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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Uniform zur Chancengleichheit?

Uniform zur Chancengleichheit?

Schuluniformen werden in der Schweiz verachtet. Warum? Und schaden wir uns mit dieser Haltung selbst?

In der Schweiz werden Schuluniformen wie ein Teller kalte Suppe behandelt: verachtend weggestellt und keines Blickes mehr gewürdigt. «Uniform» riecht nach Gleichschaltung, Identitätsverlust, Hitlerjugend und nordkoreanischer Armee. Beim zweiten Löffel wird es nicht besser. Ein flaues Gefühl kommt im Magen auf und man ist versucht, wie der Suppenkaspar in der Geschichte von Heinrich Hoffmann aufzuspringen und zu brüllen: «Diese Suppe esse ich nicht!» Steht «uniform» nicht für Zwang und Entmündigung? Uniform an, eigenes Denken aus und vorbei!

Anfang des Sommers schaffen es regelmässig Gymnasien und Oberstufenschulen in die nationalen Schlagzeilen. Grund dafür sind die schulinternen Kleiderreglemente. Je nach Schule sind Trainerhosen, Hotpants, Schuhe mit Absätzen, durchsichtige Kleidung, bauchfreie und trägerlose Tops, tiefe Ausschnitte, permanent sichtbare Unterhosen und diskriminierende, fremdenfeindliche oder sexistische Aufdrucke auf Kleidungsstücken untersagt. Mit Grafiken wird dargestellt, wo die Kleidergrenzen der Schülerschaft und die Toleranzgrenze der Lehrerschaft liegen. Mit den Reglementen sollen alle involvierten Parteien geschützt werden – vor sich selbst und den anderen. Von freier Kleiderwahl kann kaum mehr die Rede sein. Und auch die erstrebte Klarheit bleibt aus. Ab wann ist ein T-­Shirt wirklich durchsichtig? Ist ein Edelweisshemd oder ein Palästinenserschal eine fremdenfeindliche Geste? Und was ist mit der Zahl 18? Neonazi-Symbol oder nur harmlose Lieblingszahl? Wäre eine Schuluniform nicht eine Alternative zu willkürlichen Verboten und Vorschriften?

«Selbst wenn sich aus rein schulischer Sicht – im Sinne von Disziplin, Arbeitshaltung, sozialem Frieden – Vorteile ergeben würden, müsste die Kehrseite dieser Art von Erziehungsvermeidung oder gar Erziehung zum Kollektivismus zur Ablehnung von Schuluniformen führen.»

Eine Ansicht, die der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) nicht teilt. Der LCH unterstützt weder die Einführung von schulinternen Kleiderreglementen (Positionspapier 2016) noch Schuluniformen (Stellungnahme 2005). «Behördlich verordnete Dresscodes sind kontraproduktiv, weil sie pädagogisch oder berufsspezifische Diskussionen verunmöglichen. Es reichen allfällige schulinterne Hinweise auf weniger zu empfehlende oder unangemessene Kleidung», schreibt der LCH in der Stellungnahme zu Kleidervorschriften an Schulen. Auch bei Uniformen ist die LCH-Haltung klar. Die Diskussion werde in der Schweiz zu Recht nicht ernsthaft geführt. Der Verband betont, dass Schuluniformen ihre geschichtlichen Wurzeln in absolutistischen und militarisierten Gesellschaften haben und ab dem 19. Jahrhundert als Ausdruck des Chancengleichheits-Ideals und der Idee einer egalitären Volksschule verwendet wurden. «Hinzu kommt da und dort das elitäre Motiv bei Privatschulen, sich durch Kleidung und Abzeichen von Konkurrenzschulen und Volksschulen abzugrenzen. Alle diese Motive passen schlecht in ein modernes öffentliches Bildungswesen in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft», schreibt der LCH. Er schliesst mit den Worten: «Selbst wenn sich aus rein schulischer Sicht – im Sinne von Disziplin, Arbeitshaltung, sozialem Frieden – Vorteile ergeben würden, müsste die Kehrseite dieser Art von Erziehungsvermeidung oder gar Erziehung zum Kollektivismus zur Ablehnung von Schuluniformen führen.» Der LCH bringt in wenigen Sätzen aufs Papier, warum die Uniformen in der Schweiz einen schweren Stand haben. Er schafft mit dem Statement aber auch eine solide Grundlage, die Argumente zu diskutieren und Fakten aufzuzeigen.

