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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Die Wüste im Nacken

Die Wüste im Nacken

40 Prozent der Fläche der Mongolei sind von Wüste bedeckt, und es wird jährlich mehr. Die Hirtenfamilien kämpfen um ihre Existenz. Die harten Winter erschweren das Unterfangen zusätzlich. Ein Augenschein vor Ort.[1]

Das Einzige, was die mongolischen Nomaden im Überfluss haben, ist Zeit und Platz. An allem anderen mangelt es; seien es saftige Weiden, genügend Heu im Winter für die Tiere oder Erwerbsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven für die Menschen. Mit ihrer Jurte (mongolisch „Ger“) und der Herde ziehen die Hirtenfamilien von einem Weideplatz zum nächsten. Tagelang begegnen sie niemandem. Mit einer Fläche von 1,56 Millionen km2 (mehr als 18-mal so groß wie Österreich) und nur 2,7 Millionen EinwohnerInnen[2] ist die Mongolei das am dünnsten besiedelte Land der Welt. Unendliche Weiten, menschenleere Ebenen und am Horizont schneebedeckte Berge prägen das Bild.

Doch auch ohne Dzud sind die harten Winter für die Nomaden verhängnisvoll. Viele der schlecht ernährten Ziegen, Schafe und Kühe überleben die Kälte nicht.

Was idyllisch klingt, ist jedoch ein erbarmungsloser Überlebenskampf. „Schon im Sommer finden wir nicht genügend Nahrung für die Herden. Auf den Weiden fehlt das Gras. Dafür macht sich ein giftiges Kraut breit, das die Tiere verenden lässt. Die Heuschreckenplagen verschlimmern die Situation zusätzlich“, erzählt Orgil. Er und seine Familie gehören zu den 170.000 Familien im Land, die ihren Lebensunterhalt als Hirten verdienen und jedes Jahr mit Angst den Winter erwarten.

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Dem kalten Winter sind die Tiere chancenlos ausgeliefert. Tote Ziege auf einer Weide. (Bild Wüthrich)

„Dzud“ nennen die Einheimischen die Kombination aus trockenen Sommern und sehr harten Wintern. Zwischen 1999 und 2002 fielen diesem Phänomen mehr als ein Viertel aller Tiere zum Opfer. Tausende Hirtenfamilien verloren ihre Existenzgrundlage. Doch auch ohne Dzud sind die harten Winter für die Nomaden verhängnisvoll. Viele der schlecht ernährten Ziegen, Schafe und Kühe überleben die Kälte nicht. Im vergangen Winter starben rund 80 Prozent von Orgils neugeborenen Schafen und Ziegen. Die Muttertiere waren zu schwach, um sie auszutragen und zu ernähren. Dieses Jahr droht das gleiche Unheil[3]

Viele der Hirten sehen den Klimawandel als Grund für ihre Situation. Fachleute hingegen beurteilen die Lage anders. „Die Schuld an der Desertifikation, der Ausbreitung der Wüste, kann nicht nur auf den Klimawandel abgeschoben werden. Für den Zustand des Weidelandes sind zu einem großen Teil die Hirten selbst verantwortlich“, meint Karl Schuler, Experte für das Management natürlicher Ressourcen, der vor Ort für die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) tätig ist. Seiner Sicht nach sind die Gründe für die Überweidung vielschichtig.

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Die Wüste ist auf dem Vormarsch. Weidemanagement soll die Situation entschärfen. (Bild Wüthrich)

Unter dem sowjetischen System waren die Tiere verstaatlicht und deren Anzahl landesweit kontrolliert. 25 Millionen Tiere beweideten die Mongolei. Seit dem Kollaps des Sozialismus und der Privatisierung der Herden gibt es keine Beschränkungen mehr. Die Anzahl der Tiere hat sich verdoppelt. Das Weideland ist diesem Ansturm nicht gewachsen; die Weiden sind übergrast und erodieren. Wasser können die ausgelaugten Böden kaum mehr aufnehmen. Die Oberfläche wird weggespült. Büsche und Bäume, die Wind und Regen stoppen, sind durch Abholzung verschwunden. Starke Regenfälle werden zur Bedrohung. Ende Juli kamen bei Fluten in der Mongolei über zwanzig Menschen ums Leben; hunderte wurden obdachlos.

Die Rohre der Bewässerungsanlagen grub die Landbevölkerung aus und verkaufte sie als Alteisen nach China. Weideland wurde zum Allgemeingut erklärt, auf dem jeder jederzeit seine Tieren grasen lassen kann.

Zusätzlich wird die Situation der Hirten durch das fehlende Weidemanagement verschärft. Die sowjetischen Fachleute verließen das Land und mit ihnen das Wissen betreffend Ernte von Heu, Lagerung von Futter, Bewässerungssysteme und Weideregulierungen. Die Rohre der Bewässerungsanlagen grub die Landbevölkerung aus und verkaufte sie als Alteisen nach China. Weideland wurde zum Allgemeingut erklärt, auf dem jeder jederzeit seine Tieren grasen lassen kann. Vorratsflächen sind dadurch Mangelware. Nicht nur Übergrasung, sondern auch Misswirtschaft sind die Folgen. Der Fleischmarkt vor Ort ist übersättigt. Einen Exportmarkt gibt es kaum; die Qualität des mongolischen Fleisches entspricht nicht dem internationalen Standard. Und auch die von der Kaschmirziege gewonnenen Produkte – wie die kostbare Wolle – können qualitativ nicht mit der Weltspitze mithalten. Die Vereinten Nationen befürchten, dass ohne Veränderung der Landnutzung bis 2050 an die 70 Prozent des Landes mit Wüste bedeckt sind. Für die Hirtenfamilien wäre dies ein Todesurteil.

