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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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«Vergessen ist keine Option»

«Vergessen ist keine Option»

1995 hätte für Viorica Capsa und ihren Mann Nicolae ein Glücksjahr werden sollen. Der Polizist und die Verkäuferin erwarteten ihr erstes gemeinsames Kind. Im September 1995 erblickte ihr Sohn Ion das Licht der Welt. «Ich sah ihn nach der Geburt nur kurz. Er war körperlich schwer behindert. Die Ärzte sagten, er brauche nun intensive Betreuung und die könne der Staat bieten», erinnert sich die damals 17-Jährige. Zusammen mit ihrem Mann unterschrieben sie die entsprechenden Dokumente. Einige Tage nach der Geburt gingen sie nach Hause – ohne ihren Sohn. «Wenn wir nach Informationen fragten, wurden wir vertröstet und abgewiesen. Drei Monate nach der Geburt kurz nach Weihnachten bekam ich einen Anruf, dass Ion gestorben sei – nicht im Spital, sondern in einem staatlichen Waisenhaus.»

«Casa de copii»
Viorica ist mit ihrer Geschichte nicht alleine. In Moldawien – bis 1998 Teil der Sowjetunion – war es die Regel, dass sich der Staat um behinderte, zurückgelassene, verwaiste oder verhaltensauffällige Kinder kümmerte. Auch nach dem Zusammenbruch des Ostblockes und der Unabhängigkeit des kleinen Staates blieb diese Regel bestehen. Wer ein behindertes Kind bekam, wurde schon im Krankenhaus kurz nach der Geburt so unter Druck gesetzt, das Kind in der Obhut des Staates zu lassen, dass es vielen Eltern als die einzige mögliche Option erschien. Die Kinder wurden in sogenannte «casa de copii» – was übersetzt so viel wie Kinderhaus bedeutet und in der Funktion einem Waisenhaus entspricht, untergebracht. Die Bedingungen in diesen oft riesigen Institutionen waren katastrophal: Kein Wasser, keine Toiletten, kaum Hygiene und weder genügend Nahrung, Betreuung noch Bildung. Heizungen, Duschen oder Licht suchte man vergebens. Behinderte Kinder wurden oft sich selbst überlassen und isoliert. Wer überlebte, war unternährt, verwahrlost und traumatisiert.

«Wir waren unter den Sowjetunion ein sozialistischer Staat und ein sozialistischer Staat kennt keine sozialen Probleme.»

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1998 kamen erste Bilder der prekären Verhältnisse in den moldawischen Waisenhäusern an die Öffentlichkeit. UNICEF, internationale NGOs und die Europäische Union kritisierte die Bedingungen in den Kinderheimen. Moldawien musste auf den internationalen Druck reagieren. Das Risiko wichtige Geldgeber wie die Europäische Union zu verlieren, konnte sich das verarmte Land nicht leisten. 2007 implementierte der Staat einen ersten Aktionsplan. Ein weiterer Plan folgte 2016. Die Ziele sind klar: Bis ins Jahr 2020 sollen alle Waisenhäuser geschlossen sein und die Kinder in ihre Stammfamilie, in Pflegefamilien oder Wohngruppen integriert sein. Gleichzeitig soll ein integratives Schulsystem gefördert werden, damit auch Kinder mit einer Behinderung die öffentliche Schule besuchen können. Vergessen ging dabei die moldawische Realität.

«Bis 2006 gab es in Moldawien keine Sozialarbeiter, keinen Kinderschutz, keine Familienbehörde, keine Schulen für verhaltensauffällige Kinder, keine Heilpädagogen und kaum Toleranz behinderten Menschen gegenüber. Problemfälle landeten im Heim. Wir waren unter den Sowjetunion ein sozialistischer Staat und ein sozialistischer Staat kennt keine sozialen Probleme», erinnert sich eine Einheimische, die beim Erstellen des Aktionsplans mitarbeitete und erklärt: «Es galt innerhalb kürzester Zeit bis anhin inexistente Fachpersonen zu rekrutieren, welche die Heimkinder und ihre Situation beurteilen. Die Stammfamilien mussten gefunden, informiert und vorbereitet werden. Warum sollten auf einmal die Eltern – welche oft gar nicht im Land waren – für ihre Kinder zuständig sein? Es mussten Ausbildungen und Prozesse erstellt werden. Viele Kinder sollten in Pflegefamilien untergebracht werden, doch wir kannten dieses Modell nicht. Mit dem Umbruch des Systems überrumpelte sich der Staat selbst und überforderte sich und seine Gesellschaft.»

Nicu Mutter

Viorica Capsa (Bild Wuethrich)

Die Behörden lassen sich von solchen Aussagen nicht beeindrucken. Laut ihnen sieht die Zwischenbilanz gut aus. 2007 waren an die 12’000 Kinder in 67 Institutionen untergebracht. Innerhalb von fünf Jahren wurden 62 Prozent der Kinder «entlassen». Ende 2015 warteten noch etwa 1900 Kinder in weniger als 40 Institutionen auf ein neues Zuhause. Es sind die schwer platzierbaren Fälle. Viele von ihnen haben Entwicklungsstörungen oder eine Behinderung. Die Stammfamilien sind nicht vorbereitet, um ihre Kinder „zurückzunehmen“. Einen Platz in einer Pflegefamilie zu finden, ist schwer. Denn die Unterstützung des Staates ist mit knapp 50 Euro pro Monat minim und reicht kaum aus, das Kind zu ernähren und zu kleiden. Von Therapien oder Schulbesuch ganz zu schweigen. Zusätzlich ist die Gesellschaft sich nicht an Behinderte gewöhnt. Jegliche Sensibilisierung fehlt. Bis dato waren sie säuberlich weggesperrt und versorgt. Denn die Eltern, die sich weigerten ihre behinderten Kinder dem Staat zu überlassen, blieben unsichtbar und pflegen ihren Nachwuchs alleine, von der Öffentlichkeit und dem Staat grösstenteils vergessen.

