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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Was hat die 121-Jährige geflüstert?

Was hat die 121-Jährige geflüstert?

Das Enea Baummuseum in Rapperswil-Jona bietet Begegnungsraum für feinsinnige Kunst, gestandene Bäume und tiefgründige Betrachter. Oder umgekehrt.

Was braucht ein kalifornischer Mammutbaum zum grossen Auftritt? Was macht eine Elegantissima-Ulme zum Kunstwerk? Einen Betrachter, der die Würde und die Schönheit des Werkes erkennt, schätzt und einen Platz, der die ganze Kraft des Objektes zum Entfalten bringt. Der Mann für solche Bäume und Plätze ist Enzo Enea. Der 53-jährige Schweizer gehört zu den berühmtesten Gartenarchitekten weltweit. Seine vermögenden und mächtigen Klienten entspannen sich in Gärten, die Eneas Handschrift tragen – sei es in Dubai, Peking, Miami oder Zürich. Und auch Prinz Charles hört auf seinen Rat.

 «Hey – das ist deine Bühne – nutze sie und entfalte dich!»

Enea selbst bezeichnet sich als Baumsammler. 2010 hat er auf einem 75 000 Quadratmeter grossen Grundstück in Rapperswil- Jona SG ein Baummuseum eröffnet. Das erste seiner Art weltweit. Entstanden ist ein Park in unmittelbarer Nähe zum Zürichsee, der mehr als 50 Bäume aus über 25 Arten beheimatet.

Ob ein über 130-jähriger roter Schlitz-Ahorn aus Ostasien, eine seltene japanische Korkenzieherlärche oder die in voller Blüte stehende Tulpen-Magnolie: Das Freilichtmuseum schafft rund um die Bäume einzelne durchlässige Räume, welche die Pflanzen gekonnt in Szene setzen, jedoch in keiner Weise einschränken. Zwischen den Gewächsen stehen Mauern und Portale aus hellem Sandstein. Sie wirken trotz ihrer starken Präsenz nie einengend, sondern ergänzend, kontrastierend, erfüllend und manchmal fast provozierend herausfordernd, als würden Sie dem Baum zurufen: «Hey – das ist deine Bühne – nutze sie und entfalte dich!»

Der Besucher bleibt dabei im grossen Baummuseum, was er oft im Leben ist – ein kleiner Statist.

Stolz am Eingang des Museums steht ein Acer palmatum. Der über 100 Jahre alte Fächerahorn, musste einem Neubau des Universitätsspitals Zürich weichen. Er steht symbolisch für viele der Bäume, die, eingesammelt durch Enea, einer Rodung entgingen und nun im Museum mehr als nur einen zweiten Frühling erleben. Viel Aufmerksamkeit zieht die Mädchen-Kiefer (Pinus parviflora) auf sich. Mit ihren 121 Jahren gehört sie zu den gestandenen Damen im Park, beeindruckt jedoch durch die elegant knorrige Erscheinung; herausgehoben durch den Kontrast mit der hellen Steinmauer und dem dunkel schimmernden Fischteich. Meine kleine Tochter umarmte die «Dame» spontan und behauptet nun seither, sie habe ihr etwas ins Ohr geflüs- tert. Was, verrate sie niemandem: «Geh hin und hör ihr zu.»

Was meint die 106 jährige Winter-Linde zum Frühling? Kind mit Baum. (Bild Wuethrich)

Seit 2013 präsentiert Enzo Enea in seinem Baummuseum auch Skulpturen zeitgenössischer Künstler. Als Konkurrenz werden diese von den Bäumen wohl kaum wahrgenommen. Die stehen mit ihrem biblischen Alter und der spürbaren Würde über menschlichem Kunstgeplänkel. Als Besucher bekommt man das Gefühl, dass die Pflanzen, Mauern und Skulpturen in einer fein abgestimmten Choreografie miteinander harmonieren. Je nach Licht, Jahreszeit und Blick des Betrachters schafft sie neue Beziehungen, Dynamiken und Hauptdarsteller. Der Besucher bleibt dabei im grossen Baummuseum, was er oft im Leben ist – ein kleiner Statist.

Enea Baummuseum, Buechstrasse 12, Rapperswil-Jona, geöffnet von Montag bis Samstag, Eintritt: Fr. 15.– für Erwachsene www.enea.ch/baummuseum

 

publiziert 26. April 2018, Magazin „Tierwelt“

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