Widget Image
Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

Beliebte Beiträge

Wo bleiben die schlagenden Argumente?

Wo bleiben die schlagenden Argumente?

Emmas freche Antworten quittiert die Mutter mit einer Ohrfeige. Gehorcht Luis zum wiederholten Male nicht, schlägt der Vater zu. «Nur ein paar feste Kläpse auf den Hintern. Er soll spüren, dass es so nicht geht», kommentiert der Vater seine Haltung. Was nach längst veralteten Züchtigungsmassnahmen tönt, scheint in Schweizer Kinderzimmern Alltag zu sein. Doch wie sieht die Faktenlage wirklich aus? Gelten Ohrfeige & Co. immer noch als wirkungsvolle Erziehungsmittel? Und wo liegen die Ursachen für die Schläge?
Ein Gespräch mit Catherine Moser, Kinderrechtsexpertin und Leiterin «Prävention» bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

In der Schweiz scheint die Ohrfeige immer noch ein gesellschaftsfähiges Erziehungsmittel zu sein. Wo liegen die Gründe dafür?
Catherine Moser: «Die Gründe dafür sind vielfältig. Die fehlende Sensibilisierung ist einer davon. Eine Studie zur Gewaltwahrnehmung von Eltern aus Deutschland zeigte, dass nur ein Drittel der befragten Eltern eine Ohrfeige mit dem Begriff Gewalt assoziieren und nur knapp 56% der Eltern eine richtige Tracht Prügel als eine Gewalthandlung gegenüber ihren Kindern deuten (Bussmann et.al. 2008). Problematisch ist auch, dass der Diskurs zu diesem Thema oftmals vom eigentlichen Kern ablenkt: Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass häufig die Bemerkung fällt: «Eine Ohrfeige allein kann nicht schaden.» Es scheint darum zu gehen, wie viele oder ab wann Schläge schädlich sind. Es geht aber um ein Grundprinzip, um die Wahrung des Rechts auf Schutz vor Gewalt und um eine Haltungsfrage.»

In dieser Haltungsfrage hinkt der Schweizer Staat hinterher. Er hat das gesetzlich verbriefte Züchtigungsrecht 1978 aus dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch gestrichen, im Gegenzug jedoch nicht das Recht von Kindern auf Schutz vor Körperstrafen explizit verankert und wird dafür international kritisiert. Würde eine Gesetzesänderung die Situation in Schweizer Kinderzimmern überhaupt tangieren?
Catherine Moser: «Die Erziehung in der Schweiz gilt als Sache der Eltern. Grundsätzliche Regelungen von Erziehungsfragen werden oftmals als Einmischung des Staats in den Privatbereich angesehen und abgelehnt. Die Versuche der letzten Jahre in der Schweiz eine gesetzliche Grundlage für eine gewaltfreie Erziehung zu schaffen, sind immer gescheitert. Es fehlt an Klarheit und an politischem Willen, etwas zu verändern. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass ein grundsätzliches Verbot von Körperstrafen und anderen entwürdigenden Massnahmen in der Erziehung viel bewirken kann. Neben einer Gesetzesgrundlage braucht es aber Sensibilisierungskampagnen und das Bereitstellen von Angeboten, die Eltern Handlungsalternativen aufzeigen (Elternbildungskurse und Beratungsangebote). Damit wird auf das Verhalten und die Haltung der Eltern eingewirkt und so langfristig die Haltung bezüglich gewaltfreier Erziehung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene beeinflusst.»

Laut einer Studie der Universität Freiburg werden fast 40 Prozent aller ein- bis vierjährigen Kinder in der Schweiz regelmässig körperlich bestraft. Die Studie stammt aus dem Jahr 2004. In wie weit sind diese Zahlen noch aktuell?
Catherine Moser: «Die Datenlage für die Schweiz betreffend Gewalt in der Erziehung ist dürftig. Aktuelle Zahlen liegen nicht vor. Aus diesem Grund hat Kinderschutz Schweiz eine Studie zum Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz in Auftrag gegeben. Die Resultate werden im Herbst 2017 erwartet. Eine nicht repräsentative Umfrage der Zeitung «20 Minuten» im März 2014 zu «körperliche Bestrafung von Kindern» zeigte jedoch auf, wie aktuell das Thema ist. Drei Viertel der insgesamt über 5600 Befragten stimmten der Aussage von Alt-Nationalrat Hans Fehr (SVP) zu, dass «eine Ohrfeige im Ausnahmefall erzieherisch mehr nützen kann, als fünf Psychologen.»

Neue Daten zum Bestrafungserhalten von Schweizer Eltern fehlen, doch gewisse neue Zahlen alarmieren. Laut der Kinderschutzgruppe un der Opferberatungsstelle des Kinderspitals Zürich  haben vergangenes Jahr die körperlichen Misshandlungen von Kindern im Vergleich zum Vorjahr um einen Drittel zugenommen (auf knapp 500 Kindsmisshandlungen).
Catherine Moser: «Es ist richtig, dass eine Zunahme an Fällen vorliegt. Die Ursachen dafür sind nicht eindeutig feststellbar. Eine erhöhte Sensibilisierung in der Gesellschaft, die zu mehr Meldungen geführt hat, könnte ein Grund sein. Es ist wichtig festzuhalten, dass die Zahlen je nach Quelle schwanken. Denn Zahlen aus Kinderschutzgruppen und von Kinderspitälern bilden primär schwere Fälle von Kindsmisshandlungen ab. Es ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Zudem muss jeweils in Betracht gezogen werden, welche Arten von Gewalt konkret erfasst werden, um Vergleiche zu ziehen und um Resultate richtig deuten zu können.»

Der Vater im Supermarkt ohrfeigt sein Kind. Die Nachbarin schlägt ihren kleinen Sohn windelweich. Und auf dem Spielplatz schlägt eine Mutter ihrem Kind wiederholt ins Gesicht. Wie sollen Aussenstehende reagieren?
Catherine Moser: «Es gibt kein Patentrezept. Eingreifen und Zivilcourage zeigen ist grundsätzlich eine positive Reaktion, kann aber unter Umständen auch kontraproduktiv wirken. Es macht sicher einen Unterschied, in welchem Verhältnis man zu der Person steht, ob man diese kennt oder nicht. Besteht eine Beziehung, ermöglicht dies, in einem Gespräch an das Beobachtete anzuknüpfen. Als Aussenstehende ist es angebracht, Aufmerksamkeit zu signalisieren, genau hinzusehen und zu zeigen, dass das Verhalten nicht unbemerkt geblieben ist.»

 

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.