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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Von «Tiger Mom» lernen?

Von «Tiger Mom» lernen?

Drill, Druck und Disziplin – so funktioniert das Erziehungssystem in Asien. PISA-Resultate bestätigen den Erfolg dieser Methode. Kann die Schweiz von asiatischen Schulen und Eltern lernen?

«Viele fragen sich, wie es kommt, dass chinesische Eltern derart erfolgreiche Kinder aufziehen. Wie sie es anstellen, so viele Mathe-Genies und Musikwunder hervorzubringen», fragt Amy Chua, auf der ersten Seite ihres Buches «Die Mutter des Erfolgs» und liefert umgehend die Antworten:

Nie bei Freundinnen übernachten
Keine Kinderpartys besuchen
Nicht im Schultheater mitspielen
Sich nicht beklagen, dass sie nicht im Schultheater mitspielen dürfen
Kein Fernsehen
Keine Computerspiele
Keine freie Wahl der Freizeitaktivitäten
Nur Bestnoten (ausser Turnen und Theater)
Klassenbeste sein
Klavier oder Geige spielen

Chuas rigorose Erziehungsmethoden frei nach dem Motto «Wer seine Kinder liebt, fordert sie bis zum Äussersten» brachten ihr den Übernamen «Tiger Mom» oder «Monster Mom» ein, machten sie weltweit bekannt und katapultierten ihr Buch auf unzählige Bestsellerlisten – auch im deutschsprachigen Raum.

Üben, Üben, Üben ist das Fundament
Chuas Strategie ist einfach und einleuchtend: Spass macht gar nichts, solange man nicht gut darin ist – und gut wird man in einem Gebiet nur, wenn man sich anstrengt. Und weil Kinder grundsätzlich keine Lust haben, sich anzustrengen, müssen sich laut Chua die Eltern über diese natürliche Trägheit hinwegsetzen. «Von den Eltern erfordert dies Stärke und Stand- haftigkeit, denn das Kind leistet selbstverständlich Widerstand. Am schwersten ist es immer am Anfang; westliche Eltern geben deshalb oft auf. Aber konsequent durchgeführt, erzeugt diese chinesische Strategie einen Circulus virtuosus, eine Aufwärtsspirale zum Erfolg. Beharrliches Üben, Üben, Üben ist das Fundament.» Doch hat dieser Circulus virtuosus, der nach dem chinesischen Modell als Basis des Erfolgs dient, in unserer westlichen Erziehungskultur überhaupt Platz?

Chinesische Eltern sind den westlichen in zwei Punkten überlegen: Sie haben ehrgeizigere Pläne für ihre Kinder und behandeln sie mit grösserem Respekt, weil sie ein Gespür dafür haben, was ihre Kinder aushalten.

Der deutsche Pädagoge Bernhard Bueb hegt grosse Sympathie für Amy Chua und ihre Erziehungsmethoden. Chua sei authentisch und direkt: klare Ziele aufstellen, Regeln durchsetzen, Scheitern bestrafen, Leistung belohnen. In seinem Buch «Lob der Disziplin» schreibt der ehemalige Leiter des Internats Salem: «Chuas Erziehungsstil mag für unseren Geschmack recht extrem sein, aber sie bringt die Schwächen der Selbstbewusstseinsbewegung auf den Punkt, wenn sie schreibt: «Als ich sah, wie amerikanische Eltern ihre Kinder mit Lob überhäufen, weil sie einen Kringel malen oder mit einem Stock in der Luft herumfuchteln, stellte ich fest, dass chinesische Eltern den westlichen in zwei Punkten überlegen sind: Sie haben ehrgeizigere Pläne für ihre Kinder und behandeln sie mit grösserem Respekt, weil sie ein Gespür dafür haben, was ihre Kinder aushalten.» Psychologin Ruth Chao ist eine der führenden Forscherinnen in Bezug auf asiatisch-amerikanische Erziehungspraktiken. Sie hat die Erziehungsstrukturen asiatisch- stämmiger Familien seit Jahren analysiert und betont, es gehe nicht um Über- oder Unterlegenheit. Erziehung spiegle kulturelle Muster und Werte. Chinesen umschreiben ihre Rolle als Eltern mit dem Wort «guan», was «führen», «kontrollieren», aber auch «sich kümmern» oder «lieben» bedeuten kann. Strikte Führung wird mit Liebe gleichgesetzt. Mit den forschen Erziehungsmethoden von Amy Chua – zu denen neben Drill und Disziplin auch Nahrungs- und Schlafentzug gehören – habe dies nichts zu tun. «Der Fokus auf brutale und herrische chinesische Eltern fördert ein falsches negatives Bild der chinesischen Mutter», unterstreicht die Wissenschaftlerin. «Westliche Eltern zeigen ihre Zuneigung und Unterstützung durch Nähe und Lob; chinesische Eltern durch Führung und Hingabe.» Kulturellen Unterschieden zum Trotz könne auch das Schweizer System von Amy Chua und der «chinesischen Pädagogik» lernen, erklärt Bernhard Bueb in einem Interview mit dem «Tages- Anzeiger»: «Die Chinesen rufen uns in Erinnerung, dass ein gewisses Mass an Auswendiglernen und Pauken weiterhin notwendig ist. Es ist etwa ein Unsinn, dass Kinder heute keine Gedichte mehr auswendig lernen müssen. Durch das Auswendiglernen trainieren sie ihr Gedächtnis und lernen eine gewisse Sturheit – die Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben. Es ist wie beim Klavierspielen, wer etwas erlernen will, muss üben, üben, üben.»

