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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Ab der Rolle?

Ab der Rolle?

Im Schulunterricht werden Rollenbilder vermittelt. Doch wie sehen die heute aus? Und haben sie einen Einfluss auf die Kinder?

Früher war das Vermitteln von Rollenbil­dern durch Lehrpersonen und Lehrmittel klar und einfach: Mama am Herd, Papa bei der Arbeit, Lisa spielt mit der Puppe und Willi mit dem Traktor. Solche Muster gelten heute als veraltet. Wirklich?

Fran­ziska Schärer, Rektorin am Kurzzeitgym­nasium Musegg in Luzern, untersuchte in ihrer Dissertation die «Schulbuchrealität» im Kanton Luzern. Ihre Resultate über­raschen. «Meine Studie zeigt, dass die Bemühungen, neue Rollenbilder aufzu­zeigen, klar ersichtlich sind», sagt Fran­ziska Schärer. Trotzdem werden Männer in den untersuchten Luzerner Primar­schulbüchern zweieinhalbmal mehr als Frauen dargestellt und kommen viermal öfter als Frauen in Berufsrollen vor. 395 verschiedene Jobprofile für Männer stehen 109 Profilen für Frauen gegenüber. Von Lehrerinnen und Lehrern abgesehen, ist die häufigste männliche Rolle Bauer und für Frauen Hexe. Nur im Familienkontext werden Mann und Frau mit gleicher Häu­figkeit erwähnt. Doch was sind die Gründe für die Verwendung von solch stereotypen Rollenbildern?

Es scheint, als «passierten» die stereotypen Darstellungen einfach. Ohne böse Absicht werden  Ide­ale der «guten alten Zeit» dargestellt und damit Normen verstärkt, die der Diversität nicht entsprechen.

An der Schweizer Gesetzgebung kann es nicht liegen: Seit 1981 ist der Gleich­stellungsartikel in der Bundesverfassung (Art. 8 Abs. 3) verankert und gilt auch für Lehrmittel. Zusätzlich hat die Erziehungs­direktorenkonferenz 1993 verschiedene Empfehlungen zur Gleichstellung von Frau und Mann verabschiedet. Die viel­seitige Darstellung beider Geschlechter in Lehrmitteln ist dabei explizit verankert. Es scheint, als «passierten» die stereotypen Darstellungen von Mädchen und Jungen, von Frauen­ und Männerberufen einfach. Ohne böse Absicht werden dabei die Ide­ale der «guten alten Zeit» dargestellt und damit Normen verstärkt, die der Diversität nicht entsprechen.

Klare Rollenverteilung:  «Ein Buch für Haus und Schule» (J. Staubs Bilderbuch; 1908).  (Bild Wüthrich)

Seit der Durchführung von Schärers Stu­die sind zehn Jahre vergangen. Diese waren geprägt durch die Einführung des Lehrplans 21, neue Schulbücher und moderni­sierte Lehrmittelverlage. Einelternfamilien, berufstätige Mütter und kinderbetreuende Väter, Polizistinnen und Kindergärtner sind in die Schulbuchgeschichten und Unterrichtseinheiten eingezogen. Wenn in einem Lehrmittel eine Szene auf einem Spielplatz vorkommt, gibt es im Idealfall Mütter und Väter, Personen aus verschie­denen Kulturen und mit unterschiedlicher Hautfarbe, ein fussballspielendes Mädchen und jemanden im Rollstuhl.

Die Lehrplan 21­ Macher betonen, dass sich der Lehrplan am Gleichstellungsartikel der Bundesverfassung orientiert. Zusätzlich wurde die erste Lehrplan­-Version einer Expertise zu «Gender und Gleichstel­lung» unterzogen. Die wissenschaftlichen Mitarbeitenden des Lehrplans waren sich von Anfang an bewusst, wie emotional und ideologisch besetzt der Begriff «Gender» ist. In der Endversion wird darum auf die Nennung des Begriffs Gender verzichtet. Die Thematisierung geschlechterspezifi­scher Unterschiede genüge. Zusätzlich ist der Lehrplan 21 in einer geschlechterge­rechten Sprache formuliert und die Inhalte zu Geschlechterrollen und ­themen sind direkt in die Fachbereichslehrpläne einge­arbeitet. Eine scheinbar solide Grundlage für einen ausgewogenen, gesellschaftsspie­gelnden Unterricht.

