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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Die Zurückgebliebenen

Die Zurückgebliebenen

Moldawiens Betreuungs- und Bildungssystem befindet sich im Umbruch und versucht, sich an einem integrativen System zu orientieren.

Moldawien ist das ärmste Land in Europa. Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption dominieren. Jeder dritte Moldauer arbeitet im Ausland – und lässt oft nicht nur Haus, Hund und Freunde zurück, sondern auch die eigenen Kinder. Laut UNICEF wächst jedes fünfte Kind nur mit einem Elternteil oder ohne Eltern bei Familienangehörigen oder Nachbarn auf. Das entspricht rund 40000 Kindern unter fünf Jahren. Wo keine Betreuungspersonen präsent sind, hat der Staat die Verantwortung übernommen und platziert die Kinder in «Waisenhäusern». Elternlos ist in solchen Heimen kaum ein Kind. Über 90 Prozent haben Eltern oder nahe Verwandte, die jedoch aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen nicht fähig sind, sich ums Kind zu kümmern. Oder der Nachwuchs kam mit einer Behinderung zur Welt.

Internationaler Druck zeigte Wirkung
Das System «staatliche Fremdplatzierung» hat in den vergangenen Jahren grosse Risse bekommen. UNICEF, internationale NGOs und die Europäische Union kritisierten die prekären Bedingungen in den Kinderheimen. Kein Wasser, keine Toiletten, kaum Hygiene, weder genügend Nahrung und Betreuung noch Bildung. Moldawien musste auf den internationalen Druck reagieren. Das Risiko, wichtige Geldgeber wie die Europäische Union zu verlieren, konnte sich das verarmte Land nicht leisten. 2007 implementierte der Staat einen ersten Aktionsplan. Ein weiterer Plan folgte 2016. Die Ziele sind klar: Bis ins Jahr 2020 sollen alle Waisenhäuser geschlossen sein und die Kinder in ihre Stammfamilie, in Pflegefamilien oder in Wohngruppen integriert sein. Gleichzeitig soll ein integratives Schulsystem gefördert werden, damit auch Kinder mit einem Handicap die öffentliche Schule besuchen können.

Die Zwischenbilanz sieht laut Behörden gut aus. 2007 waren an die 12 000 Kinder in 67 Institutionen untergebracht. Innerhalb von fünf Jahren wurden 62 Prozent der Kinder «entlassen». Ende 2015 warteten noch etwa 1900 Kinder in weniger als 40 Institutionen auf eine Neuplatzierung. Eine erste integrative Schule nach westlichem Modell wurde 2016 eröffnet. Die Abschaffung der Waisenhäuser wird wohl wie geplant bis 2020 erledigt und die internationale Gemeinschaft zufriedengestellt sein. Die Realität sieht jedoch anders aus.

«Ein sozialistischer Staat kennt keine sozialen Probleme»
«Bis 2006 gab es in Moldawien keine Sozialarbeiter, keinen Kinderschutz, keine Familienbehörde, keine Schulen für verhaltensauffällige Kinder, keine Heilpädagogen und kaum Toleranz behinderten Menschen gegenüber. Problemfälle landeten im Heim. Wir waren unter der Sowjetunion ein sozialistischer Staat und ein sozialistischer Staat kennt keine sozialen Probleme», erinnert sich eine Einheimische, die beim Erstellen des Aktionsplans mitarbeitete. Sie erklärt: «Es galt, innerhalb kürzester Zeit bis anhin inexistente Fachpersonen zu rekrutieren, die die Heimkinder und ihre Situation beurteilen. Die Stammfamilien mussten gefunden, informiert und vorbereitet werden. Warum sollten auf einmal die Eltern – die oft gar nicht im Land waren – für ihre Kinder zuständig sein? Es mussten Ausbildungen und Prozesse erstellt werden. Viele Kinder sollten in Pflegefamilien untergebracht werden, doch wir kannten dieses Modell nicht. Mit dem Umbruch des Systems überrumpelte sich der Staat selbst und überforderte sich und seine Gesellschaft.»

Als Stammfamilie ein Kind zurückzunehmen oder sich als Pflegeeltern zur Verfügung zu stellen, lohnt sich nicht.

Heute verfügt jeder Distrikt über eine Familienschutzbehörde und Sozialarbeiter. Doch als Stammfamilie ein Kind zurückzunehmen oder sich als Pflegeeltern zur Verfügung zu stellen, lohnt sich nicht. Die Unterstützung des Staates – knappe 50 Euro pro Monat – reicht kaum aus, das Kind zu ernähren und zu kleiden. Zusätzlich sind die ehemaligen Heimkinder traumatisiert und würden spezialisierte Betreuung und Schulung benötigen. Doch Hilfe kann auch das Schulsystem nicht bieten. Unterrichtet wird im autoritären sowjetischen Stil, geprägt durch Wiederholungen und Auswendiglernen. Für «Problemfälle» ist niemand gewappnet.

