Widget Image
Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

Beliebte Beiträge

Mein Leben ist ein Selfie!

Mein Leben ist ein Selfie!

Die Generation Z kennt nur ein Leben mit Smartphone. Keine Generation zuvor war so vernetzt wie die jungen Menschen, die zwischen 1997 und 2012 geboren sind. Welchen Einfluss hat diese Technologie auf die Jugendlichen? Ein Erfahrungsbericht. 

Während einer Woche begleitete ich im Sommer eine Abschlussklasse in ihr letztes gemeinsames Zeltlager. Es gab weder Drogen, Tabak noch Alkohol. Von Rausch keine Spur. Trotzdem fühlte ich mich wie benebelt. Betäubt von einer jugendlichen, irrealen und schon fast karikaturesken Selbstwahrnehmung. Die Dialoge der Teenager bestanden aus YouTuber-Klugheiten, Influencer-Empfehlungen und Rapper-Einsichten. Zwar hatten viele der Kids schon eine Lehrstelle auf sicher, doch diese schien nur eine lästige Pflichtübung zu sein. Das echte Leben spielte sich im Netz ab. Die Maurerlehre – ein Nebengeräusch. Die Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin – ein fremdbestimmtes Muss.

«Hater werden blass, Feinde sind am Platzen. Ich hab kein’n Rücken, ich hab Eier und Talent.» Ich hatte vor allem Zweifel.

Die eigene Selbstwahrnehmung war virtuell geprägt und entsprechend grenzenlos. Oder wie es Rapper Capital Bra auf den Punkt bringt: «Hater werden blass, Feinde sind am Platzen. Ich hab kein’n Rücken, ich hab Eier und Talent.» Ich hatte vor allem Zweifel. Doch war mein Eindruck vielleicht falsch? Was bewegt diese Oberstufenschülerinnen und -schüler? Und wo endet ihr oft irreal anmutendes Streben? 

Ich bin zu Besuch in einem Oberstufenzentrum in der Ostschweiz. Der Ort spielt keine Rolle, genauso wenig wie die Namen der Schülerinnen und Schüler, die ich treffe. Oberstufenzentren haben dieselbe Klientel und zielen in die gleiche Richtung – ans Ende der obligatorischen Schulzeit. Genau dort steht Andres: kurzes Haar, leichter Bartwuchs, viel Gewicht. Er nennt es Muskeln. Nach der Schule wird er eine Lehre als Spengler beginnen. «Mit meinem ersten Lohn lasse ich mir einen Krieger tätowieren, als Zeichen meiner Stärke», sagt Andres stolz. Es wird nicht sein erstes Tattoo. Pünktlich zum 16. Geburtstag liess er sich einen Notenschlüssel auf den Unterarm stechen. Andres kann weder Noten lesen noch singen und spielt auch kein Instrument. «Rap ist meine Zukunft; ein Plattenvertrag mein Ziel», erzählt er allen, die es hören möchten oder auch nicht.

«Kann mir jemand erklären, warum ich das Fach Geschichte brauche? Ich schaue YouTube und später bei der Arbeit erzähle ich meine Geschichten.» 

Irgendwann soll das Geld für eine Familie, ein Haus, für Hunde und Autos, am liebsten einen BMW, reichen. Bis dahin schaut er YouTube, Instagram und TikTok. Im Vergleich zu dem sei die Schule nichts. «Kann mir jemand erklären, warum ich das Fach Geschichte brauche? Ich schaue YouTube und später bei der Arbeit erzähle ich meine Geschichten.» 

Smartphone als Teil des Körpers 
Andres ist Jahrgang 2004 und gehört zur Generation Z. Damit sind die Jugendlichen gemeint, die zwischen 1997 und 2012 geboren sind. Dazu gehören auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg, die amerikanische Ausnahmerturnerin Simone Biles, der deutsche Schachgrossmeister Vincent Keymer oder die US-Sängerin Billie Eilish. Sie alle sind Digital Natives und kennen nur ein Leben mit Smartphone. Konstant zu kommunizieren und «connected» zu sein, ist der Normalzustand. Das Smartphone ist die logistische, gesellschaftliche, aber auch emotionale Schaltzentrale ihres Lebens. Oder wie es Klaus Hurrelmann in seinem Gastbeitrag in der «Zeit» umschrieben hat, ist das Smartphone für diese Generation zu einem «Teil ihres Körpers» geworden. Es gab noch nie eine Generation, die vernetzter agierte und damit über mehr Potenzial verfügte, die Gesellschaft zu beeinflussen und zu bewegen. «Fridays for Future» lassen grüssen. 

Spass als Motivator 
Maria hätte ich nicht wiedererkannt. Ihr Bild habe ich auf der Schüler-Fotoliste gesehen – eine gestylte junge Frau, ver- wegener Blick in die Kamera, die langen Haare über die Schultern frisiert, das Gesicht geschminkt. Nun sitzt mir ein 14-jähriges Schulkind gegenüber, das seine Zeit auf Snapchat, TikTok, Instagram und WhatsApp verbringt. Maria ist konstant mit Addison Rae Easterling verbunden. «Addison teilt alles. Sie ist immer ehrlich, nett, selbstbewusst, erfolgreich und sieht gut aus. So wie sie wäre ich gerne», sagt Maria. Addison Rae ist laut dem Magazin «Forbes» im vergangenen Jahr mit fünf Millionen Franken Einkommen pro Jahr und über 54 Millionen Followern der bestverdienende TikTok-Star weltweit.

«Eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit, eine geringe Ausdauer, mangelnde Zuverlässigkeit und eine flüchtige Kontaktfähigkeit sowie Schwierigkeiten im Umgang mit Kritik sind charakteristisch für die Generation Z»,

Maria achtet auf ihr Äusseres, investiert Zeit in ihre langen, künstlichen Fingernägel. Influencerin wäre sie gerne. Wen sie beeinflussen würde, ist noch nicht klar, doch «auf der Strasse von Fremden erkannt zu werden, wäre schon cool». Im realen Leben ist Maria auf der Suche nach einer Lehrstelle als kaufmännische Angestellte und träumt von Miami im Herbst. «Das habe ich auf Netflix gesehen. Dort scheint immer die Sonne.» 

Unverbindlichkeit und Selbstverwirklichung
Laut der Studie «Junge Deutsche 2019» gewinnen Teenager Vertrauen und Anteilnahme durch digitale Likes, Shares und Rankings. Als Basis dazu dient die digitale Selbstinszenierung. Ganz nach dem Motto: Mein Leben ist ein Selfie! Für 58 Prozent der «Zetler» ist Spass der grösste Motivator für ihre Leistung. «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen» stösst auf Unverständnis. Pflicht ätzt. Unverbindlichkeit ist Trumpf und Selbstverwirklichung das Mass aller Dinge. Eine nicht einfache Situation für Lehrpersonen und Lehrmeister. Leistungswille und Belastbarkeit haben bei den Jugendlichen in den vergangenen Jahren kaum zugenommen, sind sich die befragten Oberstufenlehrerinnen und -lehrer einig. Dass die Berufswünsche nicht immer den Fähigkeiten der Jugendlichen entsprechen, sei eine Tatsache. Klarere Worte findet Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. «Eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit, eine geringe Ausdauer, mangelnde Zuverlässigkeit und eine flüchtige Kontaktfähigkeit sowie Schwierigkeiten im Umgang mit Kritik sind charakteristisch für die Generation Z», schreibt Stamm in ihrem Artikel «Die Generation Z: eine Herausforderung für die Berufsbildung».

Eine Lehrstelle, wenn auch nicht im gewünschten Traumjob, finden die meisten Jugendlichen trotzdem. Die Lehre zu beenden, ist eine andere Angelegenheit. Wenn sich ein Coiffeur- Lernender weigert, Haare aufzuwischen, weil dies nicht seinem Status entspricht, oder eine Auszubildende Mühe bekundet, Anweisungen zeitgerecht umzusetzen, weil sie dazu keine Lust empfindet, hat er oder sie wenig Chancen auf einen erfolgreichen Lehrabschluss. Laut einer Studie des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung wird jeder vierte Lehrvertrag aufgelöst. Im Kanton St. Gallen waren dies 2018 über 1500 Lehrverträge. Der häufigste Grund dafür war die mangelnde Leistung des Auszubildenden. 

Unterschiedliche Lebenswelten 
Eine gesamte Generation und damit Millionen von jungen Menschen zu generalisieren, wäre falsch. Den «typischen» Jugendlichen gibt es genauso wenig, wie «den» Rentner. Eine Jugendgeneration ist geprägt durch eine Vielfalt an Werten, Lebensstilen und damit auch Widersprüchen. Der Begriff «soziale Milieus» drängt sich auf. Die Forscher der deutschen Sinus-Jugendstudien bevorzugen den Begriff «Lebenswelten», weil sich bei Jugendlichen die Entwicklung und Ausformung der soziokulturellen Kernidentität in einem Übergangsstadium befinde und noch nicht abgeschlossen sei.

«Im Fernsehen sein und Bachelor werden: Das wäre was», meinte einer meiner jugendlichen Interviewpartner. Bachelor könne man jetzt sogar studieren. 

Wie unterschiedlich Teenager sein können, zeigt die Sinus-Jugendstudie 2020 eindrücklich. Es sind intime, aber bewegende Aufnahmen von jugendlichen Lebenswelten in Wort und Bild. Auf der einen Seite eine Aufnahme des eigenen Zimmers mit Pokalen, Grossbildschirmen oder Plüschtieren; auf der anderen Seite eine handschriftliche Notiz über Vorbilder und Zukunftsvorstellungen. Einige der porträtierten Jugendlichen ähneln Andres und Maria. Auch ihnen fehlt die Fähigkeit, die digitale und die reale Welt differenziert zu begreifen und Informationen und Geschehnisse entsprechend einzuordnen. Es entsteht ein verzerrtes Bild von sich selbst und den anderen. Der Generation-Z-eigenen Selbstsicherheit tut dies keinen Abbruch. «Im Fernsehen sein und Bachelor werden: Das wäre was», meinte einer meiner jugendlichen Interviewpartner. Bachelor könne man jetzt sogar studieren. 

Weiter im Netz 
www.ehb.swiss/project/lehrabbruch – Studie Lehrabbrüche 
bit.ly/3irKY45 – «TikTok’s 7 Highest-Earning Stars» (Forbes, 06.08.2020)
bit.ly/3nVX9qJ – «Die Generaton Z: eine Herausforderung für die Berufsbildung» (Margrit Stamm, 27.10.2018) 
bit.ly/2MkKgJN – Jugendstudie «Junge Deutsche 2019» 
bit.ly/3p28PK7 > Klick auf das PDF-Icon – «SINUS-Jugendstudie 2020 – Wie ticken Jugendliche?» 


publiziert Februar 2021 in “Bildung Schweiz” (02/2021)

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.