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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Praktika: Nützlicher Einstieg oder kalkulierte Ausbeutung?

Praktika: Nützlicher Einstieg oder kalkulierte Ausbeutung?

Zu tiefe Löhne, zu lange Praktika und danach keine Anschlusslösung. Viele Kinderkrippen in der Schweiz nutzen SchulabgängerInnen aus. Gefordert sind die Kantone

FABE ist seit 2006 nicht nur die Abkürzung für den Beruf der Fachperson Betreuung, sondern für viele Jugendliche der Inbegriff ihres Traumberufes. Allein 2021 begannen in der Schweiz über 4000 SchulabgängerInnen mit einer FABE-Ausbildung. Entsprechend begehrt sind die freien Lehrstellen, vor allem in der Fachrichtung Kinder. Geht es ums Geld, sind die Rahmenbedingungen jedoch wenig traumhaft.

Für Kinderkrippen ist es heute finanziell nicht tragbar ausschliesslich gelernte Fachpersonen anzustellen. Vor allem der Einsatz von Praktikantinnen lohnt sich für Kitas. Tiefe Lohnkosten schaffen für die Eltern bezahlbare Krippenplätze. Steigen tut damit das Risiko, dass nicht qualifizierten Betreuungspersonen – meist Jugendliche – mit der Betreuungs-Verantwortung konfrontiert sind.

Die Mehrheit absolviert ein 12-monatiges Praktikum,
aber auch zweijährige oder gar dreijährige Praktika sind gang und gäbe.

«In meiner Berufsschulklasse gab es Mädchen, die vor ihrer Lehre mehrere Jahre ein Praktikum in einer Kinderkrippe absolvierten, bis sie die versprochene Lehrstelle erhielten. Andere arbeiten für 400 Franken pro Monat, wurden vom Arbeitgeber in keiner Weise betreut, hatten schon als Praktikantin die volle Verantwortung für eine Kindergruppe oder erledigten nur Putzarbeiten,» sagt Lara Zumbrunn. Die heute 20-Jährige hat im Kanton Bern zuerst ein 12-monatiges Praktikum und später eine Lehre als FABE in einer Kinderkrippe absolviert.

Lara Zumbrunns Eindruck wird in der aktuellen Umfrage von SAVOIRSOCIAL, der schweizerischen Dachorganisation Arbeitswelt Soziales, bestätigt. Das 2020 durchgeführte Monitoring zeigt, dass nur knapp eine von vier Lernenden direkt nach der obligatorischen Schulzeit mit einer Lehre in einer Kinderkrippe beginnt. Die Mehrheit absolviert ein 12-monatiges Praktikum, aber auch zweijährige oder gar dreijährige Praktika sind «gang und gäbe».

Denn obwohl ein Praktikum vor Lehrbeginn offiziell nicht zur Ausbildung gehört, stellt es für viele Krippen eine implizite Voraussetzung für einen Lehrvertrag dar. Die Praktikumsbedingungen – Lohn, Dauer und Inhalt – unterstehen weder den Berufsbildungs-verordnungen noch den Gesamtarbeitsverträgen und sind in den meisten Kantonen nicht geregelt. Dem «eigenen Wunsch» entsprechen die Einsätze nur in jedem fünften Fall. Bei über 70 Prozent basierte die Entscheidung für ein Praktikum vor allem auf der Forderung des Betriebes. 

Zwei Praktikantinnen, eine Lehrstelle
«Ich war in vielen Aspekten eine Ausnahme: fairer Lohn, fachliche Betreuung, angenehme Arbeitsbedingungen und totale Transparenz betreffend der Lehrstellenvergabe,» umschreibt Lara Zumbrunn ihre Praktikumserfahrung. Bereut hat sie ihr Einstiegspraktikum bis heute noch nie. Anfangs war Sie jedoch sehr verunsichert. «Für zwei Praktikantinnen gab es nur eine Lehrstelle. Zusammen zu arbeiten, sich zu unterstützen und dabei zu wissen, dass eine von uns keine Lehrstelle erhält, war für mich belastend,» erinnert sie sich. Nach wenigen Wochen suchte die Krippenleitung das Gespräch mit den beiden Anwärterinnen und entscheid sich für Lara als zukünftige Auszubildende. Die nicht berücksichtige Praktikantin verliess später den Betrieb.

Bei über 70 Prozent basierte die Entscheidung für ein Praktikum vor allem auf der Forderung des Betriebes. 

