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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Kosmetik als Entwicklungshilfe

Kosmetik als Entwicklungshilfe

In der Hauptstadt Ouagadougou werden Mädchen aus den ärmsten Familien zu Kosmetikerinnen und Maskenbildnerinnen ausgebildet. Sie schaffen damit den Schritt in ein eigenständiges Leben.

Ouagadougou (Burkina Faso) gilt als eine der Film-Metropolen des afrikanischen Kontinents. Hier werden Filme produziert und alle zwei Jahre findet in der Hauptstadt das internationale Filmfestival FESPACO statt. Doch bis anhin wurden die Maskenbildnerinnen für die Filmproduktionen aus dem Ausland eingeflogen. In Burkina Faso selbst gab es keine ausgebildeten Make-up-Profis. Diese Marktlücke zu schließen, setzte sich Safi Ouattara Diallo, Besitzerin der Schneiderinnenschule NAS-Mode in Ouagadougou zum Ziel. „Mode und Kosmetik ergänzen sich ideal. Ich wollte meine Schneiderschule um den Bereich Kosmetik und Maskenbild erweitern. Im ganzen Land gab es aber niemanden, der Maskenbildnerinnen hätte ausbilden können“.

Um ein gemeinsames Ausbildungsprojekt für Kosmetik und Maske zu realisieren, gründeten die beiden Frauen kurzerhand das Unternehmen „NAS Mode Esthétique“.

Die damals 40 jährige Burkinabé bat Swisscontact um Hilfe. Die Entwicklungsorganisation der Schweizer Wirtschaft vermittelt weltweit Berufsexperten, die Ausbildungen in Osteuropa und Entwicklungsländern unterstützen. Im Herbst 2008 reiste Bea Petri, Maskenbildnerin aus Zürich, im Auftrag von Swisscontact für einen vierwöchigen Einsatz erstmals nach Ouagadougou – mit einem Koffer voller Material und ohne Vorahnung, was sie erwartet. „An Grundwissen war bei den Schülerinnen kaum etwas vorhanden. Im Vordergrund stand darum nicht die Ausbildung zur Maskenbildnerin, sondern nur einfache Kosmetikanwendungen: Gesichtspflege, Makeup, Maniküre“, erinnert sich die Schweizerin. Doch in den vier Wochen entwickelte sich nicht nur eine enorme Lernbereitschaft bei den Schülerinnen, sondern auch eine tiefe Freundschaft zwischen Bea Petri und Safi Ouattara Diallo. Um ein gemeinsames Ausbildungsprojekt für Kosmetik und Maske zu realisieren, gründeten die beiden Frauen kurzerhand das Unternehmen „NAS Mode Esthétique“.

Seit 2008 reist Bea Petri nun jedes Jahr für einige Wochen nach Ouagadougou und kümmert sich um die Ausbildung und Weiterbildung der Lehrerinnen und Schülerinnen. Die Klassenbesten werden zusätzlich als Maskenbildnerinnen geschult. Im Gegenzug verbringt Safi Ouattara Diallo im Frühling jeweils einen Monat in der Schweiz, um in der „Schminkbar“ ihrer Geschäftspartnerin in Zürich die neusten Kosmetik- und Maskentrends zu entdecken.

„Es ist als ob du neu auf die Welt kommst.“

Für rund ein Dutzend Mädchen aus armen, bildungsfernen Familien übernimmt der von Bea Petri in der Schweiz gegründete „Förderverein NAS Mode“ die Schulkosten. „Die Chance in der Hauptstadt eine Lehre zu absolvieren, hätte ich mir nie erträumen lassen“, erinnert sich Evrad Nadège, eine der finanziell unterstützen Schülerinnen. „Es ist als ob du neu auf die Welt kommst“. Bis 2010 lebte die damals neunzehn jährige Burkinabé in einem kleinen Dorf rund 45 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Elektrizität sucht man hier vergebens. Toiletten haben Seltenheitswert.

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Bea Petri bei der Arbeit.

