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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Bist du noch mein Freund?

Bist du noch mein Freund?

Für Entwicklungspsychologen sind Kinderfreundschaften wichtig für die Entwicklung von Kindern. Doch wie finden Kinder heute Freunde? Und was für eine Rolle spielt die Schule dabei?

Ben besucht die zweite Klasse. Der Achtjährige ist ein ruhiger Schüler. In der Klasse hat er keine Freunde. Bei Grup­penarbeiten oder im Turnen gehört er zur «Restgruppe». Die besorgten Eltern bemühen sich, für ihren Sohn Freunde zu finden, organisieren Spielnachmittage und suchen Kontakt zu Eltern von gleich­altrigen Kindern. Die Anstrengungen zei­gen kaum Erfolg. Die Eltern vereinbaren ein Gespräch mit der Klassenlehrerin. Sie fordern die Pädagogin auf, Ben aktiv beim Finden von Freunden zu unterstützen.

Bens Geschichte steht symbolisch für Kinder, die kaum oder keine Freunde haben und für Eltern, denen diese Situ­ation grosse Sorgen bereitet. Denn die Fachliteratur zeigt klar auf: Freundschaf­ten sind für die Entwicklung eines Kindes äusserst wertvoll. «Kinderfreundschaften und das freie Spiel fordern die Entwick­lung der emotionalen Kompetenzen gera­dezu heraus», schreibt Professorin und Entwicklungspsychologin Margrit Stamm zum Thema. Sie nennt Kinderfreundschaf­ten «wichtige Entwicklungshelfer». Denn durch Freundschaften lernt das Kind, autonom Konflikte auszutragen, sich durchzusetzen, nachzugeben, zu teilen, Regeln zu verein­baren und einzuhalten, ohne von Erwach­senen konstant kontrolliert, beschützt oder behütet zu werden.

«Freunde zu haben, hat sich zu einem ‹Muss› entwickelt – allerdings nicht durch die Entwicklung psychologischer Gründe, sondern als Ausdruck sozialen Prestiges»

Kinderfreundschaften als wichtiger Lern­prozess, bei dem Erwachsene kaum etwas zu sagen haben? In Zeiten von Helikopter­ müttern, organisierten «Spiel­-Dates» und einer Tendenz hin zum Kind als «Mini­ Me»* des Erwachsenen ist dies wohl eher ein frommer Wunsch als Realität. Viele Eltern planen die Freizeitaktivitäten ihrer Kinder bis ins letzte Detail und damit in gewissem Masse auch die Freundschaften. Die Phasen der Kindheit werden wo immer möglich optimiert. Dabei sollen auch die Freunde ins Förderungsprogramm pas­sen – gesellschaftlich und sozial.

Freunde finden ist heute schwieriger
«Freunde zu haben, hat sich zu einem Mussentwickelt – allerdings nicht durch die Entwicklung psychologischer Gründe, sondern als Ausdruck sozialen Prestiges», bringt es der dänische Fami­lientherapeut Jesper Juul auf den Punkt. Der bekannte Autor beantwortet in einer österreichischen Tageszeitung Fragen von Eltern – auch zum Thema Freundschaft. Juul betont dabei, dass sich durch orga­nisatorische und soziale Umstände die Freiheit und die Möglichkeit, Freunde zu finden, entscheidend verringert haben. Kompensiert werde diese Entwicklung mit dem Organisieren von «Spiel­-Dates».
«Die Beziehungen, die hier zwischen den Kindern entstehen, qualifizieren sich kaum als das, was wir als Freundschaft betrachten», erklärt der Däne. «Denn echte Freundschaften, die zufällig entstehen und die sich in ihrem eigenen Tempo – schnell, intensiv oder langsam – entwickeln, haben Ähnlichkeiten mit Liebesbeziehungen zwischen den Menschen. Sie enthalten sowohl Freude und Erwartung wie auch Wut, Enttäuschung, Verlust oder Schmerz. Diese Gefühle sind wichtig, damit Kinder und Jugendliche die Chance bekommen, Fähigkeiten für ihr gesamtes Leben zu entwickeln.» Juuls Botschaft ist klar: Eine Freundschaft kann nicht erzwungen wer­ den. Die ergibt sich oder nicht – egal, was die Erwachsenen planen und arrangieren. Doch welche Rolle spielen die Lehrperso­nen beim Finden von Freunden?

«Du bist mein Freund, solange du mit mir spielst.» Ohne eigenen Vorteil keine Freundschaft. Es dominiert das egozentrische Weltbild.

Für jede Pädagogin und jeden Pädagogen ist es wichtig, die Kinderfreundschaften den Erwachsenenfreundschaften nicht gleichzustellen. Kinderfreundschaf­ten unterliegen anderen Gesetzen. Im «Handbuch für ErzieherInnen in Krippe, Kindergarten, Vorschule und Hort» werden Freundschaften unter Kindern folgendermassen beschrieben: «Kin­derfreundschaften sind oft für einzelne Entwicklungsphasen äusserst wichtig; sind diese abgeschlossen, werden auch die Freundschaftsbeziehungen unwich­tig.» Drei­ und vierjährige Kinder haben spontane, kurzfristige Freundschaftsbe­ ziehungen – sie werden schnell geschlos­sen und ebenso rapide beendet. «Du bist mein Freund, solange du mit mir spielst.» Ohne eigenen Vorteil keine Freundschaft. Es dominiert das egozentrische Weltbild.

