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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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«Das Paradies ist jetzt.»

«Das Paradies ist jetzt.»

«Wenn ein Innerrhoder- und sei es „nur“ ein Oberegger – eine Ausserrhoderin heiratet, ist das Resultat gerne eine Blutvergiftung. Ich kam als Jean-Marcel Rohner am 22. Januar 1934 in Frankreich im Spital in Chaumont zur Welt. Meine Kindheit endete als ich zehn Jahre alt war. Im August 1944, meine jüngste Schwester war gerade drei Monate alt, wurde meine Mutter vor meinen Augen erschossen und mein Vater Baptist von zwei Kugeln getroffen. Wo um Himmelswillen steckte Gott? Denn Gott ist eigentlich ein sinnvolles Wort; aus dem weichen G wie Gott, dem O wie der Lebenskreis, der weder Anfang noch Ende hat und dem harten T wie Teufel. Leben ist eine Christenpflicht. Es gibt keine Zufälle, sondern wir werden geführt. Gott ist mit mir zur Welt gekommen und wird wohl mit mir sterben.

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An meine Mutter habe ich nur noch wenig Erinnerungen, kann mich aber an alle Lieder erinnern, die sie gesungen hat. Die Lieder, die Zahlen, «droite et gauche » funktionieren bei mir immer noch auf Französisch. Nach dem Tod meiner Mutter flüchteten wir in die Schweiz. Wir Kinder wurden in verschiedene Familien verteilt. Ich kam nach Rapperswil zu einer Eisenbahnerfamilie mit vier Kindern. Später wurde ich Textilkaufmann, Krankenpfleger und wollte dann Medizin studieren. Der Berufsberater meinte der passende Beruf für mich wäre Chiropraktiker. Ich hatte das Wort vorher noch nie gehört, hatte von diesem Beruf keine Ahnung, doch begeisterte mich für diese Idee. In der kanadischen Stadt Toronto ließ ich mich vier Jahre lang zum Chiropraktiker ausbilden und kam dann mit Frau und Kind zurück in die Schweiz ins Appenzellerland. Als Chiropraktiker und Naturheilpraktiker lebe ich hier nun schon seit Jahrzehnten.

Ich mag Leute, die sonst niemand mag. Dem Steueramt schicke ich ein paar alte durchlöcherte, aber frischgewaschene Unterhosen.

Meine Jugend begann mit dem Krieg und hat mich anders gemacht – nicht besser und nicht schlechter, aber anders. Ich falle im Guten wie im Schlechten auf – und ziehe damit Leute an. Ich schwimme seit jeher gegen den Strom; mache jeden Tag wohl Dinge, die sonst niemand macht. Früher war ich immer barfuß unterwegs – auch im Winter. Mit meiner Art und meinem Handeln ecke ich an und polarisiere. Ich mag Leute, die sonst niemand mag. Dem Steueramt schicke ich ein paar alte durchlöcherte, aber frischgewaschene Unterhosen. Wenn man kein Geld hat, stirbt man leichter. Ich habe kein Auto, keinen Computer, kein Handy, keinen Fernseher. Das sind alles kleine Mini-Diktatoren, die das Denken in Gefahr bringen. Anders sein, heißt auch einsam sein – aber genau das brauche ich, um denken zu können. Ich suche das „Anders-Sein“ nicht. Ich bin es und genieße. Für mich ist es ein Lebensgenuss.

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Der Titel Lebensmeister ist falsch. Man kann ein Leben nicht meistern. Das ist ein Wunschdenken. Niemand kann ahnen, was in den nächsten 15 Sekunden mit uns und der Welt passiert. Meistern kann ich höchstens «mein Jetzt». Denn Leben heißt reagieren. Es ist die Suche nach dem Gleichgewicht, der Harmonie, das Spiel von Gegensätzen. Der wichtigste Mensch dabei, ist derjenige, der einem im Jetzt am nächsten steht.

Auch die Ewigkeit besteht aus lauter kurzen winzigen Momenten.

Ich lebe im Moment, in der Gegenwart. Denn die Zeit ist zu kurz, um zu hinterfragen, um zu zweifeln oder davonzurennen. Auch die Ewigkeit besteht aus lauter kurzen winzigen Momenten. Ich bin überzeugt: Nicht nach dem Leben kommt das Paradies – das Paradies ist jetzt.»

Jean-Marcel Rohner, 78 Jahre, Teufen

Publiziert 27. Dezember 2012, Appenzeller Zeitung

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