Karges Leben im steten Kampf ums Überleben. Eisfischer ausserhalb der Hauptstadt Chișinău. (Bild Wüthrich)

Heimkinder, Kinder ohne Eltern oder nur mit einem Elternteil, die in einer verarmten, korrupten Gesellschaft geprägt von häuslicher Gewalt und Alkoholkonsum aufwachsen: Negative Stimmen behaupten, dass in Moldawien eine fragile Generation von verwaisten Kindern heranwächst – emotional und sozial verwahrlost. Doch den «Parents-Drain», die Abwanderung von Eltern, nur als negatives Phänomen darzustellen, ist falsch.

Drei Monate in einem Heim machen laut Experten einen Monat «kindliche Entwicklung» zunichte.

Das Einkommen der Eltern, die im Ausland tätig sind, ermöglicht vielen Kindern in der Heimat eine sichere Versorgungslage, was Essen und Wohnen anbelangt, und bietet eine bessere Ausbildung und Zugang zum Gesundheitssystem. Wirtschaftlich gesehen haben die «zurückgelassenen Kinder» einen besseren Start ins Leben und schliesslich auch eine bessere Schulbildung. Sie haben damit – im Vergleich mit Gleichaltrigen, deren Eltern keinen Verdienst oder nur ein bescheidenes Einkommen haben – eine grössere Chance, eine Arbeit zu bekommen. Verglichen mit einer Platzierung im Heim ist es für die «zurückgelassenen Kinder» vorteilhafter, bei einem Elternteil, Verwandten oder Nachbarn aufzuwachsen. Denn grosse Institutionen gelten als kinderfeindlich. Drei Monate in einem Heim machen laut Experten einen Monat «kindliche Entwicklung» zunichte.

Schule nach britischem Modell
Eine weitere Chance auf eine bessere Zukunft soll in Moldawien ein integratives Schulsystem schaffen. Die erste integrative Schule des Landes liegt rund 30 Minuten ausserhalb der Hauptstadt Chișinău. Lanciert und realisiert wurde das Projekt von einer britischen NGO. Baulich und inhaltlich orientiert sich die im September 2016 eröffnete Schule am britischen integrativen Modell. Rollstuhlgängig, hell und offen ermöglicht sie 22 Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung, zusammen mit gleichaltrigen Kindern den Unterricht zu besuchen. Unter demselben Dach finden sich verschiedenste Therapeuten und Fachleute – eine Logopädin, eine Psychologin, Einrichtungen für Ergo- und Hydrotherapie.

“Die Schule ist für alle offen!”. Plakat vor der ersten integrativen Schule Moldawien. (Bild Wüthrich)

Die Schicksale der Schülerinnen und Schüler ähneln sich. Aufgrund ihres sozialen oder geistigen Handicaps verbrachten sie Jahre ohne Unterricht – sei es zu Hause oder in einem Heim. Das integrative Modell ermöglicht ihnen nicht nur den Zugang zu Bildung, sondern auch zu sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen. «Dass dieses Modell für unser Bildungssystem eine ideale Lösung wäre, steht ausser Frage», betont die Direktorin. Was fehle, sei das Geld. Ohne internationale Hilfe drohe der bildungstechnische Stillstand.

Auch mit Schweizer Hilfe: Der Weg zu einem funktionierenden integrativen System bleibt lang und beschwerlich.

Die Schweiz – als integrative Bildungsnation – wäre ein idealer Partner. «Aktuell gibt es keine Pläne für Projekte im Bereich der Ausbildung und Erziehung», erläutert Simone Giger, Leiterin des Büros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Chișinău. Die DEZA engagiert sich in Moldawien vor allem in den Sektoren Wasser, Gesundheit und Migration. «Wir sind im Gespräch mit den Entwicklungsagenturen Deutschlands, Österreichs und Liechtensteins, um die Möglichkeit eines gemeinsamen Programms zur dualen Berufsbildung auszuloten. Ein Entscheid bezüglich eines DEZA­Einstiegs in den Ausbildungssektor kann frühestens Ende 2017 nach der Verabschiedung der neuen Kooperationsstrategie getroffen werden», erklärt Giger.

Ostschweizerin gründete Hilfsprojekt
Nicht auf einer Kooperationsstrategie, sondern auf Eigeninitiative beruht das Engagement der Ostschweizerin Ursina Naef. Die Mutter zweier Töchter lebt in Chișinău, spricht fliessend Rumänisch und ist in der lokalen Bevölkerung integriert. In Anbetracht der prekären Situation gründete sie ein Hilfsprojekt. «In Gratiesti, einem Dorf ausserhalb der Hauptstadt, leben überdurchschnittlich viele Kinder mit einem Handicap; ihr Zugang zu Bildung ist je nach Behinderung eingeschränkt. Ausser einem kleinen Therapiezentrum gibt es keine Unterstützung», erklärt die 43-Jährige. Naef unterstützt das Zentrum monatlich mit 1500 Euro – gespendet von Freunden und Familie aus der Schweiz. Sie sichert damit den Lohn von drei Therapeutinnen, die Existenz des Zentrums und eine Prise Hoffnung für alle Betroffenen. Doch auch mit Schweizer Hilfe: Der Weg zu einem funktionierenden integrativen System bleibt lang und beschwerlich.

Therapie als erster Schritt in ein selbstbestimmtes Leben: Therapeutin mit Kind. (Bild Wüthrich)

 

publiziert April 2017, bildung schweiz (04/2017)

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