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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Reif für die Insel?

Reif für die Insel?

Schulinseln bieten Entlastung für Lehrpersonen und Schülerschaft. Lehrerverbände fordern nun eine Insel für jede Schule. Doch macht das Sinn?

Egal, in welchem Kontext eine Insel auftaucht, in Gedanken riecht sie nach Strand, Ferien und Nichts-Tun. Wer mit dieser Erwartung eine Schulinsel betritt, wird enttäuscht. Die Schulinsel ist ein Schulzimmer mit einer permanenten anwesenden Lehrkraft. Ein Ort für Kinder, die eine Auszeit und eine persönliche Begleitung brauchen – ausserhalb des gewohnten Klassenverbandes. Durch die temporäre Entlastung soll sich Klasse und Lehrperson wieder auf ihr Kernaufgabe konzentrieren können: lernen und lehren. Doch was heisst das im Schulalltag? Lautet das Verdikt für jeden Störenfried: „Ab auf die Insel”?

„Es ist wichtig klarzustellen, dass die Insel keine Massnahme ist, um Probleme oder Konflikte ausserhalb der Klasse zu lösen oder involvierte Schülerinnen und Schüler aus dem Schulzimmer zu verbannen. Es geht darum, Raum und Distanz zu schaffen, Situationen in Ruhe zu thematisieren und Lösungen zu finden“, erklärt Béa Sager. Sie ist nicht nur Rektorin der Schule Sarnen mit 850 Schülerinnen und Schülern und 150 Lehrpersonen, sondern wohl auch die erfahrenste Schulinsel-Expertin im Land. Sager gehörte 2008 zum Team, das im Kanton Obwalden die erste Schulinsel der Schweiz entwickelte. Seitdem ist sie eng mit dem Konzept verbunden.

„Die Kinder bleiben oft nur eine Lektion, maximal einen halben Tag. Danach sind sie zurück im Klassenverband.“

„Wir unterscheiden zwischen niederschwelligen und hochschwelligen Fällen“, konkretisiert Sager. Als niederschwellig gelten Vorkommnisse, die oft spontan und kurzfristig im Klassenverband auftreten, jedoch nicht die ganze Klasse, sondern meistens nur ein Kind betreffen. Das kann ein Schüler sein, der sich weigert am Unterricht teilzunehmen, oder eine Schülerin, die permanent stört. Die Lehrperson ruft in der Insel an, bespricht die Situation mit der Insellehrperson und schickt das betroffene Kind zur Insel. Dort wird die Schülerin oder der Schüler betreut, allenfalls beim Weiterlernen unterstützt. „Das sind kurze Interventionen“, betont Sager.

„Die Kinder bleiben oft nur eine Lektion, maximal einen halben Tag. Danach sind sie zurück im Klassenverband.“ Wichtig dabei sei, dass die Betroffenen die Massnahme nicht als Abschieben oder Strafe empfinden. „Die Insel ist eine Option um eine Situation besser zu meistern – eine Hilfestellung. Sie soll die Kinder befähigen, ihr Verhalten zu reflektieren und selbst Lösungen zu finden“, erklärt Sager. Geschaffen wird eine pädagogische Win-win-Situation: Die betroffene Schülerin oder der betroffene Schüler wird betreut, die Lehrperson entlastet und die Klasse gestärkt.

Insel als Begegnungsort
In Sarnen ist die Insel ein fester Bestandteil des Alltags für Lehrpersonen und Schülerschaft. Denn sie ist nicht immer „ein Muss“, sondern auch ein „freiwilliger“ Begegnungsort. Gruppenarbeiten, Schachpartien, individueller Eins-zu-eins-Unterricht, aber auch Ersatzlektionen – wenn ein Schüler das Turnzeug vergisst oder wegen einer gebrochenen Hand nicht stricken kann – finden auf der Insel statt.

„Die Insel ist ein Ort, wo die Schülerinnen und Schüler reflektieren sollen. Sie schreiben auf, was vorgefallen ist oder worum es bei einem Konflikt geht. Das braucht Zeit und Ruhe und entspricht keinem vorgegebenen Muster oder Stundenplan.“

„Pro Woche betreue ich im Durchschnitt an die 32 Kinder. Die grosse Mehrheit bleibt für eins bis zwei Lektionen“, sagt Florian Wipfli, seit drei Jahren Insellehrer in Sarnen. Seine Arbeit unterscheidet sich stark vom Unterrichten in einer Regelklasse. „Als Lehrperson ist man darauf programmiert, zu agieren, zu planen, vorwärtszumachen. Die Insel ist jedoch ein Ort, wo die Schülerinnen und Schüler reflektieren sollen. Sie schreiben auf, was vorgefallen ist oder worum es bei einem Konflikt geht. Das braucht Zeit und Ruhe und entspricht keinem vorgegebenen Muster oder Stundenplan. Diesen Freiraum zuzulassen, musste ich zuerst lernen“, umschreibt Wipfli seine Erfahrungen – und diese zeigen: Danach sind die Kinder von sich aus bereit für einen Dialog und das Suchen einer Lösung

