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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Killer Perfektion

Killer Perfektion

Zu hohe Ansprüche an sich selbst und das konstante Streben nach Perfektion lassen Lehrpersonen scheitern – beruflich und gesundheitlich. Was steckt dahinter?

Die bis ins Detail geplante Musterlektion, das perfekt gestaltete Arbeitsblatt oder das vorbildlich geleitete Elterngespräch: Sie alle sind klare Zeichen von pädagogischem Perfektionismus, oder eben grenzenlosem Einsatz, gepaart mit enormen Ansprüchen an die Qualität der eigenen Arbeit und Leistung. Dieser Perfektionismus ist eine Übertreibung des Engagements und des Wunschs, die Sache gut zu machen. Die persönlichen Ansprüche werden so hoch gesetzt, dass sie zu unüberwindbaren Hürden werden und im Extremfall die Lehrpersonen zu Fall bringen – gesundheitlich und beruflich.

In einer 2015 durchgeführten Befragung von 300 Lehrpersonen im Kanton Graubünden zu den grössten Belastungsfaktoren im Berufsalltag schwangen zwei Aspekte obenaus: 76 Prozent der Befragten empfanden die hohen Ansprüche an sich selbst als grosse Belastung. Jede und jeder Zweite sah die eigene Neigung zur Perfektion als sehr belastend an. Ein Teilnehmer hat das Gefühl mit «nie richtig fertig zu sein mit der Arbeit» umschrieben. Die Pädagogin Katja Gurt hat die Befragung im Rahmen ihrer Zertifikatsarbeit der Schulleitungsausbildung durchgeführt. Das Resultat hat die Fachlehrerin und angehende Schulleiterin kaum überrascht. «Lehrpersonen stehen unter ständiger Beobachtung und sind Gesprächsthema in der Familie und der Öffentlichkeit. Der Druck des gut Ankommensbei Schülerschaft, Eltern und Kollegium ist gross. Ein Fehlverhalten können sie sich nicht leisten, sie setzen sich dadurch unter Druck», umschreibt die Pädagogin ihre Erfahrungen. Sie betont, dass die zeitliche Freiheit, die der Lehrberuf bietet, auch ein Risiko darstellen kann. Die heutigen heterogenen Klassen fordern viel Vorbereitung und Absprachen mit den beteiligten Fachpersonen. Unterrichtsvor- und -nachbereitung, zusätzliche administrative Aufgaben oder schulinterne Verpflichtungen sind an keinen fixen zeitlichen Rahmen gebunden. «Doch ausgeprägte Perfektion kostet Zeit, Energie und Erholung. Und genau diese Ressourcen muss die Lehrperson selbst einteilen. Gelingt das nicht, gerät die Work-Life-Balance in Schieflage», ergänzt Lehrerin Gurt. Bleibt diese Schieflage konstant bestehen, kann sie zu einem Burnout führen.

Die zentrale Frage dabei bleibt: Wann ist es gut genug?

Das Institut für Arbeitsmedizin Baden wurde 2016 vom LCH beauftragt, eine Beobachtungsstudie zur Belastung von Lehrpersonen durchzuführen. Auch diese Resultate zeigen auf, dass das Verschmelzen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit – vom Homeoffice bis zur fast ständigen Erreichbarkeit – für Lehrpersonen eine psychosoziale Belastung darstellt. Arbeitsorganisation und Zeitmanagement sind entscheidende Faktoren, Strukturieren und Abgrenzen empfohlene Lösungsansätze. Doch wie sehen diese in der Praxis aus? Und wie sollen Lehrpersonen der «Killer Perfektion» im Schulalltag wirksam begegnen?

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Cartoon: Martina Lutz / Bildung Schweiz

«Gut ist das neue Perfekt»
Genau diese Fragen stellte sich die Primarschullehrerin Yvonne Zumsteg. «Nach elf Jahren im Beruf erkannte ich, dass ich die Balance zwischen Arbeit und Erholung noch nicht gefunden hatte. Dies machte mich unzufrieden, obwohl ich immer gerne unterrichtet habe», erinnert sich die passionierte Lehrerin. Sie beschloss, an der Pädagogischen Hochschule FHNW eine Intensivweiterbildung zu absolvieren, und vertiefte sich in die Thematik «Gesund bleiben im Lehrberuf» nach dem Buch von Jürg Frick «Gesund bleiben im Lehrberuf – ein ressourcenorientiertes Handbuch». Sie erkannte, dass sie 80 Prozent der Arbeit relativ schnell erledigte, für die restlichen 20 Prozent aber nochmals 80 Prozent investieren musste. «So versuche ich nun immer abzuwägen, ob sich der Aufwand lohnt. Und da, wo ich finde, dass es sich lohnt, macht es dann auch richtig Freude, zu investieren», fasst Zumsteg ihre Erkenntnisse zusammen. Die zentrale Frage dabei bleibe: Wann ist es gut genug? Zumstegs Weiterbildung ist drei Jahre her. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse begleiten sie noch täglich. Jedes Jahr schreibt sie einen für sie wichtigen Leitsatz auf ihr Vorbereitungsbuch, sei es «Gut ist das neue Perfekt», oder «Gut ist gut genug». «Die dadurch angeregten Gespräche im Kollegium halfen vielleicht dem einen oder anderen, die eigenen Ansprüche runterzufahren», zieht Zumsteg ihre persönliche Bilanz. In der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen versucht Yvonne Zumsteg, etwas auf die Bremse zu stehen, was die Ansprüche betrifft. Wenn es einen Vorschlag gebe, der zwar toll ist, aber überproportional grossen Arbeitsaufwand fordert, äussere sie das konsequent und versuche das Team von einem entsprechenden Gegenvorschlag zu überzeugen, der ähnlich gut ist, aber mit weniger Aufwand verbunden. Gelingen tue es nicht immer.