Schulbücher als gendertechnischer Wolf im Schafspelz? Vielleicht.

Doch auch mit einem neuen Lehrplan seien noch einige Veränderungen fällig, betont Studienverfasserin Schärer. Ver­ändert habe sich seit der Publikation ihrer Studie 2008 nicht viel. Die traditionellen Rollenbilder seien auch in den Deutsch­ und Mathematikbüchern von 2017 nach wie vor stark verankert. «Die Analyse der aktuellen Schulbücher des Kantons Luzern in den Fächern Deutsch und Mathema­tik zeigt auf, dass sich die Darstellung der beiden Geschlechter in den letzten zehn Jahren kaum verändert hat», konkretisiert Schärer. In den zwischen 2008 und 2009 publizierten Deutschbüchern «Die Sprachstarken» und in den zwischen 2007 und 2009 erschienenen Mathematikbüchern aus der Reihe «Schweizer Zahlenbuch» treten zweimal mehr Männer als Frauen auf. Die Männer werden in den Deutsch­büchern zweimal, in den Mathematikbü­chern bis zu viermal öfter in Berufsrollen als Frauen dargestellt. «Ich erachte es als wichtig, dass beim Verfassen eines Lehr­mittels nicht nur der Wahl der dargestell­ten Rollen, sondern auch deren Anzahl grosse Beachtung geschenkt wird. Ansons­ten wird sich die Situation auch in Zukunft nicht verändern, insbesondere weil wir den quantitativen Aspekt bei der Lektüre der Lehrmittel nicht objektiv wahrnehmen», bilanziert Schärer.

Schulbücher als gendertechnischer Wolf im Schafspelz? Vielleicht. «Wir erleben die Rollenbilder nicht mehr als Herausforderung», sagt Markus Neu­enschwander, Geschäftsleiter beim elk­ Verlag. «Wir arbeiten heute ohne jeden Kodex und ohne jede Richtlinie, da ich den Eindruck habe, dass unsere Redak­torinnen und Redaktoren diesen Aspekt so weit internalisiert haben, dass unsere Inhalte in dieser Hinsicht ‹automatisch› ausgewogen sind», erklärt Neuenschwan­der. Auch das Thema Frauenbild/Män­nerbild stehe nicht mehr im Fokus. «Es ist nicht unser Ziel, Vorbilder zu vermit­teln oder die Schülerinnen und Schüler zu beeinflussen. Vielmehr versuchen wir, die bestehende Realität in ihrer Vielfalt und mit ihren Widersprüchen abzubilden, losgelöst von Rollenklischees. Es gibt sta­tistisch relevante Unterschiede zwischen den Geschlechtern, und die anerkennen wir», ergänzt Neuenschwander.

«Schulen haben nicht die Aufgabe, irgendwelche Wunsch­ oder Sollbilder zu vermitteln, sondern sich mit den Realitäten der Kin­der und Jugendlichen in ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.»

Es gibt nicht gleich viele Ingenieurinnen wie Ingenieure und nicht gleich viele Pfle­ger wie Pflegerinnen. Kindergarten­ und Primarlehrpersonen sind meist weib­lich. Der Waschmaschinenmonteur und der Kaminfeger sind dagegen Männer. Geschlechter­ und Rollenbilder werden abseits von Lehrmitteln und Geschlech­terdiskussionen geschaffen. Kinder und Jugendliche orientieren sich täglich neu an Rollenvorbildern – Eltern, Freunden, Autoritätspersonen. Diese Rollen und damit auch eine Klassifizierung sind im Kinder­ und Jugendleben ein Dauerthema – auch in der Schule.