«Jugendliche werden mit Aussicht auf eine Lehrstelle für ein Praktikum motiviert, ohne am Ende einen Lehrvertrag zu erhalten. Aus dem Sozialbereich ist beispielsweise bekannt, dass rund ein Viertel der Lernenden FABE Praktika von mehr als einem Jahr absolvieren. Mehr als ein Drittel aller PraktikantInnen beginnen am Ende trotzdem keine Ausbildung in diesem Bereich,» hält die Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EBA) in ihrer 2022 veröffentlichten Dokumentation «Trend im Fokus: Praktika vor Lehrbeginn» fest.

Latent ist auch die Gefahr, dass PraktikantInnen als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Das Solothurner Amt für Wirtschaft und Arbeit deckte 2019 auf, dass von 53 kontrollierten Kitas, 23 Betriebe den Praktikantinnen weniger als 4.40 Franken pro Stundezahlten. Fünf Praktikantinnen verdienten im Stundenlohn keine 3 Franken. Bei elf Jugendlichen lag der Stundenansatz zwischen 3 und 4 Franken. Der Minimallohn für Praktika laut einer Empfehlung von kibesuisse liegt bei 4.40 Franken pro Stunde.

2015 forderte der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) das Unterbinden von Langzeitpraktika in der Kinderbetreuung. 2016 organsierte  SAVOIRSOCIAL zum ersten Mal einen Runden Tisch. 2017 und 2021 wiederholte sich das Treffen mit Vertretungen von Bund, Wirtschaft, Kantonen und Branchenverbände. Erste Kantone haben auf die Forderungen nach Transparenz und dem Einstellen der unabhängigen Praktika für Jugendliche unter 18 Jahren reagiert.

«Um eine Lehre als FABE zu beginnen, ist ein Praktikum nicht nötig. Vielen noch sehr junge Schulabgängerinnen tut es jedoch gut.»

Als Vorreiter zeigt sich der Kanton Bern. Hier gilt seit 2017 eine zeitliche Beschränkung von Vorpraktika auf 6 Monate. Betriebe dürfen grundsätzlich nicht mehr Praktikumsplätze für Sek I- AbsolventInnen anbieten, als ein Jahr später 1. Lehrjahresstellen zur Verfügung stehen. Wenn ein Lehrvertrag vorliegt, darf das Praktikum bis Lehrbeginn verlängert werden. Liegt kein Lehrvertrag vor, muss die PraktikantInnen als ungelernte Mitarbeitende angestellt werden mit einem entsprechenden Lohn von rund 3000 Franken.

«Um eine Lehre als FABE zu beginnen, ist ein Praktikum nicht nötig. Vielen noch sehr junge Schulabgängerinnen tut es jedoch gut. Es ist eine Chance im Berufsalltag zu schnuppern ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Gleichzeitig können zum Beispiel schwache SchülerInnen in der Praxis zeigen, was in ihnen steckt,» sagt Lisa Plüss, Geschäftsleiterin einer Non-Profit-Organisation, welche im Kanton Bern sieben Kitas betreibt. Um 245 Krippenplätze anbieten zu können, sind 140 Mitarbeitende im Einsatz. Davon sind 29 Lernende, dazu kommen 6 Praktikantinnen und 15 Zivildienstleistende.

«Natürlich hätten wir gerne mehr Fachpersonal. Doch das würde bedeuten, dass die Betreuung der Kinder für die Eltern um einiges teurer wird,» sagt Lisa Plüss. Dass PraktikantInnen als «billige» Arbeitskräfte unverzichtbar sind, ist in der Schweizer Kita-Branche kein Geheimnis, sondern ein Geschäftsmodell. Sie unter fairen und professionellen Bedingungen anzustellen, sollte darum eine Selbstverständlichkeit sein. 

Gesellschaftspolitisch nicht mehr tragbar
«Wir stellen seit 2017 nur noch Schulabgängerinnen als Praktikantinnen ein, die ein sogenanntes JUVESO-Jahr absolvieren; ein Sozialjahr mit einem Schultag pro Woche und vier Tagen Praktikum im Betrieb. Der Einsatz dauert ein Jahr. Bei Eignung wird nach wenigen Monaten die Lehrstelle zugesichert,» erklärt Lisa Plüss. Die Praktikantinnen erhalten rund 800 Franken Lohn und werden engmaschig von einer gelernten Fachperson begleitet. Das heisst: Die Jugendlichen betreuen nie allein eine Kindergruppe, werden immer angeleitet und überdenken ihre Arbeit in regelmässigen Reflexions-Gesprächen. 

«Dass Kindertagesstätten von der Funktionsstufe «Praktikum» abhängig sind, um die Elterntarife verkraftbar zu halten, ist heute gesellschaftspolitisch nicht mehr tragbar – weder unter dem Aspekt der «Nutzung günstiger Arbeitskräfte» noch im Hinblick auf die Bildungsqualität, welche unseren Kindern zusteht.»

