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Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Sind Privatschulen nur für Reiche?

Sind Privatschulen nur für Reiche?

Meist richten sich private Schulen an gut verdienende, bildungsnahe Eltern. Doch in der Schweiz gibt es Ausnahmen, die sich auch weniger Gutverdienende leisten können.

Knapp sechs Prozent aller Kinder in der Schweiz besuchen eine Privatschule. Den Mittelwert an jährlichen Schulgebühren beziffert die Agentur für Privatschulen auf 24 000 Franken. Eine gewinnorientierte Privatschule finanziert sich über hohe Schulgelder, selektiert dadurch die Schülerschaft und definiert damit die eigene Exklusivität. Privat heisst also in den meisten Fällen privilegiert. So kostet etwa am Institut Montana Zugerberg ein Jahr am Gymnasium über 30000 Franken. «Wir betreuen an unserer Schule keine Sozialfälle, was als Privatschule auch nicht unsere primäre Ausrichtung oder Aufgabe ist», sagt Velia Tricoli, ­Leiterin External Relations am Institut Montana. Dafür sei das Schweizer Schulwesen zuständig.

«Wir betreuen an unserer Schule keine Sozialfälle, was als Privatschule auch nicht unsere primäre Ausrichtung oder Aufgabe ist. Dafürist das Schweizer Schulwesen zuständig.»

Bei Privatschulen haben Sozialprogramme, welche Kindern und Jugendlichen aus Familien ohne finanzielle Ressourcen den Zugang zu Privatschulen ermöglichen, Seltenheitswert, doch man findet sie. Als sozial verantwortungsbewusst positionieren sich vor allem ­gemeinnützige Privatschulen, die nicht gewinnorientiert arbeiten, sondern von Stiftungen, religiösen Organisationen, Vereinen und Gönnern getragen werden. Sie setzen dabei oft auf einkommensabhängige Schulgelder. Das heisst, dass einkommensschwächeren Familien weniger Schulgeld verrechnet wird als vermögenden Eltern, die einen höheren Beitrag bezahlen. Als zusätzliche Hilfe werden für Kinder aus benachteiligten Familien häufig auch Stipendien oder Unterstützungsfonds angeboten. Eltern mit mehreren Kindern profitieren von einem Geschwisterrabatt.

Dank der Kirche ein tiefes Schulgeld
Zum Beispiel die Freien Katholischen Schulen Zürich: «Wir wenden uns mit den einkommensabhängigen Schulgel­dern an Familien mit tieferen Einkommen und deren bildungsaffine Kinder», sagt deren Direktor Othmar Meister. Sie passen das Schuldgeld seit fast hundert Jahren dem Einkommen der Eltern an. «Viele der Familien sind Katholiken, die in die Schweiz eingewandert sind und heute in erster, zweiter oder dritter Generation in Zürich und Umgebung leben», konkretisiert er. Durch die finanzielle Unterstützung der römisch-katholischen Kirche des Kantons Zürich kann ein Schulgeld offeriert werden, das unter den Selbstkosten der Schule liegt. Eine katholische Familie aus Zürich, deren versteuertes Reineinkommen weniger als 40 000 Franken beträgt und die kaum über Vermögen verfügt, zahlt pro Jahr für ein Primarschulkind noch 2820 Franken. Im Gegenzug zahlen besserverdienende und vermögende Eltern ein Mehrfaches. Zudem variiert das Schulgeld je nach Wohnort oder Kirchgemeinde.

«Der Knackpunkt für nachhaltige Sozialprogramme ist die Finanzierung.»

Auch das Zürcher Gymnasium Unterstrass, mit evangelischem Hintergrund, kennt eine Abstufung der Schulgelder und einen eigenen Stipendienfonds. Dort besuchen pro Jahr sogar vier begabte Jugendliche aus einkommensschwächeren Familien mit Migrationshintergrund die Schule kostenlos – im Rahmen des Projektes Chagall. «Die kulturelle Diversität in den Klassen hat durch das Projekt zugenommen. Schülerschaft, Lehrpersonen und die Eltern empfinden dies als grosse Bereicherung», sagt Dorothea Baumgartner, Gesamtleiterin von Chagall. Aber: «Der Knackpunkt für nachhaltige Sozialprogramme ist die Finanzierung.» Das Programm sei nur dank Stiftungen, Gönnern und dem Lotteriefonds realisierbar.

Klarheit bei den Schulgebühren wird geschätzt
Vom einkommensabhängigen Schulgeld verabschiedet hat sich vor drei Jahren hingegen die Rudolf-Steiner-Schule in St. Gallen. «Überschuldet und kurz vor der Schliessung war die Einführung von Fixbeträgen und damit einer notwen­digen Planungssicherheit unerlässlich», sagt Schulleiterin Heidrun Weber. Die neu gewonnene Klarheit betreffend der Schulgebühren werde von den Familien geschätzt. Die Kursänderung mitgetragen hätten die Eltern, weil der Solidaritätsgedanke immer noch zentral sei, sagt Weber. Einkommensschwächere Familien können nun über einen Stipendienfonds Unterstützung beantragen.

publiziert NZZ am Sonntag, 10. April 2022

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