Liberté, Égalité, Fraternité, Uniformité!
Uniform ist ein Begriff, der geschichtlich schwer zu tragen hat. Im Schlepptau versteckt er Krieg, Ungerechtigkeit, Unterwerfung und macht eine objektive Debatte schwer – vor allem in der Schweiz. Laut Soziologin Katja Windisch ist die maximale Wahlfreiheit der Lebensformen für die Schweiz ein ungemein wichtiger Wert – sei es kulturell oder gesellschaftlich. «Uniformierende Absichten und Tendenzen haben es daher von jeher nicht leicht – und das betrifft auch die Schuluniform, die in die Persönlichkeitsrechte der Schülerinnen und Schüler eingreift, indem sie die tägliche Kleidung vorschreibt und gleichzeitig wichtige Darstellungsmöglichkeiten einschränkt. Dass hier die Frage nach dem Nutzen sehr kritisch gestellt wird, ist für einen gesellschaftlichen Kontext wie die Schweiz nicht verwunderlich», erklärt Windisch.

Im 21. Jahrhundert tragen Menschenfeinde kaum mehr Uniform – sie manifestieren sich perfider.

Doch die Gesellschaft, Uniformen und ihre Bedeutung haben sich gewandelt. Im 21. Jahrhundert tragen Menschenfeinde kaum mehr Uniform – sie manifestieren sich perfider. Schuluniformen sind in vielen Fällen keine veralteten Schlips-Shorts­Angelegenheiten mehr, sondern ein «Setzkasten» aus verschiedenen Kleidungsteilen, die individuell kombiniert werden können. Demokratische Staaten setzen auf die Einheitskleidung – sei es in England, Irland, Spanien, Kanada, Japan, Australien, Neuseeland oder den USA. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer sprechen sich für Schuluniformen aus. Blanquer plant, Uniformen in allen öffentlichen Schulen in Frankreich einzuführen. Liberté, Égalité, Fraternité, Uniformité!

Neun Kinder, eine Uniform. (Bild© Depositphotos)

Egalité – Gleichheit. Leider braucht es dafür mehr als nur gleiche Kleidung. Doch die könnte im Prozess zu Chancengleichheit im Bildungssektor ein wichtiges Mosaikstück sein. Denn egal aus welchem sozialen Umfeld ein Schulkind stammt: Es soll vom ersten Schultag an spüren, dass es die gleichen Möglichkeiten hat wie alle anderen Schulkameradinnen und ­kameraden. Und das ist einfacher, wenn sich niemand für seine abgelaufenen Schuhe, den aufgezwungenen Sommerrock oder den alten Turndress schämen muss. Gleichsein, auch wenn es «nur» äusserlich und für ein paar Lektionen pro Tag ist, schafft Zugehörigkeitsgefühl. Genau das ist es, was Kinder und Jugendliche prägt und zu starken Individuen macht: Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wenn eine Schuluniform nur ein wenig dazu beiträgt, sollte dies einen Versuch wert sein. «In einzelnen Fällen bestimmter Schulen kann dies für Schuluniformen sprechen: Kleidung, die Homogenität schafft und gegebenenfalls Konfliktpotenzial reduziert», unterstreicht Soziologin Windisch. Sie fügt hinzu: «Auf der anderen Seite können Schuluniformen aber auch ein wichtiges Lern- und Probierfeld für Identitätsfindung und Gruppendynamik, Anpassung und Individualisierung sehr einschränken». Der LCH nennt in seiner Stellungnahme von 2005 «den Dressur-Ansatz, die Erziehung zum gehorsamen Herdentier und die scheinheilige Ausblendung der sozialen Realitäten» als mögliche negative Auswirkungen. Ist diese Angst berechtigt? Droht intellektueller Gleichmarsch und uniformiertes Strammstehen? Eine absolute Wahrheit gibt es nicht, aber das Beispiel der Vereinigten Staaten klärt die Sicht.

