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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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«So einen Vater hätte ich auch gerne»

«So einen Vater hätte ich auch gerne»

Mit 22 Jahren tritt Thun Channareth auf eine Landmine. Er verliert beide Beine. Seine Geschichte steht symbolisch für Tausende in Kambodscha, die Opfer von Personenminen, Streumunition und explosiven Kriegsmunitionsrückständen sind. 

„Den Geruch von verbrannter Haut und Sprengstoff vergisst du nie. Und auch das Gefühl „gebrochen“ zu sein, lebendig zer­stört, bleibt.“ Am 18. Dezember 1982 tritt Tun Channareth – von seinen Freunden nur Reth genannt – auf eine Landmine. Der da­mals 22­-Jährige ist Widerstandskämpfer im Dienst der vietnamesischen Armee in der Nähe der kambodschanisch­thailändischen Grenze. Die Explosion ist der Tiefpunkt ei­nes kurzen Lebens, das geprägt ist durch Armut, Verzicht, Leiden und Gewalt. Gebo­ren in eine arme Großfamilie, verlässt Reth die Schule früh, wird dann durch die Roten Khmer von seiner Familie getrennt und aufs Land in ein Arbeitslager gesteckt. Während des knapp vier Jahre dauernden Terrorregimes der Roten Khmer werden an die zwei Millionen Menschen umgebracht, das sind jeden Tag über 1400. Reth überlebt. Kurz vor dem Sturz der Roten Khmer gelingt ihm sogar die Flucht. 

Angekommen an der thailändischen Grenze wird ihm der Zutritt zum Flüchtlingslager verwehrt. Es hat nur noch Platz für Frauen und Kinder. Die einzige Chance zu überleben ist, der Widerstandsarmee beizutreten. Das eigene Leben als Tauschobjekt für eine Uni­form, Waffen und Nahrung. Reth kämpft, spioniert, legt Minen und versucht, mit dem eigenen Leben davonzukommen. Im krie­gerischen Tumult lernt er seine Frau kennen, heiratet sie und lässt sie im Flüchtlingslager zurück. Am 18. Dezember 1982 wartet sie hochschwanger mit dem ersten gemeinsa­men Kind auf seine Rückkehr. Reth überlebt die Explosion, verliert dabei jedoch beide Beine. „Für mich gab es keinen Sinn weiter­ zuleben. Meinem neugeborenen Sohn ein Vater zu sein – ohne Beine, Arbeit, Zukunft? Ohne mich“. 

„Für mich gab es keinen Sinn weiter­ zuleben. Meinem neugeborenen Sohn ein Vater zu sein – ohne Beine, Arbeit, Zukunft? Ohne mich“. 

Die Geschichte von Reth steht symbolisch für die tausenden von Menschen in Kam­bodscha, die Opfer von Personenminen, Streumunition und explosiven Kriegsmuni­tionsrückständen werden und wurden. Laut offizieller Zahlen der CMAA (Cambodian Mine Action and Victim Assistance Authori­ty) sind zwischen Januar 1979 und Juni 2019 an die 64 840 Menschen Opfer von Landmi­nen und explosiver Kriegsmunition gewor­den. Ein Drittel davon starb. Mehr als 9000 Opfern wurden Gliedmassen amputiert. Diese Zahlen basieren auf den an die Be­hörden gemeldeten Fällen. Die Dunkelziffer – in Anbetracht der oft sehr abgelegenen, betroffenen Gebiete – scheint gross. Ver­schiedene Quellen schätzten, dass in Kam­bodscha über 25 000 Amputierte leben. Fakt ist, dass es in keinem anderen Land im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Menschen gibt mit amputierten Gliedern. 

Handgranate beim Spielen, Sprengsatz beim Ernten 
Die CMAA geht davon aus, dass im ganzen Land immer noch vier bis sechs Millionen Minen, Streumunition und explosive Kriegsmunitionsrückstände verteilt sind. Das würde einer Bombe, Mine oder Granate pro drei Einwohnerinnen bzw. Einwohnern entsprechen. Sicher ist sich bei diesen Zahlen niemand. Klar ist, dass die Situation in Kambodscha komplex ist. Das Land wurde in den Kriegswirren der 60er, 70er, 80er und 90er Jahre in verschiedenen Konflikten von verschiedenen Konfliktparteien massiv vermint und bombardiert. Die US-Streitkräfte bombardierten zwischen 1965 und 1973 im Kampf gegen die vietnamesischen Kommunistinnen und Kommunisten das Land mit 500 000 Tonnen Bomben. Das sind mehr Bomben als die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf Japan abgeworfen hatten. Das Ziel war, die Nachschubwege, die durch Kambodscha führten, zu zerstören. Landminen legten die verschiedenen Konfliktparteien vor allem während des späteren Bürgerkriegs. Genaue Zahlen oder Pläne davon gibt es keine. Reth trat in Kambodscha in der Nähe der thailändischen Grenze auf eine in Russland hergestellte Personenmine. Wer sie gelegt hatte, ist unklar. 

