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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Fliegt nicht zum Mars – sondern nach Japan!

Fliegt nicht zum Mars – sondern nach Japan!

Warum von einer Reise auf den Mars träumen, wenn man auch nach Japan fliegen kann? Das Land der aufgehenden Sonne wirkt auf Fremde, wie ein unbekannter Planet: fantastisch futuristisch und überraschend skurril.

Mich zieht es Mitten in Tokyo in ein hippes Café; von einem japanisches Lifestyle Magazin zu den angesagten Plätzen in der Hauptstadt gekürt. Die Speisekarte ist in japanischer Sprache, ergänzt mit englischen Wörtern. Ich entscheide mich für das Tagesmenu mit der englischen Übersetzung: «Vegetarian, Vegetarian, drink, drink» und erhalte ein Poulet Curry.

Special Cocktails for Persons with nuts

Experten nennen das Phänomen «dekoratives Englisch». Englisch wird zwar verwendet, aber zu rein dekorativem Zweck, sei es für einen Restaurantnamen, einen Kleiderladen oder die Überschrift „Lunch Menu“. Inhaltlich tun die englischen Wörter nichts zur Sache. Denn obwohl die meisten Japaner im Minimum sechs Jahre Englischunterricht geniessen, ist kaum jemand der Sprache mächtig.

Hoffentlich ist nicht drin, was drauf steht: „Gift“ ist ein japanisches Mineralwasser. (Bild Wüthrich)

Japan entpuppt sich als linguistische Monokultur. Experten erklären, dass es mit japanischer Muttersprache schwer sei Englisch zu lernen. Schilder wie «Special Cocktails for Persons with nuts» (Spezielle Cocktails für Personen mit Nüssen) lassen die Schwierigkeiten nur erahnen. Marsmenschen würden sich zuhause fühlen.

 Wenn Otohime den Tornado Flush küsst

Jeder Toilettengang in Japan ist eine Kombination aus Abenteuer, Mutprobe und Komödie. Kaum öffne ich die WC-Tür schaltet sich automatisch das Licht an und der Toilettendeckel öffnet sich. Stehpinkler verpassen nun einen Grossteil des Spektakels. Denn setzt man sich auf die blitzblank geputzte WC-Brille, stockt das Herz und schwitzt der Po. Der Sitz ist gewärmt und fühlt sich an als ob der vorhergehende Benutzer erst gerade aufgestanden sei. Still ist es zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. „Otohime“ ist auch da. Otohime bedeutet ins Deutsche übersetzt „Geräuschprinzessin“ und bezeichnet das Wasserrauschen, welches jedes Darmentleerungsgeräusch charmant übertönt. Der Blick auf den „Bordcomputer“ zeigt erstaunliches. Nicht nur die Wärme der WC-Brille, sondern auch Art und Weise der Duschnachbehandlung ist wählbar. Einmal waschen, spülen, föhnen, bitte! Mit Papier putzt nur der Banause. Für die Mutigen gibt es unzählige Sonderfunktionen: Wie wär’s mit einer Massage kombiniert mit erhöhter Wassertemperatur? Und wie gefährlich ist der Tornado-Flush?

Toiletten-Bordcomputer-Instruktions-Merkblatt (Bild Wüthrich)

Was gefährlich tönt, könnte unscheinbarer nicht sein. Der „Tornado-Flush“ ist die Bezeichnung für eine linksdrehend Spülung, die Schmutz besser entfernen soll. Üble Gerüche werden mit einem kleinen Ventilator abgesaugt und durch einen Filter neutralisiert. Dass sich der Deckel nach vollendeter Tat wieder lautlos schliesst, scheint selbstverständlich. Erledigt ist damit das „Geschäft“ noch nicht. Wie Toto, der japanische Marktführer der Hightech-Toiletten betont, verfügt die neuste Generation an Toiletten über eine Selbstreinigungsfunktion.

Darf ich vorstellen: Die Schwestern von Meister Proper!

Für die „pinken Engel” wäre eine sich selbstreinigende Toilette Gold wert. Die Engel sind nicht irgendeine Putzkolonne, sondern der 800 Personen umfassende Reinigungstrupp, der täglich Japans Shinkanzenzüge reinigt. Hochgeschwindigkeitszüge brauchen Hochgeschwindigskeitsputzer. Im Durchschnitt hält jeder Shinkanzen nur 12 Minuten pro Bahnhof. Die ersten fünf Minuten des Stopps warten die gänzlich in pink gekleideten Damen auf dem Bahnsteig und verbeugen sich vor jedem aussteigenden Passagier.

Bereit für ihren Putzeinsatz: Die „pinken Engel“ warten vor einem Hochgeschwindigkeitszug (Bild Wüthrich)

Für die Reinigungsarbeit – die pro Engel immer 100 Sitze umfasst – bleiben genau sieben Minuten übrig. 1,5 Minuten Abfall entfernen, 30 Sekunden Sitzpflege, vier Minuten wischen und putzen, eine Minute Nachkontrolle. Meister Proper persönlich könnte diese Arbeit nicht besser, schneller und glänzender erledigen. Dreckige Wagons sind in Japan genau so unakzeptable, wie verspätete Shinkanzenzüge. Obwohl pro Jahr über 120’000 Hochgeschwindigkeitszüge in Betrieb sind, beträgt die Verspätung im Durchschnitt eines Shinkanzen-Zuges nur 36 Sekunden. Pro Jahr, versteht sich.