Uniform gegen Markenkult
1986 starb in Baltimore ein amerikanischer Teenager beim Kampf um eine Sonnenbrille im Wert von 95 Franken. Der Tod des Jungen löste eine nationale Debatte aus, wie man Markenkult, Mobbing, Kriminalität und Jugendgewalt in Schulen entgegenwirken könnte. 1987 führte in Baltimore die erste amerikanische öffentliche Schule Schuluniformen ein. Bis dahin waren einheitliche Schulbekleidungen nur in Privatschulen zu finden. Laut den Zahlen des «National Center for Education Statistics» hatten bis 2015/16 landesweit 21 Prozent aller öffentlichen Schulen Uniformen eingeführt. Die Einheitskleidung birgt jedoch das Risiko, dass sie als Zeichen einer besseren oder schlechteren Bildungseinrichtung gesehen wird und damit, statt Gemeinsamkeit zu fördern, das Gegenteil bewirkt. Um dem entgegenzuwirken, haben gewisse Städte alle Schulen mit Uniformen eingedeckt: Philadelphia (100 Prozent aller Schulen), New Orleans (95 Prozent), Cleveland (85 Prozent), Chicago (80 Prozent), Boston (65 Prozent) und Miami (60 Prozent). Jedes fünfte Schulkind trägt in den USA eine Uniform. 57 Prozent der restlichen Schulen verfügen über einen «strikten Dresscode», an dem sich auch Lehrpersonen orientieren. Bei so viel Kollektivismus drängt sich die Frage auf, wo die Individualität, die Entfaltung des eigenen Stils oder gar der eigenen Persönlichkeit bleibt?

Bleibende kreative und persönliche Blockaden, ausgelöst durch das Tragen einer Schuluniform, sind nicht bekannt. Weder Steve Jobs‘ noch Mark Zuckerbergs Kreativität scheint darunter gelitten zu haben. Vielleicht im Gegenteil: Keine Wahl zu haben, kann befreiend wirken.

Natürlich sehen Teenager die Schuluniform öfter als Angriff auf die eigene Individualität. Um das zu kompensieren, gibt es in den USA «Dress Down Days», einzelne Tage, oft einen bis zwei pro Monat, an denen keine Uniform getragen wird. Dafür spendet jeder, der mitmacht, einen Dollar für ein Projekt. Bleibende kreative und persönliche Blockaden, ausgelöst durch das Tragen einer Schuluniform, sind nicht bekannt. Weder Steve Jobs‘ noch Mark Zuckerbergs Kreativität scheint darunter gelitten zu haben. Vielleicht im Gegenteil: Keine Wahl zu haben, kann befreiend wirken. Oder wie es eine ehemalige Schuluniformträgerin umschreibt: «Was ich am Morgen anzog, war klar, und wie ich damit wohl wirke und was die anderen darüber denken, spielte keine Rolle. Rückblickend denke ich, dass ich mir nie bewusst war, wie hilfreich die Uniform war.»

Warten auf den Schulbus am „Dress Down Day“ zum Thema „Superhelden“. (Bild: Wuethrich)

Schuluniformen bergen das Potenzial, Kleidung vom Statussymbol zur Nebensache zu degradieren. Und sie transportieren damit eine klare Botschaft: Was zählt, ist der Mensch, sein Charakter und seine Leistung. Schuluniformen sind somit eine Bankrotterklärung an Markenkult, Mob­ bing und dem damit verbundenen Druck, teure Kleider zu tragen, um akzeptiert zu werden, oder der Angst, wegen Billigkleidern gemobbt zu werden.

20 Jahre Erfahrung in Long Beach
Doch was bewirken Schuluniformen wirklich? Aus der Schweiz und aus Deutschland liegen kaum Zahlen vor. Pilotprojekte zeigen widersprüchliche Resultate oder wurden vorzeitig abgebrochen (vgl. Kasten). An vorderster Front bei den Schuluniform-Studien stehen die Zahlen aus der Stadt Long Beach des Staates Kalifornien. Hier wurden 1994 an allen öffentlichen Schulen Uniformen eingeführt. Gewalttaten, geschwänzte Schulstunden, Vandalismus und Schulverweise reduzierten sich um ein Vielfaches. Soziologen führen diese positiven Veränderungen auf das gesteigerte Gemeinschaftsgefühl und Pflichtbewusstsein, den gegenseitigen Respekt und die Disziplin zurück. Auch 2014, zwanzig Jahre nach der Einführung der Uniformen, hat der Schuldistrikt noch Vorbildcharakter. Die Leistungen der Lernenden sind überdurchschnittlich und auch die Anzahl der geschwänzten Schulstunden ist gering. Genau diesen Aspekt beleuchtet eine Studie der Universität Houston, veröffentlicht 2009 unter dem Titel «Dressed for Success: Do School Uniforms Improve Student Behavior, Attendance, and Achievement?». Die Wissenschaftler sammelten zwischen 1993 und 2006 die Daten von mehr als 160 Schülerinnen und Schülern, die in den USA eine staatliche Schule besuchten. Die eine Hälfte trug Uniformen, die andere Hälfte kleidete sich individuell. Die Studie zeigt auf, wie sich das Verhalten der Schülerinnen und Schüler durch das Einführen von Uniformen an ihren Schulen veränderte. Die Kinder und Teenager fehlten seltener im Unterricht – Mädchen im Schnitt einen Tag weniger im Jahr. Zusätzlich verbesserte sich die akademischen Leistungen und das Verhalten in der Schulgemeinschaft. «Die positiven Reaktionen verstärkten sich mit der Zeit», erklärt Studienleiter und Professor Scott Imberman. «Die Effekte waren im ersten Jahr nach der Einführung der Uniformen kleiner und nahmen mit jedem zusätzlichen Jahr zu. Wir interpretieren dies als Zeichen, dass es eine gewisse ‹Angewöhnungsphase› gibt, bis die Schuluniformen vom Schulumfeld aufgenommen werden und eine Wirkung entfalten können.» Die Erfahrungen in den USA und Imbermans Studie zeigen: Schuluniformen erfolgreich zu integrieren, kostet viel Zeit, Aufwand und Überzeugungsarbeit. In der Schweiz fehlen der Wille und die Notwendigkeit dazu. Womit wir wieder bei der kalten Suppe wären.