 Eine letzte Chance zur Integration
Auf der Insel kümmert sich der Inselleiter auch um die “hochschwelligen“ Fälle. Das sind Kinder und Jugendliche, die mit ihrem Verhalten für Lehrperson und Klassenverband nicht mehr tragbar sind. Es geht dabei um psychische und physische Gewalt, Mobbing, Verweigerung, familiäre Probleme, Delikte innerhalb und ausserhalb der Schule. Eine der letzten Optionen, um die Situation zu entschärfen, stellt die Insel dar. In Absprache mit allen involvierten Parteien – Eltern, Rektor, Klassenlehrperson, Schulpsychologinnen, Heilpädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen – wird ein Time-out von wenigen Tagen bis Wochen geplant. „In einer grossen Runde wird eine systematische Lernbegleitung aufgegleist. Oft ist dies eine letzte Chance, um sich danach wieder in den Klassenverband zu integrieren“, erklären Lehrer Wipfli und Rektorin Sager gemeinsam. Die Insel wird damit zur „Time-out-Institution“ mit dem Unterschied, dass die Jugendlichen im gleichen sozialen Umfeld bleiben, mit den bekannten Betreuungspersonen weiter zusammenarbeiten und die „Time-out-Phase“ auf wenige Wochen beschränkt ist.

Pädagogisch und finanziell lohnend
Vier bis fünf „Time-out-Fälle“ gibt es in Sarnen pro Jahr. Ein bis zwei Kinder stammen aus Nachbargemeinden, die über keine Schulinsel verfügen. In den vergangenen zehn Jahren musste Rektorin Sager nur in wenigen Fällen einen Jugendlichen an eine externe Time-out-Institution verweisen, die übrigen „Time-out-Kids“ wurden in die Regelklasse reintegriert. Die Insel „lohnt“ sich damit nicht nur pädagogisch, sondern auch finanziell. Von der Schulgemeinde bezahlt, betragen die jährlichen Kosten den Jahreslohn eines Oberstufenlehrers. Eine dauerhafte externe Time-out-Beschulung eines einzelnen oder mehreren Jugendlichen übersteigt diesen Betrag um ein Vielfaches.

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Mit Strand und Erholung hat eine Schulinsel nichts zu tun. (Illustration: Marina Lutz)

Trotz bewiesener Effizienz hat sich das Konzept „Schulinsel“ in der Schweiz nicht flächendeckend durchgesetzt. Das soll sich nun ändern. Im September 2018 hat der Zürcher-Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) mit einem Positionspapier die Forderung lanciert, dass alle Schulen im Kanton „über ein niederschwelliges Angebot für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten verfügen müssen“. Die Rahmenbedingungen sind einfach: Jeder Schule steht eine Insel zur Verfügung, Kinder aller Stufen haben Zugang und der Kanton trägt die Kosten. Rückendeckung erhält der ZLV vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), der schweizweit an jeder Schule eine Insel fordert. „Die Schulinsel hilft herausfordernden Situationen im Schulalltag zu entschärfen. Sie entlastet und stärkt das System Schule nachhaltig und trägt einen essentiellen Beitrag zur Qualitätssicherung der Schule bei“,unterstreicht Dorothee Miyoshi, Präsidentin der Sonderpädagogischen Kommission des LCH. Doch sind Kantone und Schulen wirklich „reif für die Insel“?

Macht eine flächendeckende Einführung Sinn?
„Schulinseln können eine sinnvolle Ergänzung der integrativen Förderung sein. Eine flächendeckende Einführung macht aber keinen Sinn, da die Schulen sehr unterschiedlich sind und es verschiedene Lösungen für die Schulprobleme mit den Lernenden gibt“, erklärt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung im Kanton Luzern. Ähnlich tönt es im Kanton St.Gallen. „Es ist aus Sicht des Amts für Volksschule nicht angezeigt, den Schulen im Bereich der Verhaltensauffälligkeiten ein bestimmtes Angebot vorzuschreiben, da sich deren Bedürfnisse stark unterscheiden“, konkretisiert Alexander Kummer, Leiter des St.Galler Amtes für Volksschule. Auch Bern und Zürich stehen den Forderung der Lehrerverbände kritisch gegenüber und sehen die flächendeckende Einführen eines einzelnen Modells nicht als zielführend.  Zu verschieden seien die einzelnen Schulgemeinden und Ihre Bedürfnisse.

Eine obligatorische oder gar aufgezwungene Inselkultur scheint kontraproduktiv und die Schulinsel würde dann genau zu dem gemacht, was sie nicht sein will: eine isolierte Angelegenheit für Aussenseiter.

Schulinsel-Expertin Sager versteht die Haltung der Kantone. „Eine Schulinsel beinhaltet nicht nur ein Schulzimmer und eine Lehrperson, sondern ein ganzes Konzept, das in einer starken Schulkultur verankert sein muss. Das ist ein intensiver, andauernder Prozess, der nicht einfach „verordnet“ werden kann, sondern aktiv mitgestaltet werden muss“, erklärt die Rektorin. Eine Schulinsel sei damit keine flächendeckende Patentlösung, sondern ein individueller Lösungsansatz, der zur Schule und deren Bedürfnissen passen müsse. Eine obligatorische oder gar aufgezwungene Inselkultur scheint kontraproduktiv und die Schulinsel würde dann genau zu dem gemacht, was sie nicht sein will: eine isolierte Angelegenheit für Aussenseiter.

Weiter im Netz:
www.zlv.ch  – Positionspapier Schulinseln September 2018

publiziert März 2019, Zeitschrift „Bildung Schweiz“ (03/2019)

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