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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Homeschooling: So viele Konzepte wie Familien

Homeschooling: So viele Konzepte wie Familien

An die 500 Kinder werden in der Schweiz zu Hause unterrichtet. Ist Homeschooling eine ernstzunehmende Option zur öffentlichen Schule oder nur ein individueller Bildungsansatz einiger Aussenseiter?

«Seine eigenen Kinder selbst zu Hause zu unterrichten, löst in der Gesellschaft immer noch emotionale Reaktionen aus. Einige finden es toll, eine grosse Gruppe schluckt leer und schweigt und ein beachtlicher Rest grüsst nicht mehr auf der Strasse. Das Misstrauen, dass die Schule zu Hause dazu dient, die Kinder zu isolieren oder ihnen gar extreme Werte zu indoktrinieren, scheint verbreitet zu sein. Dabei gibt es kein einheitliches Homeschooling-System. Eine Generealisierung ist unmöglich. Es gibt wohl so viele verschiedene Konzepte, wie Familien,» anaylsiert Regula Bott. Die dreifache Mutter unterrichtet ihre Kinder selbst zu Hause in Herisau /AR .

«Es war kein Entscheid gegen die öffentliche Schule oder deren Lehrpersonen – im Gegenteil. Es war ein Versuch unserer Familienkonstellation gerecht zu werden.

«Es war kein Entscheid gegen die öffentliche Schule oder deren Lehrpersonen – im Gegenteil. Es war ein Versuch unserer Familienkonstellation gerecht zu werden. Als der jüngste Sohn in den Kindergarten kam, nutzten wir die Möglichkeit die mittlere Tochter, die sich in der öffentlichen Schule nicht wohl fühlte, zu Hause zu unterrichten. Es war ein Ausprobieren, ein Projekt. Es gelang und wir entschlossen uns, auch die anderen beiden Kinder zu Hause zu schulen». Ob Lehrplan, Schulbücher, Lehrerkommentare, Arbeitsblätter oder die fünf Tage Woche: Der Unterricht im Hause Bott unterscheidet sich inhaltlich kaum von der öffentlichen Schule. Die Form ist jedoch anders; altersdurchmischt und individualisiert. Jedes Kind lernt selbstständig für sich; wo und wie es sich wohl fühlt. Regula Bott sieht sich dabei als Coach, der erklärt und bei Bedarf hilft.

Über eine Lehrerausbildung verfügt die 47-Jährige nicht. Damit wäre ihr in gewissen Kantonen, die für Homeschooling ein Lehrerpatent fordern, das Unterrichten untersagt. In Zug, Uri oder Obwalden wird Homeschooling auch mit einem Lehrerpatent kaum zugelassen. «Häuslicher Unterricht wird nur in Ausnahmesituationen befristet bewilligt – zum Beispiel wenn ein Kind krank ist. Durchschnittlich gibt es alle drei bis vier Jahre einen Fall», erklärt Peter Lütolf, Leiter des Amtes für Volks- und Mittelschulen Obwalden. «Aus unserer Sicht benötigt „Lehrersein“ eine Fachausbildung. Deshalb ist es für uns kein Zeichen einer liberalen Haltung, wenn man nach dem Motto des geringsten Widerstandes Privatunterricht, wo möglich sogar unbefristet, unbesehen bewilligt.»

Wer trotz strikten kantonalen Regulierungen seine Kinder selbst unterrichten möchte, zieht kurzerhand in einen liberalen Homeschooling-Kanton.

Wer trotz strikten kantonalen Regulierungen seine Kinder selbst unterrichten möchte, zieht kurzerhand in einen liberalen Homeschooling-Kanton wie Appenzell Ausserrhoden, Bern oder Aargau. Laut Walter Klauser, Leiter des Amtes für Volksschule und Sport des Kantons Appenzell Ausserrhoden hat in den letzten Jahren basierend auf der strikten Gesetzgebung in anderen Kantonen die Zahl der Homeschooling-Familien im Ausserrhodischen kontinuierlich zugenommen. Im kleinen Halbkanton scheint es niemanden zu interessieren, ob Laien oder Fachpersonen unterrichten.

«Liberal bedeutet aber nicht, dass es keine Vorgaben gibt»
«Die politische Kultur in Appenzell Ausserrhoden ist geprägt durch eine liberale Grundhaltung. Das erste Kindergartenjahr und auch das 9. Schuljahr sind fakultativ. Hinter diesen Regelungen steht die Erwartung, dass Eltern wissen, was gut für ihre Kinder ist. Und diese Grundhaltung gilt auch für den häuslichen Unterricht. Liberal bedeutet aber nicht, dass es keine Vorgaben gibt», unterstreicht Klauser. Arbeitstreffen und Leistungsmessungen anhand von Klassencockpit-Tests oder Stellwerk-Prüfungen sind obligatorisch. Zusätzlich besucht eine Mitarbeiterin des Amtes für Volksschule und Sport den häuslichen Unterricht und führt ein individuelles Elterngesprächen. «Die Erfahrungen zeigen, dass auch Personen ohne eine Lehrerausbildung die eigenen Kinder zu Hause unterrichten können und den Bildungsauftrag umsetzen. Daraus kann aber keineswegs gefolgert werden, dass diese Personen dies auch an einer Volksschule tun könnten. Die Ausgangslage in einer Volksschule ist anders: Hier wird eine grosse Zahl von Kindern mit teilweise sehr unterschiedlichen Lernbedürfnissen unterrichtet», betont Klauser.