«Der brave Streber und Kinder mit Lernzielbefreiung, witzige Störenfriede und gehemmte Andersspra­chige: Es gibt unzählige Rollen, in denen sich Kinder in ihrer Lerngruppe zeigen können», analysiert Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogische Arbeitsstelle des Dachver­bands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH. Er fügt hinzu: «Die Schulnoten in den verschiedenen Fächern, Pubertätsan­zeichen, die Grösse oder das Alter schaffen immer wieder wechselnde ‹Klassen› von Zugehörigkeiten. Hier bietet sich ein enorm reiches Feld an möglichen Diskussionen zu Rollen und Zuschreibungen. Schulen haben nicht die Aufgabe, irgendwelche Wunsch­ oder Sollbilder zu vermitteln, sondern sich mit den Realitäten der Kin­der und Jugendlichen in ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.»

Doch wer,  wenn nicht Wonder Woman, eignet sich überhaupt für eine weibliche kulturell und gesellschaftlich adaptierbare Vorzeigerolle?

Die starke, selbstbestimmte Frau auf Teu­fel komm raus als Rollenbild zu vermark­ten, kann auch kontraproduktiv sein. Am eigenen Leib erfahren haben das die Kom­munikationsexpertinnen der Vereinten Nationen (UN). Die Superheldin Wonder Woman wurde im Oktober 2016 zur UN­ Ehrenbotschafterin ernannt. Die Comic­figur sollte symbolisch für das Potenzial der modernen Frau, für Gleichberechti­gung und die gesellschaftliche Stärkung von Frauen stehen. Doch die Ernennung löste weltweit Proteste aus. Eine Petition, unterschrieben von fast 45000 empörten Menschen, forderte die Absetzung der freizügigen und in enge Kostüme gekleideten Wonder Woman. Die Figur sei in keiner Weise mit den Zielen eines feministischen Rollenbildes vereinbar.

Nach nur zwei Monaten als UN-Botschafterin «entlassen»: Wonder Woman. (Bild UN)

«Die gegenwär­tige Erscheinung der Figur ist die einer grossbusigen weissen Frau mit unmögli­chen Proportionen», argumentierten die Initianten der Petition – und bekamen Recht. Nach nur zwei Monaten im Amt wurde die Superheldin in ihrer Rolle als UN-­Botschafterin wieder abgesetzt. Das Amt ist bis heute noch vakant. Doch wenn nicht Wonder Woman – wer eignet sich überhaupt für eine weibliche kulturell und gesellschaftlich adaptierbare Vorzeigerolle? Die Frage bleibt offen. Doch spielen Schu­len, Lehrmittel und Lehrer bei der Suche nach einer Antwort überhaupt eine Rolle?

«Ich glaube nicht, dass ein Teenager mehr im Haushalt hilft, nur weil das Schulbuch den Jungen beim Abwaschen zeigt», sagt ein Lehrer, der sowohl für das Unterrichten von Mathematik als auch von Hauswirt­schaft ausgebildet ist – eine eher unübli­che Kombination. Betreffend Rollenmuster wirke die Schule wohl unterstützend. Den grösseren Einfluss habe aber das direkte Umfeld der Jugendlichen: Familien, Freunde, Eltern. «Gleichberechtigung stellt für die heutigen Schülerinnen und Schüler kaum ein Problem dar. Es gibt Mädchen, die Malerin werden möchten, und Jungs, die sich für eine Lehre als Coiffeur inter­essieren», umschreibt er die Schulrealität. Mehr Konfliktpotenzial könne für den ausgebildeten Hauswirtschaftslehrer der Austausch mit Arbeitskolleginnen bieten. «Sei es während der Ausbildung oder spä­ter im Team: Als Hauswirtschaftslehrer bleibt man ein Exot.»