UNIFORM-TEST IN DEUTSCHLAND UND DER SCHWEIZ
Die Justus-Liebig-Universität in Giessen führte 2003/2004 in Hamburg eine Studie zum Tragen von Schulkleidung durch. Die Studie zeigt auf, dass die einheitliche Kleidung in Schulklassen das Sozialver- halten der Schülerschaft fördert, deren Aufmerksamkeit steigert und den Stellenwert von Kleidung minimiert im Vergleich mit Jugendlichen, die keine Schuluniform tragen. Kritische Stimmen sehen die Studie lediglich als «Schulversuchs-Effekt», da die uniformierten Klassen sich freiwillig für das Projekt meldeten und damit die Massnahme selbstüberzeugt gewählt haben. In der Schweiz wurde ein Versuch mit Schuluniformen 2007 nach wenigen Monaten abgebrochen. Involviert waren zwei Klassen der Basler Weiterbildungs- schule (WBS). Trotz Mitbestimmung in Wahl und Design der Schulkleidung zeigten die Teenager nach wenigen Wochen keine Lust mehr, die Uniform zu tragen.

 

Weiter im Netz
www.uh.edu/econpapers/RePEc/hou/ wpaper/2009­03.pdf – Studie: «Dressed for Success: Do School Uniforms Improve Student Behavior, Attendance, and Achie­ vement?»

www.LCH.ch › Publikationen › Positionspa­ piere › Dresscodes an Schulen – ein päda­ gogisches Thema

www.LCH.ch › Publikationen › Stellung­ nahmen › Sind Schuluniformen an Schwei­ zer Schulen sinnvoll?

www.presstelegram.com/2014/09/01/20­ years­pass­since­long­beach­unifieds­ historic­school­uniform­policy – Artikel über die Erfahrungen in Long Beach

Weiter im Text
Oliver Dickhäuser, Katrin Lutz, Melissa Wenzel, Claudia Schöne: Kleider machen Schule? Korrelate des Tragens einheit­ licher Schulkleidung, Psychologie in Erzie­ hung und Unterricht 4/2004, S. 296–308, Ernst Reinhard Verlag, München.

 

publiziert, Oktober 2018, Zeitschrift „Bildung Schweiz“ (10/2018)

Comments

  • Michele Erat
    REPLY

    Ein interessanter Beitrag – danke Christa! Unser Sohn geht nun schon seit drei Jaren in England zur Primarschule. Hier ist Uniform Standard. In unserer Schule heisst das – oben rot, unten dunkel – alles andere ist Wurscht. Aber Kleiung scheint tatsaechlich noch eine komplette Nebensache zu sein, was die morgendliche Hektik in unserem Haus um einiges reduziert. Und meine Erfahrung ist nicht, dass sich das negativ auf die Individualitaet und Kreativitaet unserer Kinder ausgewirkt haette… Allerdings sind Uniformen hier auch Statussymbol – besonders Privatschulen foerdern den Konkurrenzkampf der Uniformen. Da bleibt die Gleichheit dann wieder auf der Strecke…

    Oktober 7, 2018

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