Auch im Kindergartenalter halten Freundschaften noch keinen grossen Belas­tungen stand, doch sie werden bewusster wahrgenommen. Kinder können artikulie­ren, dass sie ein anderes Kind besonders mögen. Kinder mit kreativen Spielideen, grosser Durchsetzungsfähigkeit oder begehrten Spielsachen zählen zu beliebten Freunden. Mit dem Schuleintritt steigt die Anzahl Kinder im etwa gleichen Alter im direkten Umfeld und somit auch die Mög­lichkeit, einen Freund oder eine Freundin zu finden. Zusätzlich sind ältere Kinder begehrt als Freunde, weil sie viel können, was man selbst auch gerne tun möchte. Um im Schliessen von Freundschaften erfolgreich zu sein, muss ein Kind lernen, wie es sich einem anderen Kind nähert, um dessen Freundschaft zu erringen. Dazu gehört die Fähigkeit, sich sprachlich auszu­ drücken und mit anderen zu kooperieren. Ein gewisses Einfühlungsvermögen in die andere Person muss ebenfalls bereits vor­ handen sein.

Lehrpersonen als Anschubhilfe
Wenn diese Vorgaben erfüllt sind, wie kann dann eine Klassenlehrerin – wie in Bens Fall – zusätzlich Freundschaften fördern? «Zuerst einmal sind die Eltern und Ben gefordert, erst in zweiter Linie die Lehr­ person», sagt der Psychologe Jürg Frick. Der ehemalige Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich betont: «Man müsste mehr darüber wissen, warum Ben keine Freunde hat – das ist vermutlich nicht erst seit der zweiten Klasse ein Pro­blem. Die Lehrerin könnte diesen Aspekt mit den Eltern und Ben thematisieren und in Erfahrung bringen, wie Ben das Pro­blem sieht.» Manche Kinder leiden sehr unter dem Fehlen von Freunden. Ande­ren macht es weniger zu schaffen. Sozial akzeptiert zu sein, ist jedoch für jedes Kind wichtig. Kinder spiegeln oft das Verhalten ihrer Eltern. Pflegen diese nur die nötigsten sozialen Kontakte, können die Kinder dazu neigen, auch weniger Freunde zu haben. Lehrpersonen können das Elternhaus nicht verändern, dafür in ihrer Klasse fördernd agieren. Frick empfiehlt der Lehrerin von Ben zum Beispiel, ihn bei Partnerarbeiten mit einem sozial gut akzeptierten Schüler zusammenzubringen, warnt aber gleichzei­tig: «Ungünstig wäre es, das Thema in der ganzen Klasse in Anwesenheit von Ben anzusprechen.»

«Kinder spiegeln oft das Verhalten ihrer Eltern. Pflegen diese nur die nötigsten sozialen Kontakte, können die Kinder dazu neigen, auch weniger Freunde zu haben.»

Eine positive und ermutigende Grundhal­tung der Schule, ein fairer Führungsstil der Lehrperson, gemeinsame klassenübergrei­fende Aktivitäten, Partizipationsmöglichkei­ten wie Schülerparlamente und schulische Unterstützung für Kinder und Jugendliche ermöglichen ein gutes Schulklima. «Eine proaktive Haltung der Lehrpersonen mit raschem und klarem Eingreifen bei Aus­schlusstendenzen und Mobbing ist wich­tig», unterstreicht der Psychologe. Werden diese Grundlagen erfüllt, ist eine wichtige Basis für ein «Freundschafts­freundliches» Umfeld geschaffen.

Der Psychologe JŸrg Frick, PHZ, im Beobachter-Interview zum Thema ŸbermŠssige Verwšöhnung bei Kindern. Frick ist Autor des Buches „Droge Verwöšhnung“.

Frick betont, dass sich Freundschaften unter Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren stark verändert haben. «Soziale Medien und elektronische Geräte spielen eine sehr wichtige Rolle. Denn Kin­der und Jugendliche sind heute schon früh digital vernetzt.» Laut einem deutschen Forschungsverbund zählen Jugendliche im Schnitt rund 270 Facebook­ Freunde. 270 Freunde versus zwei Schulfreunde und vielleicht einen Freund aus dem Nach­barshaus: Stirbt die altbekannte «Sand­kastenfreundschaft» aus? Oder hat sie im schnell wechselnden Freundschaftsmarkt überhaupt noch Platz? «Viele Freundschaf­ten sind heute teilweise oberflächlicher, rascher – und auch via Medien – häufiger wieder beendet», analysiert Frick und hält fest: «Facebook ­Freunde ersetzen keine realen Freunde – viele Jugendliche pfle­gen allerdings beide Freundschaftskanäle. Reale Beziehungen muss man weiterhin unbedingt auch analog pflegen.»

Doch egal in welcher Schule, ob mit oder ohne Facebook, ob Ben oder ein anderes Kind: Schlussendlich entscheiden Kinder und Jugendliche selbst, wer ihnen sympathisch ist und mit wem sie zusam­ men sein wollen. Um Freundschaften zu finden und zu erproben, ist die Schule das wohl ideale Übungsfeld. Die Lehrpersonen gehören mit dazu – als dezente Anschub­ hilfen und einfühlsame Wegbegleiter.

Illustration aus „Bildung Schweiz“.

Weiter in Netz
www.kindergartenpaedagogik.de www.juergfrick.ch
www.srf/myschool – Unterrichtseinheit zum Thema Freundschaft (Sek I)

*«Mini­Me» bedeutet kleines Alter Ego. Der Begriff stammt von einer Figur des Films «Austin Powers» (1999), wo ein Miniatur­Klon des Bösewichts dessen Charakterzüge und Gewohnheiten besitzt.

publiziert Mai 2018, „Bildung Schweiz“ (05/2018)

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