Dass Männer und Frauen auf allen Stu­fen als Lehrpersonen präsent sind, wäre zu begrüssen, betont Franziska Vogt, Lei­terin des Instituts für Lehr­ und Lernfor­schung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Nur vorgelebte Rollenmuster hinterlassen bleibende Spuren. «In der heutigen Ausbildung von Lehrpersonen werden Gleichberechtigung und Gen­der im Schulalltag diskutiert. Betreffend Lehrmittel wird bewusst gemacht, dass diese nicht nur Fachwissen widerspiegeln, sondern auch die Idealvorstellungen und Normen der Gesellschaft», erklärt Vogt. Lehrpersonen werden dabei als Persön­lichkeiten und Vorbilder gefordert und auch unterstützt. Diverse Projekte befassen sich mit Gender in pädagogischen Beru­fen: Von «Gender in der Kita» bis hin zu «Men’s Walk & Talk», einer Auseinander­setzung mit dem männlichen Rollenbild im Lehrberuf.

Was bringt die Zukunft? Mäd­chenquoten oder gar genderneutrale Unterrichtseinheiten?

Dass Gleichstellung im Schulalltag noch nicht garantiert ist, zeigt eine aktuelle Studie der ETH­-Forscherin Sarah Hofer. Die Wissenschaftlerin liess 780 Physik­ lehrerinnen und ­lehrer aus der Schweiz, Deutschland und Österreich eine Prü­fungsantwort aus dem Themenbereich Mechanik benoten. Es handelte sich dabei um einen Online­-Test. Die Probanden waren fiktiv. Ihre Antworten waren jeweils gleich formuliert und nur teilweise kor­rekt. Die Lehrer und Lehrerinnen erhiel­ten unterschiedliche Angaben, ob es sich um Lösungen von Mädchen oder Jungen handelte. Physiklehrpersonen mit wenig Berufserfahrung benoten Mädchen bei gleicher Leistung deutlich schlechter – um fast eine ganze Note (0,9) – als Jungen. Bei Lehrern mit mehr als zehn Jahren Berufs­erfahrung spielte das Geschlecht hinge­gen keine Rolle. Die Studie zeigt klar auf, dass trotz Gendersensibilisierung gewisse Stereotype über Mädchen und Frauen zu entscheidenden Benachteiligungen führen können.

Klare Rollenverteilung: Maggi­ Liederbuch «Chömed Chinde, mir wänd singe», 1946. (Bild Wüthrich)

Doch was bringt die Zukunft? Mäd­chenquoten oder gar genderneutrale Unterrichtseinheiten? «Zukünftige Lehr­mittel werden wohl eher Väter zeigen, die das Baby füttern, oder davon erzäh­len, dass die Mutter das Kind in der Kita abholt», sagt Franziska Vogt und fügt hinzu: «Es geht nicht um Gender­neutralität, sondern um eine geschlech­tergerechte und geschlechterreflektierte Vermittlung. Nötig sind Schulbücher mit gleich vielen weiblichen und männlichen Identifikationsfiguren, die nicht in Bezug auf ihr Aussehen, ihre Aktivitäten, ihren Beruf, ihre Eigenschaften geschlechter­ stereotyp sind. Also auch Mädchen mit kurzen Haaren, Jungen mit Puppenwagen, eine Automechanikerin und ein ängstlicher Mann.»

Weiter im Netz
www.gender­kita.ch
www.fhsg.ch («Men’s Walk & Talk»)

Weiter im Text
Franziska Schärer: «Père, mère, roi et sor­ cière. La représentation des deux sexes dans les manuels scolaires de l’école pri­ maire»; Peter Lang Verlag, Bern 2008Sarah Hofer: «Studying Gender Bias in Physics Grading: The role of teaching expe­ rience and country»; International Journal of Science Education 2015

 

publiziert Mai 2017, Zeitschrift „Bildung Schweiz“

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