Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

Das ganze Leben auf einem Stück Holz

Das ganze Leben auf einem Stück Holz

Der Appenzeller Hans Neff ist einer der letzten professionellen Modelschnitzer in der Schweiz. Jedes seiner Stücke, mit denen Gebäck verziert wird, ist ein Unikat.

Jeder von uns hat in seinem Leben schon herzhaft in ein von Hans Neff verziertes Gebäck gebissen. Ob Biber vom Bäckermeister, Änisbrötli vom Weihnachtsmarkt oder Schokoladenguezli aus der Migros: Die kunstvollen Bilder auf dem Gebäck sind nur dank einem in feinster Handarbeit angefertigten Model möglich. Und genau dies ist Hans Neffs Expertise. Der 63-jährige gelernte Holzbildhauer fertigt in seiner Werkstatt in Urnäsch AR in vierter Generation Holzmodel an. Das heisst: Er schnitzt auf ein Stück Birnenholz Figuren, Ornamente oder ganze Bildergeschichten, die dann später bei der Herstellung des Gebäcks in den Teig gepresst werden.

«Wenn eine Kuh im Stall kalbert oder draussen ein Sturm tobt, kann man diese Arbeit nicht machen», sagt der Appenzeller. Er brauche dafür Ruhe, ein gewisses «Abgeschottet-Sein»

Das «Szenario» wird vom Kunden mitgebracht oder von Neff auf Wunsch persönlich entwickelt, auf Durchschlagpapier gemalt, spiegelverkehrt aufs Holz übertragen und dann in Handarbeit ins Holz geschnitzt. Was einfach tönt, benötigt nicht nur Wissen und Können, sondern Fingerspitzengefühl, Geduld und eine ausgeprägte Faszination fürs Detail. Die Figuren sind winzig; im Extremfall nur einige Millimeter gross. Doch jedes Sujet auf Neffs Werken entspricht eins zu eins der Realität: vom Kamm des Appenzeller Spitzhaubenhuhns bis hin zur einzelnen Blüte am Holderbaum.

Ein Holzmodel überdauert Generationen
«Wenn eine Kuh im Stall kalbert oder draussen ein Sturm tobt, kann man diese Arbeit nicht machen», sagt der Appenzeller. Er brauche dafür Ruhe, ein gewisses «Abgeschottet-Sein». Das Schnitzen sei für ihn eine ideale Nacht- oder Winterarbeit geworden. Im Hintergrund leise Musik; im Fokus die Millimeter-Arbeit. «Im Sitzen kann ich nicht arbeiten. Ich bin in Bewegung, brauche verschiedenste Werkzeuge und muss zwischendurch mit einem Plastilin-Abdruck prüfen, ob das geschnitzte Relief den Erwartungen entspricht», erklärt Neff sein Tun.
Hans Neff und sein Bruder Guido, auch er Holzbildhauer, gehören zu einer aussterbenden Zunft. Die zwei kennen niemanden, der das Modelschnitzen sonst noch auf professioneller Basis betreibt und sich damit den Lebensunterhalt verdient.

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Konzentration und Fingerspitzengefühl: Hans Neff bei der Arbeit (Bild Wüthrich)

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Für einfache Sujets – zum Beispiel ein kleiner Model in Herzform mit einem Blumenkranz – benötigt Hans Neff ein paar Stunden. Möchte der Kunde seinen eigenen Lebenslauf im Detail wiedergegeben haben, nimmt das Werk Wochen in Anspruch. Verrechnet wird eine Stundenpauschale von 70 Franken. Jedes Stück ist ein Unikat und überdauert im Idealfall Generationen. Neff verwendet nur Birnenholz, denn es ist hart und nicht porös. «Die Model sind Gebrauchsgegenstände. Sie müssen etwas aushalten. Würde ich Nussbaumholz verwenden, würden die Darstellungen durch die Poren des Holzes beeinträchtigt.»

Hans Neff stammt aus einer Art «Modelschnitzer-Dynastie». Vor mehr als 120 Jahren fertigte schon sein Urgrossvater erste Holzmodel an. «Früher hat unsere Familie vor allem Tische, Stühle, ganze Stubenausstattungen hergestellt. Doch dieser Markt wurde immer kleiner, das Interesse an Modeln dagegen nahm stetig zu.» Seine Lehre zum Holzbildhauer absolvierte Neff Anfang der 1970er-Jahre bei seinem Grossvater. «Die Arbeit wurde immer interessanter. Denn als es noch keine Kopiermaschinen gab, mussten wir oft die gleichen Sujets in Serien anfertigen.» Eine eintönige Arbeit. Durch die Technik und die Möglichkeit, holzgeschnitzte Model problemlos zu kopieren, hat sich diese Arbeit erledigt.