Jegliche Sensibilisierung fehlt
Viorica kennt auch diese Situation zur Genüge. Im November 1998 kam ihr zweiter Sohn Nicu zur Welt. Auch er war wie sein älterer Bruder körperlich behindert. Die Diagnose lautete auf Arthrogryposis multiplex congenita – kurz AMC. Dies ist eine angeborene Form der Gelenksteife. Bei einigen Neugeborenen sind die Beine bei Geburt wie bei einem Taschenmesser nach oben geklappt. Ohne Korrektur können diese Kinder nie selbstständig Sitzen. Viel AMC-Betroffenen sind lebenslang auf den Rollstuhl und Pflege angewiesen. Der Bewegungsradius der Arme ist eingeschränkt. Schreiben, sich selbst anziehen oder den eigenen Rollstuhl selbständig bedienen, ist kaum möglich.

«Sie haben sich freiwillig für ihr Kind entschieden. Beschweren sie sich nicht.»

Trotz der Diagnose und dem Druck der Behörden entschlossen sich Viorica und ihr Mann sich selbst um Nicu zu sorgen. Sie kümmerten sich rund um die Uhr um ihren Sohn. Therapien und Hilfsmittel wie ein Rollstuhl fehlten. Viorica trug Nicu jeden Morgen in den Kindergarten, später in die Schule. Sie wartete vor dem Klassenzimmer und trug ihn zur nächsten Unterrichtsstunde. Am 10. April 2013 starb Nicu mit nicht einmal 15 Jahren. Um ihn und die Familien mit behinderten Kindern nicht zu vergessen, gründete Viorica in ihrem Dorf Gratiesti, rund 20 Minuten ausserhalb der Hauptstadt Chişinău, das kleine Therapiezentrum «Nicusor». Die Nachfrage ist gross; die angestellten vier Therapeutinnen sind ausgelastet. Das Zentrum finanziert sich durch Spenden. Denn die meisten Familien stammen aus armen Verhältnissen. Geld für die Therapien fehlt. «Es gibt in Gratiesti ungewöhnlich viele Familien mit körperlich und geistig behinderten Kindern», erklärt Viorica. Der Grund dafür ist bis heute ungeklärt. «Sie haben sich ja freiwillig dafür entschieden, sich um ihr Kind zu kümmern. Jetzt müssen sie sich nicht beschweren» – so die Antwort auf die Nachfrage bei Behörden und Ärzten.

Büro und Foto

Viorica an ihrem Schreibtisch. An der Wand ein Foto von ihrem Sohn Nico. (Bild Wuethrich)

Bildungstechnischer Stillstand
Von den Aktionsplänen des Staates spüren die behinderten Kinder und ihre Familien wenig. Viele Kinder besuchen immer noch keine Schulen. Denn das öffentliche Schulsystem basiert auf grossen Klassen und dem autoritären sowjetischen Stil, geprägt durch Wiederholungen und Auswendiglernen. Für «Problemfälle» ist niemand gewappnet. Im September 2016 wurde zwar die erste integrative Schule in Moldawien eröffnet – nach britischem Modell und finanziert von einer englischen NGO. Doch sie bietet gerade mal Platz für 22 Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung, die zusammen mit gleichaltrigen Kindern den Unterricht besuchen dürfen. «Dass dieses Modell für unser Bildungssystem eine ideale Lösung wäre, steht ausser Frage», betont die Direktorin. Was fehle sei das Geld. Ohne Internationale Hilfe drohe der bildungstechnische Stillstand.

Vergessen kommt für Viorica nicht in Frage. In ihrem Büro über ihrem Schreibtisch hängt ein Foto ihres Sohnes Nicu. Er wäre in wenigen Wochen 20 Jahre alt geworden.

Die Situation in den Waisenhäusern hat sich in den vergangenen Jahren für alle Kinder verbessert – Reformbemühungen und internationalem Druck sei Dank. Trotzdem stellte Catalina Devandas-Aguilar, die erste Sonderbeauftragte der UN für Menschen mit einer Behinderung und deren Rechte, den moldawischen Institutionen nach ihrem Besuch 2015 ein schlechtes Zeugnis aus. Sie spricht auch heute noch von alarmierenden Zuständen und unmenschlichen Betreuungsmustern; von behinderten Kindern und Erwachsenen, die isoliert und ohne Kontakt zur Aussenwelt vor sich hin vegetieren. Schockiert zeigte sich die Sonderbeauftragte auch über die Verwahrlosung und zahlreiche Missbrauchsvorwürfe.

Die Einheimischen scheint die ganze Diskussion kalt zu lassen. Sie sind mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Ein Arzt verdient knappe 200 Euro. Ein Tagelöhner schafft es auf ein paar Euro pro Tag. Sozialleistungen oder eine Pension bleiben Wunschdenken. Die medizinische Versorgung ist prekär. Für Viorica ist das eigene Überleben eng verknüpft mit «ihrem Therapiezentrum». Seit dem Tod ihrer Kinder ist es ihr Lebensinhalt. Gerne würde sie einen weiteren Therapeuten für Jugendliche einstellen. «Diese Altersgruppe wird vergessen. Sie gelten für Schule, Therapien und Unterstützung als zu alt», erklärt die heute 40-Jährige. Und vergessen ist für Viorica keine Option. In ihrem Büro über ihrem Schreibtisch hängt ein Foto ihres Sohnes Nicu. Er wäre in wenigen Wochen 20 Jahre alt geworden.

Publiziert Oktober 2018 in „Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten (Nr.4/5/2018)

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