An die 3670 Quadratkilometer Land wurden während der Konflikte mit Minen versehen. Bis heute sind 1900 Quadratkilometer und damit mehr als die Hälfte „entmint“. Zusätzlich zu den Bomben und Minen bedrohen im Landesinnern immer noch Blindgänger die Bevölkerung. Das Risiko, beim Spielen eine Handgranate zu finden oder bei der Reisernte auf einen explosiven Sprengsatz zu steigen, ist je nach Provinz noch akut. 

Foto eines Minenopfers während dem Bürgerkrieg

In den 80er und 90er Jahren forderten die Bomben, Minen und explosiven Kriegswaffen jährlich mehrere tausende Tote und Verletzte. Im Vordergrund stand das nackte Überleben. An eine organisierte, landes- weite Reintegration der Opfer war nicht zu denken. Heute sind mehr als 4000 NGOs in Kambodscha registriert und auch der Staat hat reagiert. Seit 1993 gibt es ein spezialisiertes Programm – das staatliche Mine Risk Education (MRE) -, das Menschen in den betroffenen Gebieten informiert und sensibilisiert. Zusätzlich sorgt das Cambodian Mine Action Centre (CMAC) für die Entschärfung von Minen und explosiven Kriegsmunitionsrückständen. Ergänzt wird das Angebot durch die Cambodian Mine Action and Victim Assistance Authority (CMAA), einer Organisation, die sich für die Rechte der Landminenopfer einsetzt und entsprechenden Support koordiniert. 

Fragwürdige Opferprogramme 
Ny Nhar ist stellvertretender Direktor des Opfer Assistenz Programmes von CMAA. „Heute sind klare Mechanismen in Kraft, was nach einem Minenunfall mit dem Opfer geschieht und wer dafür aufkommt“, betont Ny Nhar. Für die medizinische Erstversorgung und die ärztliche Betreuung fallen für das Opfer keine Kosten an. Für die arme Landbevölkerung – das durchschnittliche Minimaleinkommen liegt bei 164 Euro pro Monat – ist dies ein wichtiger Aspekt. Denn im Notfall wird aus Kostengründen gänzlich auf medizinische Betreuung verzichtet. Danach sollten die Rehabilitation und Reintegration starten. Im ganzen Land gibt es jedoch nur drei Zentren, die eine oft unerlässliche Umschulung oder Zusatzausbildung für die Opfer anbieten. Das heißt, die Mehrheit der Opfer muss für eine solche Umschulung ihr Dorf und damit das gewohnte Umfeld verlassen. Dazu braucht es Mittel und Unterstützung. Fehlen diese, findet keine Umschulung und damit auch keine Reintegration statt. Der Weg aus der Isolation und Armut ist kaum möglich.

„Es macht mehr Sinn, jeden Fall individuell anzusehen. Was gibt es für Ausbildungschancen im Dorf und mit welcher Arbeit kann man im Dorf überleben und eine Familie ernähren“, präzisiert Ny Nhar. Dieses Umdenken betrifft aber auch die Anbieterinnen und Anbieter von Hilfe. „Viele Opfer bekamen von internationalen Organisationen Hilfe in Form einer Nähmaschine, eines Tuk- tuk oder eines Workshops zugesprochen. Zurück im Dorf gab es dafür keinen Bedarf und damit auch kein Einkommen“, präzisiert Ny Nhar. Die Hilfe sollte sich in Zukunft nicht an den Geberinnen und Gebern orientieren, sondern an den empfangenden Personen. 

Einen Job wollte ihm auch nach dem abgeschlossenen Studium zum Physiklehrer niemand geben. Behinderte Menschen können keine Vorbilder sein, meinte der Universitätsrektor.

Was es bedeutet, in Kambodscha mit einer Behinderung zu leben, weiß der heute 47-Jährige aus eigener Erfahrung. Geboren während des Krieges in einem kleinen Dorf, litt er als Kleinkind an Kinderlähmung. Es gab weder Ärzte noch Medikamente. Sein linkes Bein blieb gelähmt. Bis zur fünften Klasse bewegte sich Ny kriechend fort, danach auf selbstgemachten Bambuskrücken. Während des Studiums trugen ihn Kollegen die Treppen der Universität hinauf und hinunter. Einen Job wollte ihm auch nach dem abgeschlossenen Studium zum Physiklehrer niemand geben. Behinderte Menschen können keine Vorbilder sein, meinte der Universitätsrektor. Ny kämpfte weiter, sprach persönlich beim Erziehungsminister vor und bekam schlussendlich eine Anstellung als Lehrer. Seit mehr als einer Dekade kämpft er nun in verschiedenen Organisationen für die Reintegration von Minenopfern. Unterstützt wird dieser Kampf heute auch auf politischer Ebene. 