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Wüste statt Weide. Die Polizeistation auf verlorenem Posten. (Bild Wüthrich)

Einen Ausweg aus dem Teufelskreis aus Übergrasung und Desertifikation sollen Weidemanagement-Programme bieten. Das Schweizer „Green Gold“-Projekt hat dabei eine Vorzeigerolle inne. Die Hirten schließen sich in „Pasture User Groups“ zusammen, um gemeinsam Weideflächen nachhaltig zu nutzen. Dazu gehört das Pflegen von Wasserquellen, der Anbau und das Erschließen von alternativen Einkommensquellen; seien es Treibhäuser für das Anpflanzen von Gemüse oder Nähmaschinen, um Textilien zu verarbeiten. Der Zustand der Weiden und die Anzahl der Tiere sollen sich wieder zurück zu einem für die Natur gesunden Gleichgewicht entwickeln.

Doch für viele Hirtenfamilien kommt solche Hilfe zu spät. Sie haben ihr Leben auf dem Land aufgegeben und sind mit ihrer Jurte in die Hauptstadt gezogen.

Doch für viele Hirtenfamilien kommt solche Hilfe zu spät. Sie haben ihr Leben auf dem Land aufgegeben und sind mit ihrer Jurte in die Hauptstadt gezogen. Rund die Hälfte der 2,7 Millionen Mongolen lebt in Ulaanbaatar. Laut Schätzungen zufolge kommt jede Stunde eine neue Familie mit ihrem Ger an, um hier ihr Glück zu finden. Zu ihnen gehört auch die 45-jährige Tsagaan. Mit ihrem Mann und den zwei Söhnen im Teenager-Alter ist sie 2007 vom Land an den Rand der Hauptstadt gezogen. Fließend Wasser und eine Kanalisation sucht man hier vergebens. Die Landflucht stellt die Stadt vor massive ökologische, aber auch soziale Probleme. Tsagaan und ihre Familie haben in den vergangenen zwei Jahren keine Arbeit gefunden.

„Durch das sozialistische System war wenigstens eine Arbeitsstelle garantiert. Jetzt sind wir frei, doch was ist das Leben ohne Arbeit?“ Tsagaan ist nicht die einzige Mongolin, die sich diese Frage stellt. Schätzungsweise 30 Prozent der arbeitsfähigen Menschen sind ohne Arbeit. An die 36% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Auf dem Land beträgt diese Zahl laut Studien der Weltbank über 43%.[4] Die Armut der Bevölkerung steht in großer Diskrepanz zum mongolischen Rohstoffreichtum. Das Land verfügt über Kupfer, Gold, Eisenerz, Uran und Kohle.

Die Hauptstadt wird von arbeitssuchenden, oft schlecht ausgebildeten Arbeitskräften aus den ländlichen Gegenden überschwemmt. Die neue dienstleistungsorientierte Gesellschaft sucht hingegen nach qualifiziertem Fachpersonal. Als Müllsammler oder Tagelöhner versucht Tsagaans Familie, ihr Auskommen zu finden. Doch auch hier ist die Wirtschaftskrise spürbar. Die Preise für gesammeltes Alteisen, Petflaschen, Papier, Tierknochen oder Glas sind seit Anfang des Jahres um 30 % eingebrochen. 90% der Bauvorhaben in der Hauptstadt stehen still. Banken geben keine Kredite mehr und viele Investoren haben sich zurückgezogen.

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Abfallhalden als Lebensmittelpunkt und Einkommensquelle. (Bild Wüthrich)

Trotz der wirtschaftlichen Misere und der verbreiteten Korruption hofft Tsagaan auf eine bessere Zukunft. Vergangenen Mai wurde mit dem Demokraten Tsakhiagiin Elbegdorj ein neuer Präsident gewählt.[5] Der Wahlkampf war geprägt von Versprechungen. Jeder Mongole soll von den Erlösen der Bodenschätze profitieren, ließen die Politiker verlauten. „Statt Geld zu versprechen, soll die Regierung den Menschen Arbeit geben. Nicht das Versprechen einer einmaligen Zahlung verbessert die Situation der Menschen, sondern ein regelmäßiger, sicherer Lohn“, kritisiert Sanjaasuren Oyun, die ehemalige mongolische Außenministerin und Oppositionspolitikerin. „Wir müssen ein politisch, wirtschaftlich und sozial gesundes System schaffen, das nachhaltige Entwicklungen zulässt“, betont die Parlamentarierin und proklamiert eine Politik der Mitte.

 

[1] Die Autorin 2009 in der Mongolei unterwegs und sprach mit Politikern, Nomaden und Weidemanagment-Experten. Der Artikel wurde 2009 in der österreichischen  „Südwind“ veröffentlicht und im November 2016 aktualisiert. http://www.suedwind-magazin.at

[2] 2016 wurde die Bevölkerung auf über 3 Millionen Einwohner geschätzt.

[3] Orgils Angst vor einem erneuten harten Winter war gerechtfertigt. 2009/10 war ein Dzud-Winter; extrem schneereich und kalt.

[4] Die Zahlen haben sich in den vergangenen Jahren verbessert. 2014 lebten noch 21.6% der Menschen in der Mongolei unter der Armutsgrenze.

[5] Staatschef Tsakhiagiin Elbegdorj  überstand seine erste Amtszeit ohn grosse Skandale. Er setzte sich gegen Korruption und für Demokratisierungsmassnahmen ein, damit das Geld aus den Rohstoffen breiter gestreut werden soll. 2013 wurde Tsakhiagiin Elbegdorj  in seinem Amt bestätigt.

 

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