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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Fair oder fies?

Fair oder fies?

Ob Biene oder Bär: Wissen über Tiere gehört zum obligatorischen Schulstoff. Doch braucht es dafür wirklich Tiere in der Schule
 oder gar im Schulzimmer?

Meine persönliche Erfahrung mit Tieren im Schulzimmer ist tragisch und kurz. Wir hatten in einem Käfig Rennmäuse. Während einige Kinder mit den Tieren auf dem Fenstersims herumspielten, verschob sich der Mäusekäfig ruckartig gegen die Wand und zerquetschte einen der frei laufenden Nager. Ich kann mich noch an das Geschrei und das Blut der Maus erinnern. Und daran, dass die Mäuse bald gänzlich aus dem Zimmer verschwunden waren.

Was lernen Kinder besser, wenn Sie ein Tier im Schulzimmer über längere Zeit beherbergen?

Als ich später selbst als Lehrerin arbeitete, brachten die Kinder Schnecken oder Raupen in die Schulstunde – alles temporäre, unproblematische Besucher. An Schlangen, Mäuse oder gar einen Schulhund wagte ich mich nie. Bis heute bin ich beeindruckt von Lehrpersonen, die nicht nur 25 Kinder, den Lehrplan und die Förderstunden für ihre Schützlinge im Griff haben, sondern auch noch eines oder mehrere exotische Tiere.
Doch  was lernen Kinder besser, wenn Sie ein Tier im Schulzimmer über längere Zeit beherbergen? Was verpassen Schülerinnen, wenn sie den gleichen Stoff anhand von Filmen, Büchern oder einem Besuch im Zoo lernen?

 Die Tiere erobern das Schulzimmer zurück
«Es gibt heute viele und sehr gute Angebote und Möglichkeiten, den Lernstoff rund um Tiere und Natur zu vermitteln», sagt Nicolas Robin, Leiter des Institutes Fachdidaktik und Naturwissenschaften an der pädagogischen Hochschule in St.Gallen. Sei es ein Besuch m Zoo, im Naturmuseum, auf dem Bauernhof, ein Dokumentarfilm, ein Vortrag eines Experten, ein spannendes Buch oder eine packende Illustration. «Wird jedoch ein Tier über längere Zeit im Schulzimmer gepflegt, kommen zusätzliche Komponenten dazu: Verantwortung, Pflichten, direkter Kontakt mit dem Tier und dadurch Zuneigung, Identifikation und die Reflektion über die Bedürfnisse des Tieres und sich selbst als Tierhalter.» Lernen mit und durch das Tier wird zur persönlichen Erfahrung. Der Lernstoff verliert seine abstrakte Komponente und wird zum individuellen Erlebnis, das haften bleibt.

Begreifen durch Erleben. Schülerin mit Echse (Bild: Tierwelt / Adrian Baer)

In den 1970er-Jahren habe man praktisch in jedem Schulzimmer ein Terrarium gefunden, sagt Robin. Es wurde mit und am Tier unterrichtet. In den späten 80er- und 90er- Jahren eroberte die digitalisierte Welt das Schulzimmer. Das Angebot an externen Anbietern von Lerninhalten rund um Tier und Natur nahm zu: vom Naturmuseum bis hin zum YouTube-Film. In den letzten Jahren hingegen erobern die Tiere laut dem Experten die Schule zurück. «Die fachdidaktische Forschung zeigt, dass lebende Tiere im Schulzimmer ein individuelles und emphatisches Lernen fördern.» Begreifen durch Erleben.

Ein Hund, der unter dem Lehrerpult liegt, ist keine tiergestützte Pädagogik im eigentlichen Sinn. Und eine halbe Stunde fix verordnete Meerschweinchenzeit wird weder dem Tier noch dem Kind gerecht.

In der Lehrerausbildung wird auf diesen Erkenntnissen aufgebaut. Auch der Lehrplan 21 schaffe die Möglichkeiten, um lebende Tiere in den Unterricht zu integrieren, sagt Robin. Die Entscheidung, ob das Schulzimmer zum Tier-Zuhause wird, liege letztlich alleine bei der Lehrperson. «Es braucht Zeit, Planung, Raum, Wissen, Begeisterung und muss mit der Dynamik der Klasse vereinbar sein. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind unsicher betreffend die rechtliche Situation und die Verantwortungsbereiche, die sie sich durch ein Tier aufbürden, und entscheiden sich darum gegen ein Tier im Zimmer.»

Was ist, wenn mein Sohn allergisch reagiert?
Die Idee, Tiere im Schulzimmer zu halten, stösst auch auf Kritik. Der Schweizer Tierschutz (STS) spricht sich grundsätzlich gegen eine Haltung von Tieren im Schulzimmer aus, wie STS-Mitarbeiter David Naef sagt. «Der direkte Kontakt mit lebenden Tieren kann zwar für Kinder äusserst förderlich sein. Das Tier hingegen profitiert von den Kindern wenig bis gar nicht.» Das Tier werde in einer künstlich geschaffenen Situation von Stress und Angst dominiert. In einem Positionspapier zum Thema empfiehlt der STS Alternativen zur Tierhaltung im Schulzimmer, wie Freilandbeobachtungen, Besuche von Zoos,  Tierparks oder von Landwirtschaftsbetrieben. Gleichzeitig bietet der STS mit der Aktion «Krax» Tierbesuche für Schulklassen an. (Siehe Box).

