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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Gesund gebetet

Gesund gebetet

Im Kanton Appenzell Innerrhoden vertrauen die Einheimischen nicht nur ihrem Hausarzt, sondern auch auf sogenannte Gebetsheiler. Komplementär Medizin mal anders.

Das Enkelkind liegt nach einem schweren Fahrradunfall im Krankenhaus. Eine Notoperation soll den kleinen Jungen retten. Während die Ärzte ihr Bestes geben, ruft Grossvater Alfred den Gebetsheiler der Familie an. Der Rentner erklärt dem Heiler die Situation und bittet um seine Hilfe.

Was für die meisten Menschen nach Quacksalberei und Scharlatanerie tönt, ist in Appenzell Innerrhoden ein respektierter Brauch. «Fö Hitz ond Brand», das heisst bei akuten Beschwerden wie starkem Fieber, Schmerzen, Entzündungen, Hautauschlägen oder Brandverletzungen zählt man auf die Hilfe eines Gebetsheilers. Bekannt sind die Heiler auch dafür, dass sie Blutstillen können, beziehungsweise die Wunden dank ihren Gebeten nach einer Operation weniger bluten und schneller heilen.

«Früher als die Bauern weitab vom nächsten Arzt oder Krankenhaus holzten, war oft ein Heiler dabei. Wenn sich jemand ernsthaft verletzte, konnte er die Blutung stillen und somit Leben retten», erklärt Roland Inauen. Der Kurator des Museums Appenzell und aktueller Landammann der Innerrhoder Regierung ist ein Kenner der «Gebetsheilerszene» in der Schweiz. Inauen, als Einheimischer schon von Kindsbeinen an mit Heilern aufgewachsen, hat extensiv zum Thema geforscht, er kennt Praktizierende als auch Patienten.

Eine Kunst, über die niemand redet
Ein rein innerrhodisches Phänomen ist das Gebetsheilen laut Inauen aber nicht. In Vorarlberg, Niedersachsen aber auch in Berlin und Hamburg sei es bekannt. In der Schweiz fehlen neuste Zahlen. Aber noch in den 40er Jahren war das «Gebetsheilwesen» in grossen Teilen der Schweiz verbreitet.

Die Menschen vertrauen in erster Linie der Schulmedizin. Ein Heiler kommt unterstützend zum Einsatz, als komplementärmedizinische Komponente.

Die Zeiten, in denen Menschen nur auf eine Heiler zählten, sind allerdings auch im Appenzellischen vorbei. «Die Menschen vertrauen in erster Linie der Schulmedizin. Ein Heiler kommt unterstützend zum Einsatz, als komplementärmedizinische Komponente», erklärt Volkskundler Inauen. Doch im Unterschied zu Heilpraktikern oder Homöopathen sind Gebetsheiler nirgends registriert, gekennzeichnet oder auch nur erwähnt. Für Fremde – das heisst nicht Innerrhoder – bleiben sie unerreichbar. Gebetsheilen ist eine Geheimkunst, die alle Ansässigen kennen, über die jedoch niemand redet: omnipräsent und trotzdem unsichtbar. Wer einen Gebetsheiler sucht, bekommt dessen Koordinaten nur von einem gutgesinnten Einheimischen. Und der Kontakt ist oft nicht mehr als eine Telefonnummer.

Gebetsheiler brauchen ihre Patienten nicht physisch zu sehen, ausser es handelt sich um einen hartnäckigen Hautausschlag. Bei allen anderen Beschwerden reicht meistens ein Anruf; sei es vom Betroffenen selbst oder einer nahestehenden Person. Der Heiler benötigt genaue Informationen über das Krankheitsbild. Der Rest ist Geschichte, Geheimnis, Gebetskunst. Laut Inauen werden geheime Gebets- und Segenssprüche rezitiert; gelangen sie an die Öffentlichkeit, geht man davon, dass sie ihre Wirkung verlieren.

Aufträge aus Übersee
«Ein Gebetsheiler konzentriert sich auf die göttliche Kraft und aktiviert sie durch seine Gebete. Er sieht sich als eine Art Durchlauferhitzer für eine überirdische positive Energie», sagt Inauen. Mit Macht oder Magie habe das nichts zu tun. Magie beinhalte immer etwas Manipulatives. Der Heiler sehe sich dagegen nur als Bote. «Heilen tut nicht er, sondern die göttliche Kraft». Nach den ersten Gebeten wird der Gesundheitszustand des Patienten besprochen und bestimmt, ob es weitere Gebete braucht, der Betroffene «über dem Berg» ist oder die Gebete wirkungslos blieben. In einem solchen Fall, wird der Kranke «freigegeben». Gottes Willen ändern, kann auch ein Heiler nicht. Bei Depressionen und schweren unheilbaren Krankheiten sind auch die Gebete vordergründig wirkungslos. Angst nehmen und Ruhe vermitteln können sie vielleicht trotzdem.

