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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Alles Stier!

Alles Stier!

215 Stiere, 12 000 Besucher und ein Täufling. Der 127. Stierenmarkt in Zug wird in bester Erinnerung bleiben – auch dank Muni Kolin.

Wer kann von sich behaupten, mit grosser Sicherheit das Herz des nächsten Königs höherschlagen zu lassen? Kaum jemand – sei es in bürgerlichen oder royalen Kreisen. Dafür muss man schon Kolin heissen: Casting-Sieger mit einwandfreier Ahnentafel. Die Rede ist vom bald zwei Jahre alten Muni, der am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2019 in Zug als Siegerprämie dem nächsten Schwingerkönig überreicht wird.

Ein brauner Typ mit Hörnern muss er sein, der Siegermuni, und das Herz am richtigen Fleck haben – vorne in einer breiten Brustpartie.»

Ausgewählt wurde das Prachtexemplar vergangenes Jahr im Rahmen eines Stier- Castings; damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Rubel. «Die Jury setzte sich aus Mitgliedern des Braunviehzuchtverbandes, des Organisationskomitees, aber auch aus Schwingern und Munisponsoren zusammen», sagt Jörg Hähni, Fachbereichsleiter Marketing und Verkauf bei Braunvieh Schweiz. «Jeder hat einen anderen Muni- Geschmack. Über eines waren sich jedoch alle einig: Ein brauner Typ mit Hörnern muss er sein, der Siegermuni, und das Herz am richtigen Fleck haben – vorne in einer breiten Brustpartie.» Muni Rubel überzeugte zudem mit bestechendem Körperbau, Beinen und Klauen und ging als klarer Sieger aus dem Casting hervor.

Stelldichein der Stiere (Bild Wüthrich)

Am ersten Tag des diesjährigen Stierenmarktes in Zug wurde Rubel auf den Namen «Kolin» umgetauft. Ein Name, der in Zug Bedeutung hat. In der Schlacht von Arbedo im Jahre 1422 rettete Bannerherr Peter Kolin die Zuger Landesfahne. Er bezahlte seinen Heldenmut mit dem Leben. Stier Kolin soll nun mit seinem geschichtsträchtigen Namen als Botschafter der Zuger Traditionen dienen. Der Täufling – getauft mit Zuger Kirsch – wird sich die nächsten zwei Jahre damit beschäftigen, sein Gewicht auf 1,2 Tonnen zu verdoppeln, denn für den zukünftigen König soll er Stärke, innere Ruhe und Widerstandsfähigkeit symbolisieren. Sollte es mit der Gewichtszunahme nicht klappen, kann Kolin auf sein Taufpaten zählen. Pate Harry Knüsel, ehemaliger Schwingerkönig und Patin Sonja Kälin, dreimalige Schwingerkönigin wissen aus eigener Erfahrung das Form und Masse über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Bei Mensch und Muni.

Urchige Tradition im urbanen Umfeld

Die anderen 214 Braunviehstiere, die brav in den über 100 Jahre alten Holzstallungen vor sich hindösten, tangierte das Taufevent – ein abendlicher Grossanlass vor geschlossener Gesellschaft und lokaler Prominenz – kaum. Sie hatten sich ihre Nachtruhe verdient. Denn schon am Vortag des grössten Stierenmarktes der Schweiz angereist, durchläuft jedes Tier ein festgesetztes Prozedere, bis es sich am ersten Markttag auf dem grünen Rasen des imposanten Areals präsentieren darf. Untersucht, gewaschen, gemessen, gewogen, begutachtet, benotet und rangiert, stellen sich dann die Prachtmunis den Züchtern, Bauern, Händlern und Tausenden von Schaulustigen. Insgesamt 30 Stiere wechselten für durch- schnittlich 2860 Franken den Besitzer. Der Höchstpreis betrug 4500 Franken.