Eine solche PraktikantInnen-Begleitung sei sehr zeitaufwendig, sagt Plüss und kritisiert die Branche: «In vielen Betrieben herrscht trotz ersten Auflagen vom Kanton immer noch «Wildwuchs» und die erlassenen Richtlinien werden kaum kontrolliert,» sagt Plüss. Zusätzlich begnügen sich viele der restlichen Kantone mit unverbindlichen Empfehlungen. Praktikumsdauer, Inhalt, Betreuung und Pflichten bleiben damit Interpretationssache der einzelnen Kitas. PraktikantInnen auf Lehrstellensuche sind ihnen ausgeliefert. SAVORISOCIAL beurteilt die aktuelle Situation immer noch als alarmierend.

«Dass Kindertagesstätten von der Funktionsstufe «Praktikum» abhängig sind, um die Elterntarife verkraftbar zu halten, ist heute gesellschaftspolitisch nicht mehr tragbar – weder unter dem Aspekt der «Nutzung günstiger Arbeitskräfte» noch im Hinblick auf die Bildungsqualität, welche unseren Kindern zusteht», schreibt kibesuisse, der Verband Kinderbetreuung Schweiz, in ihrem «Positionspapier zur Finanzierung pädagogischer Qualität in Kindertagesstätten». Ein Systemwechsel wird gefordert, doch Tragen möchte diese Mehrkosten niemand. Laut kibesuisse würden die notwendigen Mehrkosten für ausreichendes Fachpersonal in Kombination mit einem adäquaten Betreuungsschlüssel und den dazugehörigen Anstellungsbedingungen die Durchschnittskosten für einen Krippenplatz fast verdoppeln. 

«Dass bis jetzt die Finanzierungsprobleme in den Kinderkrippen oft auf dem Rücken von jungen Praktikantinnen ausgetragen werden, ist nicht fair. Das Problem ist das System und das sollte geändert werden»

Anfang März startet in der Schweiz die Unterschriftensammlung zur KITA-Initiative. Gefordert wird eine Umverteilung der Kosten: Die Finanzierung soll solidarisch über das Steuersystem erfolgen und damit der Bund zwei Drittel der Kosten übernehmen. Den Rest teilen sich Kantone, Gemeinde und Eltern. Ob und wann die Initiative vors Volk kommt, ist unklar. Klare Stellung bezieht Kinderbetreuungsfachfrau Lara Zumbrunn: «Dass bis jetzt die Finanzierungsprobleme in den Kinderkrippen oft auf dem Rücken von jungen Praktikantinnen ausgetragen werden, ist nicht fair. Das Problem ist das System und das sollte geändert werden». Betreffen werden Lara Zumbrunn mögliche Änderungen kaum mehr. Sie macht im Moment die Berufsmatura und würde später gerne studieren. 

Praktikum ist nicht gleich Praktikum
«Ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz absolviert irgendwann ein Praktikum. Praktika dienen in der Regel der Ausbildung, dem Einstieg in den Beruf und dem Erlangen von arbeitsrelevanten Kompetenzen und bilden häufig eine sinnvolle Ergänzung von theoretischen Ausbildungen. Praktika für Sek I-AbgängerInnen als implizite Voraussetzung für einen Lehrvertrag werden jedoch zunehmend kritisch hinterfragt. Am bekanntesten und am stärksten thematisiert werden die Vorpraktika für angehende Lernende FABE in den Kindertagesstätten. Als besonders problematisch gelten Praktika bei Minderjährigen, die nicht im Rahmen einer offiziellen Ausbildung absolviert werden. Dies betrifft vorwiegend Praktika direkt im Anschluss an die Sekundarstufe I wobei zwischen mindestens zwei Typen unterschieden werden muss. Zum einen absolvieren SchülerInnen gegen Ende oder im Anschluss an die Sek I so genannte Berufswahlpraktika oder Schnupperlehren. Solche Berufswahlpraktika dauern in der Regel nur wenige Tage bis zwei Wochen, sind unentgeltlich und liegen vor allem im Interesse der PraktikantInnen. Zum anderen besteht in gewissen Branchen die Tradition eines längeren Praktikums als implizite Voraussetzung für einen Lehrvertrag. Während der Nutzen von Berufswahlpraktika weitgehend akzeptiert ist, sind Praktika vor Lehrbeginn umstrittener». 

Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EBA), 2022, «Trend im Fokus: Praktika vor Lehrbeginn»

publiziert Juli 2022, Zeitschrift “Bildung Schweiz” (07/08/2022)

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