Die grosse Lücke zwischen Theorie und Praxis 
2009 erliess die Regierung ein Gesetz zum Schutz und zur Förderung der Rechte von Menschen mit einer Behinderung. Menschen mit einer „schwerwiegenden Beeinträchtigung“ haben das Anrecht auf eine Unterstützung von knappen 4,50 Euro pro Monat. Unternehmen müssen sich dazu verpflichten, dass – je nach Grösse des Betriebes – ein bis zwei Prozent ihrer Belegschaft eine körperliche Behinderung haben. Ansonsten droht eine Strafe – rein theoretisch. Was auf Papier gut tönt, scheint in Kambodscha kaum in der Praxis angekommen zu sein. Laut einem australischen Forscherteam, welches die kambodschanischen sozio-wirtschaftlichen Gesellschaftsstrukturen zwischen 2009 und 2014 analysierte, bekommen nicht einmal vier Prozent der Menschen mit einer Behinderung in Kambodscha irgendeine Form von Unterstützung. Die Autorinnen und Autoren halten auch fest, dass es rund 36 Euro pro Monat brauchen würde, um für die Mehrkosten, die eine Behinderung mit sich bringt, aufzukommen. Fehlt die finanzielle Unterstützung, droht die totale Verarmung.

Verarbeitung und Prävention: Bilder von lokalen Künstlerinnen und Künstlern

Arm sind Familien auf dem Land sowieso. Laut der Weltbank hatte 2015 fast die Hälfte (44%) der Bevölkerung keinen Zugang zu sanitären Anlagen; für jede vierte Person war sauberes Trinkwasser nicht gewährleistet. Überleben können die Familien dank körperlicher Arbeit. Blind oder im Rollstuhl ist dies nicht mehr möglich. Alternativen fehlen. Die Betroffenen sind damit nicht nur konstanten Existenzängsten ausgesetzt sondern auch permanentem Stress. Eine Umfrage der beiden NGOs Louvain Cooperation und Handicap International zeigte 2016 auf, dass soziale Ausgrenzung, Diskriminierung, Familienkonflikte und fehlende Arbeitsmöglichkeiten, das Leben von Behinderten prägen. 

Friedensnobelpreis 
Reth, der seit seinem Minenumfall in einem selbst hergestellten Rollstuhl sitzt, kennt all diese Aspekte aus eigener Erfahrung. “Ich habe um Jobs gebettelt und hätte jede Arbeit gemacht. Behindert und ohne Einkommen für eine Familie aufzukommen, bedeutet konstanten Stress, Unsicherheit, aber auch Selbstzweifel“, erinnert er sich. Der sechsfache Familienvater findet erst 1993 mehr als elf Jahre nach seinem Unfall – den Großteil davon in einem Flüchtlingslager – eine bezahlte Arbeit. In der Hauptstadt Phnom Penh baut er für Hilfsprojekte der Jesuiten Rollstühle, arbeitet als Übersetzer und setzt sich für Minenopfer ein. Dann beginnt er, Unterschriften zu sammeln, um die Landminen, deren Produktion und Einsatz zu verbieten. Er wird einer der grossen Kämpfer für die „Internationale Kampagne für das Verbot von Landminen“ (ICBL), reist um die Welt, trifft Königinnen und Könige, Prinzessinnen und Prinzen, Premierministerinnen und Premierminister, Präsidentinnen und Präsidenten und sogar den Papst. Sein Einsatz lohnt sich. Es entsteht die „Ottawa-Konvention“, ein internationales Abkommen, das bis heute 164 Staaten unterzeichnet haben. Sie verpflichten sich, den Einsatz, die Lagerung, die Herstellung und Weitergabe von Personenminen zu verbieten.

“Am liebsten hätte ich die goldige Trophäe sofort verkauft und damit die finanziellen Sorgen der Familie beendet. Doch wer kauft einen «secondhand» Nobelpreis?”

Stellvertretend für alle involvierten Parteien nimmt Reth 1997 in Schweden den Friedensnobelpreis entgegen. Am liebsten hätte er die goldige Trophäe sofort verkauft und damit die finanziellen Sorgen der Familie beendet. Doch wer kauft einen «secondhand» Nobelpreis? „Wenn meine Kinder ihren Freunden meine Geschichte erzählen, ist die Reaktion immer die Gleiche: So einen Vater hätte ich auch gerne!“. Reths Kampf ist auch mit dem Friedensnobelpreis nicht zu Ende. Er setzt sich immer noch für Minenopfer ein, agiert als Botschafter für die Personenminen-Kampagne und kämpft für das Verbot von Clusterbomben. 

“Nobelpreisträger” Reth vor einem Plakat über seine Verdienste

Für die Internationale Gemeinschaft hat das Minenproblem in Kambodscha keine Priorität mehr. Die Opferzahlen haben sich massiv reduziert. Von 4320 Opfer im Jahr 1996 zu 58 Opfer im Jahr 2018. Damit schwindet auch der Wille, entsprechende Projekte zu finanzieren. Die Reintegration von Menschen, die Beine oder Arme verloren haben, bleibt jedoch top aktuell. Grund dafür sind Verkehrsunfälle, bei denen oft Motorräder involviert sind. Im Durchschnitt starben 2018 in Kambodscha fünf Menschen pro Tag bei einem Verkehrsunfall. Amputationen häufen sich. Doch egal, ob eine Landmine oder ein Motorradunfall zu einer schweren Behinderung führt, die Problematik der Reintegration der Opfer bleibt die Gleiche. 



publiziert: “Menschen: Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten. (01/2020)
http://www.zeitschriftmenschen.at

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