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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Die Heimat in Person

Die Heimat in Person

„Sie haben drei Monate Zeit, um sich zu entscheiden. Entweder sie betreuen gesunde Kinder oder Behinderte. Beides geht nicht. Dieses Ultimatum wurde mir Anfang der siebziger Jahre in meinem Heimatkanton Graubünden gestellt. Damals führte ich als gelernte Kindergärtnerin in meinem Elternhaus im Prättigau ein Kinderheim, in dem Kinder mit und ohne Behinderung willkommen waren. Integration von Behinderten, das war damals eine revolutionäre Idee und mein Heim eine grosse Ausnahme. Da es im Kanton Appenzell Ausserrhoden kein Problem darstellte ein «integratives» Heim zu führen, zog ich mit den Heimkindern aus dem Bündnerland weg und mietete zuerst in Walzenhausen und später in Grub ein Haus. Letzteres – das ehemalige Restaurant Blueme – konnte ich schlussendlich kaufen und machte es zum «Kinderheim Blueme». Das ist nun genau 40 Jahre her.

«Schadet das meinem gesunden Kind zusammen mit Behinderten zu sein?» fragte mich eine Mutter.

Im Appenzellerland habe ich mich schnell zu Hause gefühlt. Bei einem der ersten Elterngespräche in der Schule habe ich meine Meinung klar kundgetan. Ich bin ja Bündnerin und habe einen Kopf aus Granit. Danach war allen klar, dass ich mich wehren kann und ich wurde akzeptiert. Im Gesamten habe ich beinahe tausend Kinder betreut – von Ferienkindern, über Kinder die pro Woche ein paar Tage in der Blueme sind bis hin zu denen, die ihre Kindheit hier verbringen. Auch heute leben und lernen hier gesunde Kinder und solche mit einem Handicap zusammen – seien es Autisten, Kinder mit einer geistigen Behinderung oder einer Verhaltensstörung. «Schadet das meinem gesunden Kind zusammen mit Behinderten zu sein?» fragte mich eine Mutter. Ich riet ihr, das Kind 14 Tage lang zu beobachten und dann eine Entscheidung zu fällen. Sie kam nach zwei Wochen begeistert zurück. Ihre Bedenken waren verflogen. Die Kinder werden durch das Zusammenleben sensibler. Es gibt Ehemalige, die sich als Erwachsene bewusst für eine Arbeit mit behinderten Kindern entschieden haben.

Das einzige was wir den Kindern nicht bieten können, ist ein Vater.

Etwas vom Wichtigsten, das ich diesen kleinen Menschen mit auf den Lebensweg geben kann, ist Konstanz. Und damit meine ich nicht Konstanz im Alltagsablauf, sondern Konstanz in der Beziehung: Bezugspersonen, die bleiben, auf die man zählen kann und zwar nicht nur ein paar Wochen lang, sondern Jahre. Diese Konstanz spiegelt sich auch bei meinen Mitarbeiterinnen. Die Köchin ist seit 23 Jahren in der Blueme und auch die anderen Betreuerinnen unterstützen mich seit Jahren. Einen Familienersatz, Nähe, Geborgenheit, ein Stück Heimat – das einzige was wir den Kindern nicht bieten können, ist ein Vater.

Das Heim und die Kinder sind mein Leben und meine Familie. Selbst habe ich nie geheiratet und keine leiblichen Kinder. Mich hätte es nur mit den Kindern gegeben – einer Handvoll behinderten und einer Handvoll gesunden – und das hat kein Mann auf sich genommen. Das Gefühl etwas verpasst zu haben, hatte ich bis heute nicht. Die Kinder waren und sind für mich meine erste Priorität.

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Ende Dezember übergebe ich das Heim an eine langjährige Mitarbeiterin. Ich werde aus der Blueme ausziehen und im Nachbarhaus wohnen. Das Heim und die Kinder werden Teil von meinem Leben bleiben – sei es um ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen oder die neue Heimleitung während den Ferien zu vertreten. Ich bin nun 74 Jahre alt und wenn ich im nächsten Leben nochmals die Chance bekäme ein Kinderheim zu führen, würde ich es liebend gerne tun. Von ganzem Herzen.“

Luzia Majoleth, 74 Jahre, Grub AR

publiziert 30. August 2012, Appenzeller Zeitung

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