In den Kantonen mit einer liberalen Homeschooling-Gesetzgebung hat die Anzahl der Familienschulen in den vergangenen Jahren zugenommen. Von einem Boom oder gar einer Konkurrenz für die öffentliche Schule kann jedoch nicht die Rede sein.Im Aargau stehen 65 Homeschooler rund 72 762 Kinder und Jugendliche der Volksschule gegenüber. Im Kanton Bern sind es 160 zu Hause unterrichtete Kinder, gegenüber 99’000 Volkssschülerinnen und Schüler.

In den Kantonen mit einer liberalen Homeschooling-Gesetzgebung hat die Anzahl der Familienschulen in den vergangenen Jahren zugenommen. Von einem Boom oder gar einer Konkurrenz für die öffentliche Schule kann jedoch nicht die Rede sein. Die Zahl der zu Hause unterrichteten Kinder ist immer noch verschwinden klein. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden werden gerade mal 0.7 % der schulpflichtigen Kinder zu Hause unterrichtet und auch im Kanton Aargau und Bern ist die Zahl der Homeschooler im Verhältnis zur den Kindern, welche die öffentliche Schule besuchen klein. Im Aargau stehen 65 Homeschooler rund 72 762 Kinder und Jugendliche der Volksschule gegenüber. Im Kanton Bern sind es 160 zu Hause unterrichtete Kinder, gegenüber 99’000 Volkssschülerinnen und Schüler.

«Als Normalfall sehen wir vor allem die Nachteile»
Die Mehrheit der Schweizer Lehrerschaft steht Homeschooling kritisch gegenüber – so auch der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). «Homeschooling kann in Ausnahmefällen und für eine limitierte Zeit eine bessere Möglichkeit als die Volksschule sein. Zum Beispiel, wenn ein Kind sehr spezielle Rahmenbedingungen braucht. Als „Normalfall“ aber sehen wir vor allem die Nachteile: Es fehlen Möglichkeiten für das Zusammensein, das gemeinsame Lernen und den Austausch mit Kindern ausserhalb der Familie. Wo es aus religiösen oder kulturellen Gründen darum geht, Kinder vor „bösen“ Ausseneinflüssen zu schützen, geht die Liebe der Eltern meines Erachtens aber zu weit,» erklärt Jürg Brühlmann, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbandes der Schweizer Lehrerinen und Lehrer. Der Haltung der liberalen Kantone, welche häuslichen Unterricht auch ohne Lehrerpatent zulassen, steht Brühlmann negativ gegenüber. «Aus unserer Sicht ist das eine falsch verstandene Liberalität. Eltern sollten mit ihren Kindern nicht alles einfach machen dürfen. Allerdings ist auch klar, dass wir hier in einem Graubereich argumentieren. Wer die persönliche Freiheit über alles stellt, wird Homeschooling befürworten. Gemeint ist allerdings meist nur die Bestimmungsgewalt der Eltern. Vergessen wird dabei meist, dass auch die Kinder eine Meinung haben könnten. »

Unschooling ist eine Form von häuslichem Unterricht, in der nicht wie gewohnt der Stofflehrplan im Vordergrund steht, sondern die Interessen des Kindes. Starre Strukturen, fixe Stundenpläne und festgelegte Unterrichtsthemen fehlen. Das Kind gibt Impulse, die Lehrenden reagieren darauf.

Leo Muheim ist ein Homeschooler oder genauer ausgedrückt ein «Unschooler». Unschooling ist eine Form von häuslichem Unterricht, in der nicht wie gewohnt der Stofflehrplan im Vordergrund steht, sondern die Interessen des Kindes. Die Aufgabe des Elternteils, welcher das Kind unterrichtet, besteht darin, ein motivierendes und lernförderndes Umfeld zu schaffen. Starre Strukturen, fixe Stundenpläne und festgelegte Unterrichtsthemen fehlen. Das Kind gibt Impulse, die Lehrenden reagieren darauf. «Für mich ist es ein befreiendes Gefühl, meinem Rhythmus entsprechend zu lernen – wann, wo und wie ich will, mit Themen, die mich interessieren,» umschreibt der 14 jährige Leo Muheim seine Situation. Der Teenager wird seit der zweiten Klasse zu Hause von seiner Mutter unterrichtet. Fehlen tue ihm als Homeschooler nichts. Isoliert fühle er sich in keiner Weise. «Ich skype und chatte mit meinen Freunden, treffe Kollegen aus der Nachbarschaft, spiele in einem Orchester, besuche verschiedenste Kurse und Veranstaltungen: von Webdesign über japanische Teezeremonien bis hin zur Teilnahme an Theaterproduktionen.»

Ein reines Wunschkonzert losgelöst von jeglichen Vorgaben ist jedoch auch der Unschooling-Alltag nicht. «Wir haben eine unbefristete Bewilligung zum Privatunterricht im Kanton Bern und werden vom Schulinspektorat besucht, um zu prüfen ob unsere Inhalte mit dem kantonalen Lehrplan vereinbar sind», erklärt Mutter und Unschool-Coach Pia Muheim. Auszusetzen hat das Berner Inspektorat nichts am unkonventionellen Unschooling der Muheims. Im Gegenteil: Leos Leistungen und Motivation sind vorbildlich.

publiziert Juli 2013, Bildung Schweiz nr. 7/8 2013

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