Auf rund 100 Menschen zählt man in den ländlichen Gegenden von Burkina Faso nur eine Latrine! Für frisches Trinkwasser marschieren die Frauen eine Stunde zum nächsten Brunnen. Gegessen wird nur eine Mahlzeit pro Tag, mehr geben die Getreidefelder, welche die Familie bewirtschaftet, nicht her. Trotzdem zählt sich Evrad zu den Glückskindern im Dorf. Bis zur fünften Klasse besuchte sie die Schule  – und gehört damit zu den wenigen Menschen im Land, die lesen und schreiben können. An die 70 Prozent der erwachsenen Burkinabés sind Analphabeten. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag begann Evrad als „Hausmädchen“ bei einem entfernten Verwandten in die Hauptstadt Ouagadougou zu arbeiten. Für die Schule war sie zu alt. Für eine Lehre, fehlte das Geld. Dank dem „Förderverein NAS Mode“ absolvierte die junge Frau die Ausbildung zur Kosmetikerin und führt heute ihr eigenes Studio.

Viele Frauen benutzen quecksilberhaltige Cremes um ihre Haut aufzuhellen. Die Produkte sind gefährlich. Die Folgen sind eine zerstörte, vernarbte Haut.

An die 80 Prozent der Schulabgängerinnen von NAS Mode finden nach der zweijährigen Ausbildung zur Kosmetikerin eine Arbeitsstelle. Viele machen sich selbständig. Eine Situation, die in Burkina Faso Seltenheitswert hat. Etwa 70 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung sind arbeitslos. Die Hälfte der mehr 15 Millionen Menschen lebt unter der Armutsgrenze.

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Die zukünftigen Kosmetikerinnen bei ihrer Ausbildung.

Die zwei ersten ausgebildeten Maskenbildnerinnen kümmern sich beim nationalen Fernsehsender um den Auftritt der Moderatoren. Der Sender bezahlt keinen Lohn, sondern strahlt Werbespots für die Schule aus. Zu den Kunden gehören heute nun neben den Journalisten auch Brautleute, Models, Kinder bei Maskenparties und reiche Burkinabés, die auf ihr Äußeres besonderen Wert legen. Eine Gesichtsbehandlung kostet  5000 CFA (etwa 7.60 Euro), für ein Makeup wird an die 2000 CFA (3 Euro) verrechnet. Wer denkt, dass sich die Ausbildung nur auf rein schminktechnische Aspekte reduziert, irrt. Es zählen Service, Produktekenntnis und Beratung. „Viele Frauen benutzen quecksilberhaltige Cremes um ihre Haut aufzuhellen. Die Produkte sind gefährlich. Die Folgen sind eine zerstörte, vernarbte Haut. Hier ist Information bei den Schülerinnen, wie den Kundinnen wichtig“, betont Make-up-Profi Bea Petri.

Was nützen Lidschatten und Wangenrouge, wenn Menschen weder Essen noch Arbeit haben?

Das Ausbildungsprojekt der beiden Frauen wirft jedoch auch Fragen auf und lässt Kritik aufkommen. Was nützen Lidschatten und Wangenrouge, wenn Menschen weder Essen noch Arbeit haben? Würde man nicht besser das Geld für ein bodenständig-erprobtes Projekt einsetzten? Denn Schönsein allein macht nicht satt.
 „Fachleute für Maske, Kosmetik, aber auch Styling und Kostüm sind in Ouagadougou mit seinen Film- und Showproduktionen gefragt. Und genau dieser Nachfrage werden wir gerecht“, betonen die zwei Unternehmerinnen.

2013 ersetzten die zwei Geschäftsfrauen die engen Schulräume der Kosmetik- und Schneiderschule durch ein neu gebautes modernes Ausbildungszenter und Internat. Heute absolvieren 210 junge Einheimische eine Ausbildung zur Schneiderin und Kosmetikerin. Zusätzlich beschäftigt Petri & Diallo fünfzehn Lehrpersonen, Köchinnen, Betreuerinnen für den Kinderhort und sogar eine «Ersatzmutter», die sich um die jungen Frauen kümmert. Seit kurzem vergibt Bea Petri auch Mikrokredite. Der Einsatz der beiden Frauen findet nicht nur in Ouagadougou Beachtung, sondern auch auf nationalem und internationalem Niveau: Petri gewann den Entwicklungspreis des Kantons Schaffhausen in der Schweiz und wurde in Burkina Faso für Ihr Projekt geehrt.

http://nasmode.ch/de/home_de.html

 

 

 

 

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