
«Meine Erfahrung ist die, dass ich als Pädagoge dann am wirksamsten und glaubwürdigsten war, wenn ich schlecht vorbereitet daherkam. So etwas darf man nicht laut sagen, ich weiss. Aber das öffnet den Fokus auf jene Themen, die wirklich anstehen. Dann bin ich offen und aufnahmefähig für die Fragen, die einen Sitz im richtigen Leben haben. Dort anzuknüpfen bringt garantiert viel.»

 

«Auch das sollen die Kinder in der Schule lernen: Scheitern ist nichts, wofür man sich schämt, sondern ist ein Teil des Lernens und Lebens. Wenn wir als Lehrpersonen auch scheitern – und dazu stehen! – dann fördern wir eine Kultur, die Ängste abbaut.»

 

Lehrpersonen sind gezwungen, beim Unterrichten, Vor- und Nachbereiten klare Prioritäten zu setzen, um mit den begrenzten Zeitressourcen auszukommen. Sie empfehlen zu bremsen. Bei was?
«Wir lächeln über asiatische Touristen: Kappelbrücke, Jungfraujoch, Rheinfall, Bahnhofstrasse, Zytglogge. Fertig Schweiz. Die sehen keine wirkliche Schweiz. Wer mit Kindern lebt, darf nicht zum asiatischen Reiseführer werden. Wir müssen bremsen. Im Kleinen das Eigentliche suchen. Weniger Highlights, mehr Vertiefung. Und vom Vertiefen zum Vernetzen. Ich weiss, dafür ist zu wenig Zeit und die Ansprüche sind endlos. Wir müssen den Selektionsdruck anders denken: Nicht die Kinder werden gemessen, sondern die Inhalte! Anstatt alles so zu vermitteln, dass fast alle etwas ein bisschen verstehen, ein gut gewähltes bisschen so vermitteln, dass es alle verstehen.»

 

Bremsen und Scheitern sind Verhaltensweisen, die auf Konfrontationskurs mit der Leistungsgesellschaft stehen. Wie lassen sie sich trotzdem – gerade von jungen Lehrpersonen – umsetzen?
«Wir wissen, dass wir etwas können und jemand sind. Beides (ja, beides) bringen wir in den Unterricht ein. Dann sind wir glaubwürdig. Unsere Gesellschaft ist ein Whirlpool der verschiedensten Strömungen. Wir gehen darin nicht unter, wenn wir den Kopf heben.»

 

publiziert Oktober 2019, „Zeitschrift „Bildung Schweiz“ (10/ 2019)

 

 

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