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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Manila: Die Hauptstadt des Appenzellers

Manila: Die Hauptstadt des Appenzellers

Nirgends auf der Welt wird pro Monat mehr Appenzeller Alpenbitter ausgeschenkt als bei René Lorenz im «The Appenzeller» in Manila.

In den letzten 45 Jahren war René Lorenz drei Tage in der Schweiz. Zu mehr gab es keinen Anlass. Bis Anfang 80er Jahre war der Ostschweizer im Nahen Osten in der Baubranche tätig: In Saudi-Arabien, Dubai, Kuwait und im Irak. 1981 floh er vor dem Krieg zwischen Iran und Irak in die Schweiz. «Und dann merkst du, dass du den Anschluss verloren hast. In deiner Lieblingsbeiz ist ein Schuhladen. Wenn du die Nummer deiner Freunde wählst, antworten Fremde.» Mit seiner philippinischen Frau Chit zog er in ihre Heimat und versuchte in Manila Baumaterialen zu verkaufen. Der Erfolg blieb aus. Nach einem Jahr wechselte Lorenz die Branche und wurde Gastronom. «Gekocht habe ich schon immer gerne. Und etwas Neues zu lernen, hat mich gereizt.» Der gebürtige Thurgauer besass und leitete verschiedene Restaurants. Heute mit 76 Jahren konzentriert er sich auf «The Appenzeller»: Ein Restaurant mit Bar mitten in der Millionenmetropole Manila, gegründet vor genau 10 Jahren.

Nirgends auf der Welt wird mehr Appenzeller getrunken als im «Appenzeller» in Manila.

Lorenz selbst stammt aus Kreuzlingen. Appenzell liegt ihm wie der Rest der Schweiz fern. «Appenzeller» bezieht sich darum auch nicht auf Heimatgefühle oder Familienbande, sondern auf das Trinkverhalten seiner Gäste. Denn die Einheimischen lieben den Appenzeller Alpenbitter. Pro Monat schenkt Lorenz an die 50 Liter des Kräuterschnapses aus. «Nirgends auf der Welt wird mehr Appenzeller getrunken als ihr», erklärt der Wahl-Filipino stolz. Bestätigt habe ihm das die Appenzeller Alpenbitter AG persönlich. Eine „Appenzeller Ehrenholzplakette“ – mit den Namen „René und Chit“ eingraviert –weist auf die gute Zusammenarbeit hin.

Der „Appenzeller“ gleicht einer Mischung aus rustikaler Alphütte, gut frequentierter Beiz und einer hippen Stadtbar.

Der „Appenzeller“ gleicht einer Mischung aus rustikaler Alphütte, gut frequentierter Beiz und einer hippen Stadtbar. Solide Holztische mit kleinen Vasen und weissen Plastikblumen auf den Tischen füllen den Raum. Gerahmte Alpenpanoramabilder und eine kleine Armbrust hängen an den Wänden. In der Mitte des Lokals steht ein Billardtisch, daneben befinden sich die Bar, die Chäs Hütte und ein Wappen mit dem Appenzeller Bär. Quer durch das Restaurant schaukelt eine Girlande aus Alpenbitter Flaschen. Dahinter hat jemand ein riesiges Matterhorn an die Wand gepinselt. Auf den Grossbildschirmen läuft ein Fussballspiel. Hinter der Kulisse ist das Küchenteam im Schichtbetrieb von Mittags um 11.30 bis in die frühen Morgenstunden am werkeln. Sieben Tage die Woche; gecoacht von Lorenz und seiner Frau.

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René und Chit Lorenz in ihrem „Appenzeller“. (Bild Wüthrich)

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«Einen Chefkoch haben wir keinen. Die achtköpfige Crew haben wir selbst angelernt – und sie haben die Küche bestens im Griff » sagt Lorenz. Die Speisekarte gleicht einer kulinarischen Weltreise, die sich um die Schweiz dreht. Es gibt Wiener Schnitzel, Apfelstrudel und spanische Wurst, aber auch Raclette, Rösti, Sauerkraut, Cordon Bleu und Fondue in allen Variationen: mit Käse, Rind oder Crevetten. Internationale Exporteure beschaffen jedes Produkt. «Die Zeiten, wo man um eine gute Flasche Wein zu kaufen drei, vier Stunden unterwegs war, sind vorbei», erinnert sich René Lorenz.

Werbung für sein Restaurant macht Lorenz keine. Seine Gäste sind Anwohner, Geschäftsleute, Einheimische und Europäer, die in Manila leben. Mund zu Mund Propaganda. Der Appenzeller Alpenbitter macht den Rest.

Der Vergangenheit trauert der Gastronom nicht nach. Heimweh hat er keines. Wohin auch? In der Schweiz kenne ihn niemand mehr. Die einzige Tochter lebt mit den zwei Enkelkindern in Dubai. Der Bruder wohnt in Singapur. Vor zehn Jahren war er das letzte Mal in Manila auf Besuch. Und dabei bleibt es. Mit seinen 92 Jahren komme er kaum nochmals vorbei. Vermissen tut Lorenz nichts. Das Land sei gut zu ihm gewesen. Was nicht heisst, dass er sich nicht an gewissen Dingen stört. «Alle vier Jahre erneut den Führerschein machen zu müssen, ist eine Farce. Das Ausmass der Korruption ist enorm und auf den Strassen herrscht Dauerstau.» Manila ist heute eine Weltstadt mit allem was dazu gehört: Enormem Verkehr und horrender Kriminalität. «Wir spüren davon wenig. Der Appenzeller liegt in einem guten Quartier, in der Nähe von renommierten Hotels. Konfrontiert mit Kriminalität oder ausbleibenden Gästen wurden wir noch nie.» Werbung für sein Restaurant macht Lorenz keine. Seine Gäste sind Anwohner, Geschäftsleute, Einheimische und Europäer, die in Manila leben. Mund zu Mund Propaganda. Der Appenzeller Alpenbitter macht den Rest. Es fühlt sich hier an wie in einer Quartierbeiz, sagt der Chef persönlich – und sitzt mit grauem Haar, Schnauz und kariertem Hemd zufrieden rauchend an der Bar.

publiziert 19. November 2015, „Appenzeller Zeitung“

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