…bis in alle Ewigkeit – im Minimum!

Kobo Daishi wäre von der Arbeitsmoral und der Pünktlichkeit seine Landsleute äusserst angetan gewesen. Der Gründer des Shingon Buddhismus gilt in Japan als Vater der Japanischen Kultur. Er gründete die erste öffentliche Schule und wird als Lehrer, Poet und Kalligraph verehrt. Kobo Daishi befindet sich laut seinen Anhängern seit geraumer Zeit in «ewiger Meditation». Damit er bei Kräften bleibt, wird ihm täglich von seinen untergebenen Mönchen ein Morgen – und Mittagessen gekocht. Frisch zubereitet, rein vegetarisch und aus besten Zutaten. Ohne Zweifel: Eine edle Geste. Fraglich bleibt nur, ob Kobo Daishi überhaupt Hunger hat. Denn fest steht, dass der Vorzeigemönch schon einige Zeit meditiert: Seit dem 21. März 835, also seit geschlagenen 1182 Jahren.

Die Shingon Mönche ernähren sich nach vegetarischer buddhistischer Küche – und verzichten unter anderem auf Fleisch, Fisch, Zwiebeln, Knoblauch oder Lauch. Zu Gast in einem Shingon Kloster gibt es zum Morgenessen Reis und Misosuppe. Zum Abendessen Sesamtofu, Buchweizennudeln, getrocknete Soyamilchhaut und eingelegtes Gemüse. Am zweiten Tag träume ich von Buttergipfel. Am dritten Tag schmuggle ich nach dem Morgenessen weisses Toastbrot in meine Klosterzelle.
Die UNESCO erklärte Ende 2013 die japanische Küche zum immateriellen Kulturerbe und beruhigte damit all die Japaner, welche um die Erhaltung und Reinheit ihrer kulinarischen Traditionen fürchteten. Das japanische Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei rief 2007 eine Initiative zur Reinhaltung der japanischen Küche ins Leben – im Jargon «Sushi Polizei» genannt. «Unreine» japanische Gerichte, wie zum Beispiel Sushi mit Gänseleber oder Sashimi mit mexikanischer Chillisauce, sollten damit verhindert werden. Nur wer nach Originalrezepten mit ursprünglichen Zutaten koche, dürfe sich als Japanisches Restaurant deklarieren. Wo Japan drauf stehe, soll auch Japan drin sein. Heute hat sich die Situation rund um den «Food Faschismus» entspannt. Die Restaurantszene in Tokyo boomt. Nirgends auf der Welt gab es 2013 mehr Restaurants mit 3-Michelin-Sternen (15). Einen Stern hat sich Tetsuya Saotome erkocht. Der Meisterkoch verwendet nur Zutaten, die schon vor 150 Jahren in Japan auf den Teller kamen. Die Sushi Polizei wäre entzückt!

…und jetzt zurück in die Zukunft, bitte!

Ob meditierende Mönche oder putzende Engel: Im Moment stehen in Japan die olympischen Spiele in Tokyo im Sommer 2020 im Zentrum. Der Welt soll ein starkes Japan präsentieren werden. Strassen, Zuglinien und ganze Stadtteile werden erneuert. Der asiatische Staat investiert 3,9 Milliarden Schweizer Franken und baut 22 der insgesamt 37 olympischen Stätten neu. Zusätzlich starteten 2015 die Bauarbeiten zur futuristischen Bahnverbindung der Welt. In über 40 Meter Tiefe soll eine Magnetschwebebahn mit Geschwindigkeiten von über 500 km pro Stunde die Städte Tokyo, Nagoya und Osaka verbinden. Die Fahrzeit für die 286 Kilometer zwischen Tokyo und Nagoya würde auf 40 Minuten reduziert. Die Kosten des gesamten Projektes liegen bei astronomischen 81 Milliarden Schweizer Franken.

Japans Regierung unter Premierminister Shinzō Abe gibt sich alle Mühe, dass es in Japan nach Zukunft riecht. Doch trotz aller Anstrengungen, die Realität schmeckt nach Vergangenheit. Japan vergreist. Jeder dritte Japaner ist über 60 Jahre alt. Der Anteil der arbeitenden Bevölkerung wird kontinuierlich kleiner. Japan bräuchte mindestens 200 000 zusätzliche Gastarbeiter jährlich. Doch eine konservativ-fremdenfeindlich anmutende Immigrationspolitik beschränkt die Einwanderung. Nur 1, 7 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer. Bauprojekte stehen wegen Mangel an Arbeitskräften still, Detailhandelsfilialen schliessen. 60 Prozent der japanischen Firmen finden nicht mehr genügend Arbeitskräfte.

Die Lebenskosten steigen, das durchschnittliche Einkommen sinkt und trotz staatlicher Unterstützung für Kinderbetreuung und Fruchtbarkeitsbehandlungen, gibt es kaum Nachwuchs. Pro Frau werden in Japan gerade mal 1,4 Kinder geboren. Laut demographischen Prognosen wird die Bevölkerung bis 2060 um einen Drittel schrumpfen.

Im Supermarkt gibt es schon heute mehr Auswahl an Windeln für betagte Menschen als für Babys. In den Genuss der neuen Zugslinie – sie soll 2045 Betriebsbereit sein – werden vor allem Pensionäre kommen. Mit grossem Andrang ist bei der voraussichtlichen Bevölkerungsentwicklung nicht zu rechnen. Ausser die Marsmenschen entdecken Japan.

 

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