Distanz spielt beim Gebetsheilen keine Rolle. Auch Innerrhoder in Übersee vertrauen immer noch auf die einheimischen Gebetskräfte. Was genau der Dienst eines Gebetsheilers kostet, ist nicht klar. Offiziell heisst es «um Gotteslohn» was bei den Einheimischen so viel bedeutet wie: «Heusche taa me nüz, abe nebes gee söt me» (sinngemäss : Verlangt wird nichts, aber man sollte schon was geben).

Im Jahre 1893 führte Appenzell Innerrhoden das Patentobligatorium für Ärzte ein. Die Gebetsheiler waren davon nicht betroffen. Die patentlosen «Quacksalber» hingegen mussten ihren Arbeitsmittelpunkt in den Nachbarkanton Appenzell Ausserrhoden verlegen. Dank dem liberalen Gesundheitsgesetz mauserte sich das reformierte Ausserrhoder im 19. und 20. Jahrhundert zum Eldorado für Heilpraktiker. Das katholische Innerrhoden wurde zum Zentrum für traditionelle Gebetsheiler.

«Die Reformierten haben weder Walfahrten noch Heilsegnungen. Wenigsten haben sie das Gesundbeten.»

Wie sehr ist das Gebetsheilen mit dem katholischen Glauben verbunden? Gebetsheiler findet man laut Inauen seit Jahrhunderten in ganz Europa und in verschiedenen Glaubensgemeinschaften. In Norddeutschland ist das Gebetsheilen bei Reformierten verbreitet. Bei den ansässigen Katholiken stösst dies auf Verständnis. «Die Reformierten haben weder Walfahrten noch Heilsegnungen. Wenigsten haben sie das Gesundbeten», pflegen sie zu sagen.

Beten kann kaum schaden
Jeder Heiler ist dazu gezwungen, sein Wissen weiterzugeben, ansonsten findet er – so glaubt man – nach dem Tod keine Ruhe. Einfach ist es nicht, einen Nachfolger zu finden. «Gegen Stigmatisierung oder gar Angst und Scham haben die heutigen Heiler kaum zu kämpfen. Doch vor der grossen Verantwortung fürchten sich viele junge Leute. Wer den Alltag eines Heilers nahe miterlebt hat, weiss, wie sehr diese Arbeit absorbiert und an den Kräften zehrt,» erklärt Inauen. Der Nachfolger stammt oft aus dem nahen Umfeld des Heilers. Ob Mann oder Frau ist egal. Demut und Barmherzigkeit sind wichtig. Der «Neuling» wird Schritt für Schritt eingeweiht. Jedes Gebet wird von Hand abgeschrieben und schlussendlich das alte Gebetsheft verbrannt. Die Segenssprüche haben sich so über die Jahrhunderte erhalten. Sie wurden ergänzt oder auch durch Fehler beim Abschreiben unbewusst verändert.

Und manchmal – so erzählt man sich – seien die Ärzte im nahen Kantonsspital St.Gallen verwundert, warum die Wunden ihrer Innerrhodischen Patienten schneller heilen.

Im Innerrhodischen leben an die 40 Gebetsheiler. Bei einer Bevölkerung von rund 16’000 Menschen eine erstaunliche Dichte. Es gibt lokale Ärzte, die im Falle einer hartnäckigen Dornwarze oder eines Hautausschlages ihre Patienten zu einem Heiler schicken. Beten kann kaum schaden. Eine einheimische Hebamme vertraut bei schweren Geburten auf die blutstillenden Fähigkeiten eines Gebetsheilers. Und manchmal – so erzählt man sich – seien die Ärzte im nahen Kantonsspital St.Gallen verwundert, warum die Wunden ihrer Innerrhodischen Patienten schneller heilen.

Alfreds Enkel hat die schwere Operation gut überstanden. Gott sei Dank.

 

publiziert 2016, Tierwelt

Comments

  • Judith
    REPLY

    What a pleasure to find someone who idiintfees the issues so clearly

    März 14, 2017

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