Alte Tradition und neue Sujets
Zu Neffs Kunden gehören noch immer Bäcker. Die Mehrheit sind jedoch Privatpersonen, die einen individuell gestalteten Model möchten – sei es mit dem eigenen Firmenlogo oder zum Hochzeitsjubiläum. Ein Kunde liess sich gar seinen gesamten Lebenslauf schnitzen. Entstanden ist ein eindrücklicher Lebensbaum – von der Geburt über den ersten Schultag bis hin zur Hochzeit und dem Rentner-Dasein. Ein ganzes Leben auf einem Stück Birnbaumholz.

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Appenzeller Idylle auf einem Stück Holz: Beispiel eines Geschnitten Models. (Bild Wüthrich)

Machbar sei punkto Sujets fast alles, betont Neff. Nur moderne Bilder mit Farben, die ineinanderfliessen, oder Darstellungen, die durch eine Tiefenperspektive wirken, sind als Model nicht realisierbar. Modelszenarien sind flach und klar.Neff arbeitet eng zusammen mit Linus Feller, der in Niedergösgen im Kanton Solothurn Änisbrötli und Model vertreibt. Neff entwickelt für Feller neue Sujets. Feller kopiert die Originalmodel und verkauft die Formen in Kunstharz gegossen an seine Kunden. Feller gehört zu den Kennern der Modelszene. In seinem Buch «Änismodel» zeigt er die Geschichte, Kultur und Eigenarten der Tradition auf. Denn schon die alten Ägypter vertrauten beim Verzieren ihres Gebäckes auf einen Model. Das älteste Schweizer Exemplar stammt aus dem 14. Jahrhundert, geschnitzt im Kloster St. Katharina in Wil SG. Der Holzmodel wurde wahrscheinlich für die Produktion von Wachsbildern benutzt. Die Kloster verfügten damals oft über eine eigene Bienenzucht und verwendeten den Wachs für die Herstellung von Wachsbildern mit religiösen Motiven. Später, im 15. Jahrhundert, wurden Model für die Lebkuchenfabrikation gefertigt. Als Material wurde häufig Ton oder Stein verwendet. Im 16. und 17. Jahrhundert betätigten sich Zuckerbäcker, Zimmerleute und sogar Goldschmiede als Model-Schnitzer.

 «Mein Onkel konnte nie verstehen, dass wir Stunden lang am gleichen Stück Holz arbeiten. Er wurde Briefträger»

Das Ende einer Schnitzer-Dynastie?
Für Neff war es schon als kleiner Junge klar, dass er Bauer oder Holzbildhauer werden wollte. «Die Arbeit braucht jedoch neben Wissen und Können viel Geduld. Mein Onkel konnte nie verstehen, dass wir Stunden lang am gleichen Stück Holz arbeiten. Er wurde Briefträger», erzählt er. Doch nicht nur den Traum vom Holzschnitzer erfüllte sich der Appenzeller, sondern auch jenen vom eigenen Bauernhof. Seit 1994 bewirtschaftet er in Urnäsch sechs Hektaren Land. Vier Kühe stehen im Stall und ein Truthahn passt auf, dass der Habicht die Appenzeller Spitzhaubenhühner in Ruhe lässt. Die zwei unter Heimatschutz stehenden Häuser, die zum Hof gehören, hat Hans Neff in Eigenregie umgebaut. Für manche Modelaufträge fehlt ihm dadurch die Zeit – hier springt sein Bruder Guido ein und übernimmt die Arbeiten.

Und wie sieht es mit der Zukunft der Modelschnitzertradition in der Familie Neff aus? Neffs 16-jähriger Sohn Julian beginnt im Sommer eine Lehre als Metallkonstrukteur. Grosses Interesse zeige er bislang nicht am Modelschnitzen, sagt Neff. Aber das könne sich noch ändern. In die Wiege gelegt, bekam der Junior die Affinität zu Änisgebäck und Model sowieso. Seine Geburtsanzeige war ein kunstvoll verziertes Änisguezli mit Namen und Geburtsdatum – gezeichnet von der Mutter, geschnitzt vom Vater.

publiziert Juli 2016, tierwelt nr. 27

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