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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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«Papa, schau mit mir in die Wolken!»

«Papa, schau mit mir in die Wolken!»

Die Hälfte der Eltern in der Schweiz züchtigen ihre Kinder körperlich. Die Sensibilisierungskampagne «Starke Ideen» soll das nun ändern.

Egal ob unter Freunden oder in der Familie: Über zwei Dinge spricht man in der Schweiz auch im engsten Vertrautenkreis nicht. Zum einen über die Höhe des Einkommens und zum anderen darüber, wie die eigenen Kinder bestraft werden. Der Kontoauszug der Hausbank und das Strafenregister für das Kinderzimmer sind zwei gesellschaftliche Tabuthemen. Sie unterscheiden sich darin, dass die Handhabung des eigenen Vermögens strengen gesetzlichen Vorgaben unterliegt, während bei der Disziplinierung des eigenen Nachwuchses eine strikte Richtlinie fehlt. Die Schweiz ist in Westeuropa neben Belgien und Italien das einzige Land, das gesetzlich über kein ausdrückliches Züchtigungsverbot verfügt – trotz stetiger internationaler Kritik und obwohl die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ausdrücklich jede Art von Gewaltausübung gegenüber Kindern verbietet. Laut Bundesgericht gilt eine körperliche Bestrafung im häuslichen Umfeld nicht als physische Gewalt, solange sie in der Häufigkeit und Intensität ein «gewisses von der Gesellschaft akzeptiertes Mass nicht überschreitet». Ganz nach dem Motto: Erlaubt ist, was die Öffentlichkeit nicht stört.

Über zwei Dinge spricht man in der Schweiz auch im engsten Vertrautenkreis nicht. Zum einen über die Höhe des Einkommens und zum anderen darüber, wie die eigenen Kinder bestraft werden.

Am 22. Oktober 2018 lancierte die Stiftung Kinderschutz Schweiz die landesweite Sensibilisierungskampagne «Ideen von starken Kindern für starke Eltern – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt». Die mehrjährige, multimediale Kampagne soll das Strafverhalten von Eltern in den Mittelpunkt rücken. Die Kampagne basiert auf einer neuen, breitangelegten Studie. Unter dem Titel «Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz» untersuchte das Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg, wie Eltern in der Schweiz ihre Kinder bestrafen. 1523 Elternteile aus allen vier Sprachregionen wurden zu ihrem Erziehungsverhalten befragt. Ziel war es, verlässliche Zahlen zur Häufigkeit von Gewalt in Familien in der Schweiz zu ermitteln. Zusätzlich stellt die Studie eine Fortsetzung der Studien aus den Jahren 1990 und 2004 dar. Der 185 Seiten umfassende Schlussbericht definiert nicht nur elterliche Gewalt, deren Formen und Methodik, sondern zeigt die Ursachen, Anlässe sowie die subjektiven Konzepte physischer und psychischer Gewalt detailliert auf.

Jedes zweite Kind wurde schon körperlich bestraft
Die Studie präsentiert ein ernüchterndes Resultat. Die Hälfte der befragten Eltern wenden in der Erziehung Körperstrafen an. Das bedeutet, dass von über 1,2 Millionen Schweizer Kindern im Alter zwischen einem und 15 Jahren mehr als 550000 mindestens einmal körperliche Strafen erlebt haben. Am häufigsten betroffen sind kleine Kinder bis etwa zum sechsten Lebensjahr. Schläge auf den Hintern mit der Hand sind die häufigste Form von körperlicher Züchtigung. Jede vierte Mutter und jeder dritte Vater – schweizweit ca. 700 000 Elternteile – sieht darin keine Gewalt. Weniger häufig ist das Schlagen mit Gegenständen oder das Abduschen mit kaltem Wasser.

Wird Gewalt angewendet, scheint dies oft nicht im Rahmen einer überlegten, absichtsvollen Erziehungshaltung zu erfolgen, sondern als ungeplante Reaktion auf eine schwierige Erziehungssituation. Zum Beispiel dann, wenn sich die Eltern durch das Kind geärgert, genervt oder provoziert fühlen.

Nur für eine Minderheit der Eltern gehört körperliche Züchtigung zur gewohnten Erziehungspraxis. Denn wird Gewalt angewendet, scheint dies oft nicht im Rahmen einer überlegten, absichtsvollen Erziehungshaltung zu erfolgen, sondern als ungeplante Reaktion auf eine schwierige Erziehungssituation. Zum Beispiel dann, wenn sich die Eltern durch das Kind geärgert, genervt oder provoziert fühlen. Körperstrafen, die aus eskalierenden Interaktionen folgen, nehmen mit steigendem Alter der Kinder zu. Bei Kindern unter fünf Jahren geben hingegen eher Fehlverhalten und Ungehorsam Anlass für Körperstrafen. Im Vergleich zu den Studien von 1990 und 2004 zeigt die aktuelle Studie, dass der Anteil häufig eingesetzter Gewalt in der Erziehung abgenommen hat. Die Forschenden haben überdies eine kontinuierliche Zunahme jener Eltern festgestellt, die angaben, nie Körperstrafen anzuwenden.