Trotz aller Bewunderung für die chinesische Pädagogik hält Bueb eine vollständige Übernahme nicht für erstrebenswert. «Die chinesischen Schulen sind in einem zu hohen Masse auf Nachahmung hin konzipiert, die Schüler kupfern bloss ab. Die Kreativität kommt so zu kurz.» Drill und Disziplin statt Raum für Selbstverwirklichung und Kreativität – in Asien überzeugt genau dieses Erziehungsmodell und lässt den Rest der Welt staunen. Denn in den aktuellen PISA-Studien (Resultate 2012) werden die ersten Ränge ob in Mathematik, Naturwissenschaften oder Leseverständnis, von Asiaten belegt: Schanghai, Hongkong oder Singapur machen die ersten Plätze unter sich aus.

Der Preis für das «erfolgreiche Kind» ist finanziell und menschlich hoch. Freizeit gibt es kaum – weder für das geförderte Kind noch die finanziell geforderten Eltern.

Wer ein Paradebeispiel an «chinesischer Pädagogik», gekoppelt mit omnipräsenten Tiger Moms beobachten möchte, schaut nach Singapur. 75 Prozent der rund 5,5 Millionen Bewohner sind Chinesen. Schulischer Drill und Leistungsdruck gehören von Geburt an zum Leben jedes Kindes. Eine Existenzberechtigung hat nur, wer Leistung erbringt. Für Anwandlungen von Müdigkeit oder Schwäche fehlt der Platz. Neben dem regulären Unterricht werden die Kinder zu stundenlangem Büffeln unter der Aufsicht von Privatlehrern verdonnert. Der Preis für das «erfolgreiche Kind» ist finanziell und menschlich hoch. Freizeit gibt es kaum – weder für das geförderte Kind noch die finanziell geforderten Eltern. Viele Paare entscheiden sich gegen eine eigene Familie. Die Geburtenrate liegt auf einem Dauertief von 1,29 Geburten pro Frau.

«Drill ist kein Zukunftsmodell»
Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle LCH, beobachtet die «chinesische Pädagogik» kritisch und kommentiert: «Die chinesische Pädagogik gibt es genauso wenig wie die schweizerische. Bei uns wird heute mehr Gewicht auf das einzelne Individuum und auf Kooperation gelegt als in Asien. Erfolgreiche personalisierte Lernkonzepte sind nicht einfach fröhliche Anarchie. Die Führung und Struktur ist besser versteckt als in offen autoritären Systemen.» Dass Bücher wie «die Mutter des Erfolgs» grossen Anklang finden und Pädagogen wie Bueb für mehr Disziplin und Drill plädieren, erstaunt Brühlmann nicht. Das chinesische Schulmodell in die Schweiz zu importieren – davon hält er jedoch wenig. Man könne immer von anderen Schulsystemen und Erziehungsformen lernen, doch der Kontext spiele dabei eine grosse Rolle. Copy/Paste funktioniere nicht, weder bei einzelnen Menschen noch bei Systemen. «Tiger Moms und Dads gab und gibt es immer. Chinesischer Drill ist darum keine Zukunftsmusik. Manchmal hat er Hochkonjunktur, wie gerade jetzt, manchmal ist er verpönt. Dass Kinder auch als autonome Individuen mit ihren eigenen Vorstellungen, Träumen und Rechten gesehen werden können, geht dabei gerne vergessen.»

Die «Tiger Mom» würde Brühlmanns Kommentare wohl mit einem Schulterzucken abtun. Denn laut Amy Chua haben in der Erziehung weder eigene Vorstellungen noch Träume Platz. «In der chinesischen Erziehung kommt der Zustand des Glücklichseins nicht vor», heisst es in ihrem Buch. Dass Drill und Druck Grenzen haben, hat Mutter Chua jedoch am eigenen Leib erfahren. Aus der ältere Tochter Sophia wurde wie geplant die erfolgreiche Pianistin und Vorzeigestudentin. Die jüngere Tochter Lulu – erzogen, um Stargeigerin zu werden – hat sich ihrer Mutter und deren Erziehungsidealen erfolgreich verweigert. Sie spielt heute Tennis. Eher erfolglos, aber glücklich.

publiziert dezember 2015, „bildung schweiz“

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