„Jede oder jeder macht es gut, und zwar auf seine Art. Neid hat keinen Platz»

Für Zumsteg war es wichtig, herauszufinden, woher die hohen Ansprüche kommen. «Es hat oft mit Anerkennung und gesehen werdenzu tun. Jeder braucht Lob. Es ist wichtig, dass wir uns dessen im Team bewusst sind. Jede oder jeder macht es gut, und zwar auf seine Art. Neid hat keinen Platz», umschreibt Zumsteg ihre Haltung. Allein ist sie damit nicht. Schulleiterin Denise Widmer (vgl. Interview) befasst sich seit über zehn Jahren mit dem Thema «Gesundheit und Schule» und proklamiert ganz klar: «Ich brauche keine perfekten Lehrpersonen, sondern gute.»

Hohe Ansprüche nicht als Belastung, sondern Triebfeder
Dass der Beruf der Lehrerinnen und Lehrer sehr hohe Ansprüche stellt, steht auch für Manuela Keller-Schneider, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Psychologin für Kinder- und Jugendpsychologie, ausser Frage. Keller-Schneider engagiert sich in Forschungsprojekten rund um die Ressourcenentwicklung im Umgang mit Berufsanforderungen. «Hohe Ansprüche sind nicht nur eine Belastung, sondern eine wichtige Triebfeder, um die Arbeit möglichst gut und wirkungsvoll zu machen. Aus meiner Sicht gehört dies zum Beruf. Ich würde dem aber nicht Perfektionismus sagen», betont Keller-Schneider und konkretisiert: «Ich denke, ein grosser Anteil der Lehrpersonen engagiert sich sehr und will die Arbeit möglichst gut machen. Eine Balance zwischen Verausgabung und Erholung zu finden, um sich nach sehr intensiven Phasen auch wieder regenerieren zu können, stellt jedoch eine grosse Herausforderung dar.» Sobald Perfektionismus darauf ziele, die Qualität voll und ganz zu kontrollieren, dann passe das nicht zum Beruf von Lehrpersonen, hält Keller-Schneider fest. «Denn die Adressatinnen und Adressaten sind immer selbstgesteuert und autonom denkende und handelnde Menschen. Da die Wirkung des Handelns von Lehrpersonen immer einer Ungewissheit unterworfen ist, ist diese Art von Perfektionismus ungünstig», erklärt Keller-Schneider und fügt hinzu: «Wenn wir die Eigenständigkeit des Gegenübers – Schülerinnen und Schüler, Eltern, Kolleginnen und Kollegen – übergehen, weil wir etwas Perfektes anstreben, wird die Qualität nicht besser.»

Wozu mache ich das und wozu mache ich das noch besser? Woran erkenne ich, dass es besser ist? Und was nützt es dem Lernen der Schülerinnen und Schüler, wenn ich etwas noch besser mache?

Doch was gut ist, lässt sich im Lehrberuf nicht eindeutig festlegen. Die Anforderungen wandeln sich konstant und werden vielfältiger. Die Standards sind unklar. Die Lehrpersonen müssen ihren eigenen persönlichen Referenzrahmen finden. Denn betreffend Aufwand und Ansprüche sind nach oben keine Grenzen gesetzt. Um sich nicht zu stark zu verausgaben, empfiehlt Keller-Schneider, sich als Lehrperson immer nach dem Ziel des Engagements zu fragen und dieses auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler auszurichten. Wozu mache ich das und wozu mache ich das noch besser? Woran erkenne ich, dass es besser ist? Und was nützt es dem Lernen der Schülerinnen und Schüler, wenn ich etwas noch besser mache?

 

«Ich brauche keine perfekten Lehrpersonen, sondern gute»

Denise Widmer ist seit bald zehn Jahren Gesamtschulleiterin einer grossen Schule mit 230 Mitarbeitenden in Suhr (AG). Sie beschäftigt sich mit dem Gesundheitsaspekt des Lehrberufs.