Lieblingswaffe: Psychische Gewalt
Verbreiteter als die physische Gewalt ist in der Schweiz die psychische Züchtigung von Kindern. Rund sieben von zehn Befragten gaben an, zumindest in seltenen Fällen psychische Gewalt anzuwenden. Die häufigste Form psychischer Gewalt ist es, dem Kind mit Worten wehzutun und es heftig zu beschimpfen. Aber auch das Drohen mit Schlägen kommt oft vor, gefolgt von Liebesentzug. Nur ein kleiner Teil der Eltern, immerhin noch rund zwölf Prozent, drohen ihren Kindern damit, sie wegzugeben. Die Verfasserinnen und Verfasser der Studie schätzen, dass über 90 000 Kinder im Alter bis sechs Jahren in der Schweiz regelmässig von psychischer Gewalt betroffen sind.

Während Mütter die meisten Formen psychischer Gewalt erkennen, beurteilt nur jeder vierte Vater psychische Gewalt als solche. Von Männern wird zum Beispiel die Gesprächsverweigerung oder das Ignorieren eines Kindes über längere Zeit öfter nicht als Gewalt angesehen.

Kinder in den ersten sechs Lebensjahren mit psychischer Gewalt zu bestrafen, scheint demnach für Eltern oft ein effektives Mittel zu sein. Denn diese Kleinkinder haben ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und die intakte Bindung zu ihren primären Bezugspersonen ist enorm wichtig. Psychische Gewalt bei Kleinkindern kann jedoch langfristige Konsequenzen auf verschiedensten Ebenen und bis ins Erwachsenenalter mit sich bringen. Die Wahrnehmung von psychischer Gewalt weist bei Müttern und Vätern grosse Unterschiede auf. Während Mütter die meisten Formen psychischer Gewalt erkennen, beurteilt nur jeder vierte Vater psychische Gewalt als solche. Von Männern wird zum Beispiel die Gesprächsverweigerung oder das Ignorieren eines Kindes über längere Zeit öfter nicht als Gewalt angesehen.

«Liebes Mami. Schau in den Spiegel»
Egal ob psychische oder physische Gewalt: Die Studie hält fest, dass Kinder, deren Eltern mehr Gewalt anwenden, öfter Probleme entwickeln. «Es existieren hochsignifikante und recht konsistente Zusammenhänge zwischen den Berichten zu Gewalthäufigkeit und Befindens- und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder», schreiben die Verfasserinnen und Verfasser der Studie und konkretisieren: «Diese Zusammenhänge können sowohl dadurch zustande kommen, dass Gewalterfahrungen zu Problemen führen, wie auch dadurch, dass Problemverhalten einen Risikofaktor für Gewalt darstellt.» Und genau dieses Muster versucht die Kampagne der Stiftung Kinderschutz Schweiz auf verschiedenen Ebenen zu durchbrechen. In einem Kurzfilm erklären Kinder, wie und warum sie von ihren Eltern bestraft werden, was die Strafe schlussendlich mit ihnen macht und wie ihre Eltern anders reagieren könnten. «Liebes Mami. Schau in den Spiegel», «Papa, denk mal dran, wie du früher warst, und schau mit mir in die Wolken» oder «Liebes Mami, iss doch Schoggi!» sind die von den Kindern empfohlenen Alternativen zum Schimpfen, Schreien und Schlagen. Auf Plakate und T­Shirts gedruckt, bekommen die Empfehlungen der Kinder eine zusätzliche Plattform. Die Kampagne soll Handlungsalternativen bieten, ohne belehrend oder gar anschuldigend zu wirken. Kinderschutz Schweiz betont, dass Hilfe holen ein Zeichen der Stärke sei – denn «Erziehung fordert und überfordert manchmal». Die Kampagne liefert damit nicht nur Informationen und Empfehlungen, sondern auch Raum für Selbsterkenntnis, Ideen und vielleicht den Mut für Gespräche, zum Beispiel mit der eigenen Familie oder im Freundeskreis. Gespräche darüber, wie wir unsere Kinder strafen oder es schaffen, mit ihnen gemeinsam in die Wolken zu schauen.

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Bild zur Kampagne von Kinderschutz Schweiz (www.kinderschutz.ch)

Weiter im Text
Universität Freiburg, Institut für Familienforschung und ­beratung: «Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz. Physische und psychische Gewalt in Erziehung und Partnerschaft in der Schweiz: Momentanerhebung und Trendanalyse», 2017, im Auftrag von Kinderschutz Schweiz.

Weiter im Netz
www.kinderschutz.ch

publiziert Dezember 2018, „Bildung Schweiz“ (12/2018)

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