Schüler bestaunen einen Leopardengecko. (Bild: Tierwelt / Adrian Baer)

Egal ob auf dem Schulhof oder direkt im Schulzimmer: Tiere sind nicht nur für Lehrpersonen und Schüler ein viel diskutiertes Thema, sondern auch bei Eltern. Was ist, wenn mein Sohn allergisch reagiert? Was, wenn meine Tochter von der Schildkröte gebissen wird? Letzteres sorgt selten für Probleme, wie Sonja Hartmann, Expertin beim «aha! Allergiezentrum Schweiz», erklärt: «Die meisten Sensibilisierungen bei Tierallergien finden sich gegen Katzen, Hunde, Pferde und Nagetiere.» Ist ein Schüler davon betroffen, sollte er den Kontakt mit diesen Tieren meiden. Das ist nicht möglich, wenn sich das Tier im Schulzimmer befindet. Lehrer sollten darum laut Hartmann von Fell- und Federtieren absehen – und sich eher für Fische oder eine Echse entscheiden.

Man muss klarstellen: Unterricht mit einem Tier kann man nicht verordnen. Das ist Blödsinn.

Allergien sind somit kaum ein Störfaktor. Sehr störend hingegen sind Unfälle mit Tieren in der Schule beziehungsweise im Unterricht. «Die Haftung für Unfälle mit Tieren in der Schule richtet sich nach der konkreten Abmachung zwischen Lehrperson und Schule», sagt Christine Künzli, Rechtsanwältin und stellvertretende Geschäftsleiterin der «Stiftung für das Tier im Recht» (TIR). «Die Lehrperson amtet grundsätzlich als Hilfsperson der Schule, so dass diese die Kosten tragen muss. Schliesst die Schule die Haftung aber aus, kann die Lehrperson als Halter des Tieres auch persönlich haften. Daher empfehlen wir Lehrpersonen, den konkreten Einsatz des Tieres mit der Schulleitung zu besprechen und – so- fern notwendig – eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschliessen.»

Begeisterung ist Voraussetzung
Wenn alles geklärt ist: Verantwortung, Rechte und Pflichten – wie sieht der ideale Tierunterricht in der Schule nun wirklich aus? «Man muss klarstellen: Unterricht mit einem Tier kann man nicht verordnen. Das ist Blödsinn. Die Lehrperson muss wollen und davon begeistert sein», sagt Karin Hediger, Präsiden- tin des Institutes für Interdisziplinäre Forschung der Mensch-Tier-Beziehung, und fügt hinzu: «Ein Hund, der unter dem Lehrerpult liegt, ist keine tiergestützte Pädagogik im eigentlichen Sinn. Und eine halbe Stunde fix verordnete Meerschweinchenzeit wird weder dem Tier noch dem Kind gerecht.» Unterricht mit einem Tier ist Mehraufwand und braucht Wissen und Ausbildung. Dann ist es möglich eine ideale Lern- und Lehrsituation zu schaffen, die für alle stimmig ist: Kind, Tier und Lehrperson.

publiziert 2. November 2017 , Magazin „Die Tierwelt“.

 

BAUERNHOF AUF DEM PAUSENPLATZ
Krax ist ein Angebot, das der Schweizer Tierschutz (STS) als Alternative zur Haltung eines Tieres im Schulzimmer anbietet. Dabei besucht eine Krax-Lehrperson kostenlos für zwei oder drei Lektionen eine Schulklasse zum Thema Tiere und Tierschutz. Von Heimtieren, über Meeressäuger und Wildtiere, bis hin zu Hund und Katze ist die Themenpalette breit. Die Lektionen sind der Altersgruppe angepasst.

Die Schüler sollen im Umgang mit Tieren sensibilisiert werden – nicht durch schockierende Bilder und moralisierende Berichte, sondern mit Spiel und Spass. Krax stösst bei Schulen und Lehrkräften auf Interesse. Vergangenes Jahr profitierten rund 500 Klassen vom Angebot. Neu ermöglicht Krax den direkten Kontakt mit Bauernhoftieren. Dafür wird der Pausenplatz für einen Tag umfunktioniert und von Hühnern, Schafen und Geissen bevölkert. Oft ist dieses Angebot Teil einer Sonderwoche und eine ganze Schule involviert. Die Macher von Krax betonen, dass die Tiere stets artgerecht gehalten werden und sich jederzeit in eine Ruhezone zurückziehen können. Die Kosten für die Schule betragen 250 Franken.
www.krax.ch

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