Sie haben sich intensiv mit Belastungssituationen im Schulalltag befasst und dazu eine Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule FHNW absolviert. Was hat Sie dazu bewogen?
DENISE WIDMER: „In meiner Arbeit – insbesondere im Personalbereich – wurde mir immer mehr klar, dass nur gesunde Lehrpersonen auch gute Lehrpersonen sind. Ich habe deshalb am Projektkurs der FHNW ein Gesundheitskonzept für meine Schule entwickelt. Verändert hat sich bei mir, dass es viele verschiedene Mosaiksteine sein müssen, welche die gesundheitliche Situation verändern, und dass es immer eine Symbiose zwischen psychischer und physischer Gesundheit ist, die uns schlussendlich eine Situation oder eine Lebensphase als belastend empfinden lässt.“

«Schlussendlich soll der Arbeitsort Schule vor allem ein Ort sein, wo Menschen mit­ einander in Beziehung stehen. Das perfekte Arbeitsblatt, Protokoll oder die schöne Gesprächsvorbereitung sollen nicht das Prioritäre sein.»

300 Lehrpersonen wurden im Kanton Graubünden betreffend ihre grössten beruflichen Belastungen befragt. Die hohen Ansprüche an sich selbst und die Neigung zur Perfektion sind die Spitzenreiter. Inwieweit spiegelt sich dieses Bild an Ihrer Schule?
„Ich versuche auch, dieses Thema in verschiedenen Herangehensweisen aufzugreifen; unter anderem mit der Weiterbildung «Gut ist besser als perfekt». Ich brauche keine perfekten Lehrpersonen, sondern gute. Ich habe jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass Lehrpersonen ihren Hang zum Perfektionismus oft nicht verändern wollen, weil es auch immer etwas mit «im Recht sein» zu tun hat. Oder anders gesagt: Ich bin halt perfektionistisch, damit kein anderer, neuer Weg eingeschlagen werden muss. Bei unseren 230 Mitarbeitenden gibt es einige Lehrpersonen, die ihren Perfektionismus so sehen. Doch schlussendlich soll der Arbeitsort Schule vor allem ein Ort sein, wo Menschen miteinander in Beziehung stehen. Das perfekte Arbeitsblatt, Protokoll oder die schöne Gesprächsvorbereitung sollen nicht das Prioritäre sein.“

Inwieweit können Perfektion und hohe Ansprüche beflügelnd sein und wann beginnt sich die Dynamik zu ändern?
„Wie gesagt finde ich Perfektion und hohe Ansprüche im Schulumfeld generell falsch angesiedelt. Wichtiger erscheint mir die Bereitschaft, Lösungen zu finden, Situationen anzunehmen und Hypothesen zu bilden, was ein gangbarer Weg wäre. Im «menschlichen» Umfeld mit Schülerinnen und Schülern ist es schwierig, die Lorbeeren für Perfektionismus und hohe Ansprüche zu ernten, und es kippt, wenn die persönlichen Ansprüche auf die Kinder, Jugendlichen und ihre Eltern projiziert werden.“

„Bis jetzt hatte ich in diesen bald zehn Jahren als Gesamtschulleiterin nur vier Personen, die ein «klassisches» Burnout hatten. Und das waren zwei Frauen und zwei Männer.“

Wenn Perfektion und zu hohe Ansprüche krank machen: Was kann basierend auf Ihren Erfahrungen dagegen getan werden?
„Eine hohe Fehlerkultur erlauben, immer wieder direkte, ehrliche und offene Gespräche führen und ein Klima von Wertschätzung und Respekt aufbauen, bei dem Verhalten auch mal konstruktiv kritisiert werden kann und nicht die Personen in Frage gestellt werden.“

In einigen Studien werden höhere Burnout-Werte bei Frauen festgestellt. Diese werden mit der Mehrfachbelastung und den Rollenkonflikten von berufstätigen Frauen interpretiert, die zwischen beruflichem Erfolg, mütterlicher Präsenz und «hausfraulicher Perfektion» balancieren müssen. Wie stehen Sie zu dieser Interpretation?
„Selbstverständlich zeigt sich oftmals eine Dreifachbelastung bei den Frauen. Neben den Kindern, dem Beruf und oft auch der Pflege von Familienangehörigen müssen Haushalt oder eben auch Gesundheit und Fitness Platz haben. Ich denke, dass zurzeit auch eine Generation von Frauen berufstätig ist, die keine Vorbilder haben in ihren Müttern, was Mehrfachbelastungen anbelangt. Die meisten sind mit Müttern aufgewachsen, die zu Hause waren, und kennen deshalb nur die hausfrauliche Perfektion. Bis jetzt hatte ich in diesen bald zehn Jahren als Gesamtschulleiterin nur vier Personen, die ein «klassisches» Burnout hatten. Und das waren zwei Frauen und zwei Männer.“

 

publiziert Oktober 2019, Zeitschrift „Bildung Schweiz“ (2019/ 10)

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