Drei Prachtkerle in einer Reihe (Bild Wüthrich)

Der Zuger Markt findet auf dem Stierenmarktareal statt, einem zentralen Platz mitten in der Stadt umgeben von Hochhäusern, Wohnsiedlungen und dem Eisstadion. Urchige Tradition im urbanen Umfeld. Der Stierenmarkt ist in der Schweiz die wichtigste Adresse für den Kauf eines Stieres. Experten, Händler, Landwirte, Züchter und ihre preisträchtigsten Tiere geben sich hier jährlich Anfang September ein Stelldichein. Mit von der Partie ist die ganze Stierenvielfalt: vom neun Monate alten kleinen Muni, über den zweijährigen Stier bis hin bis zum ausgewachsenen Altstier mit über einer Tonne Lebendgewicht. Nirgends ist das Angebot grösser und die Verkaufsmöglichkeiten besser als in Zug. Transparenz inklusive. Denn Züchter haben in der digitalen zentralen Datenbank des Zuchtverbandes Einsicht auf fünf Generationen umfassenden Ahnentafeln der Tiere. Seit 1966 werden Stichproben betreffend Abstammungskontrollen durchgeführt – früher mittels Blutgruppenbestimmung, heute mit einer DNA-Analyse. Und kaum ein Markt hat eine beeindruckendere Geschichte zu präsentieren. Erstmals durchgeführt wurde der Markt 1897. Damals besassen viele kleinere Betriebe keine eigenen Stiere und schlossen sich dafür in Viehzuchtgenossenschaften zusammen. Der Zuchtstier sollte – um Inzucht zu vermeiden – nicht aus den eigenen Beständen stammen. Ein Zuchtstiermarkt war dafür die passende Lösung. Zwischen den 1920er- und 60er-Jahren waren teilweise über 2000 Stiere gemeldet. Der Markt wurde vereinzelt aus Platzgründen doppelt geführt. Die Mehrheit der Stiere und ihrer Entourage reiste per Zug an und marschierte dann zu den Stallungen. Einige kamen per Kahn über den See oder legten gemeinsam mit dem Besitzer den Weg vom heimischen Stall bis zum Marktgelände zu Fuss zurück.

Mit Hut, Eis und Stier (Bild Wüthrich)

Der Markt war weit über die Grenzen hinaus bekannt. Schweizer Stiere wurden nach Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland, aber auch Spanien oder Osteuropa verkauft. In den 1920er-Jahren finden sich unter den Käufern Händler aus Mexiko, Brasilien und Peru. 1937 wurden alleine 381 Stiere nach Italien verkauft – direkt ab Zug mit der Bahn über Chiasso nach Italien. 1942 wurden 71 Prozent der über 1000 Stiere verkauft. An den heutigen Märkten sind es im Idealfall noch knappe 15 Prozent.

Ganz nach dem Motto: Stierhändler trifft Finanzhai.

Mit dem Handel von Stiersperma brach der Exporthandel zusammen und auch der nationale Stierboom bekam durch das Aufkommen der künstlichen Besamung einen argen Knick. In Kombination mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft sank zusätzlich die Zahl der Viehzüchter. Anfang der 80er-Jahre betrug die Zahl der gemeldeten Munis weniger als 300. Der Schweizerische Braunviehzuchtverband reagierte mit Erneuerungen: Er führte eine Rinderauktion ein. Sie gehört heute zu einem viel beachteten Teil des Marktes. Angeboten wurden dieses Jahr 35 Zuchttiere – grösstenteils hochträchtige Rinder und frischgekalbte Jungkühe. Zusätzlich sollen neue Prämierungsformate den Markt bereichern: von Mister-Wahlen bis hin zum Betriebscup.

Kommerz rund um den Folklore und Stier (Bild Wüthrich)

Der Verband reagierte auch auf die veränderte Publikumsstruktur. Für Familien gibt es auf dem Marktgelände einen Streichelzoo und Ponyreiten. Das Säuli-Rennen scheint vom Bauern bis zum Banker alle Besucher zu faszinieren. «Gerade das Unterhaltungspro- gramm für die nichtlandwirtschaftlichen Besucher liegt Braunvieh Schweiz als Veran- stalter sehr am Herzen», sagt Jörg Hähni. Der Stierenmarkt habe sich im letzten Jahrzehnt zu einem Erlebnispark entwickelt und dieser Ausrichtung bleibe man auch in Zukunft treu. Der Markt soll eine Brücke zwischen Land- wirtschaft und Konsument, zwischen Stadt und Land darstellen. Die Unterhaltungs-Strategie zeigt Erfolg. Braunvieh Schweiz ist mit dem Markt 2017 zufrieden. Mit rund 12 000 Besuchern wurde der Stierenmarkt noch nie besser besucht als dieses Jahr. Für die Kleinstadt Zug, bekannt für niedrige Steuern und internationale Betriebe, hat sich der Markt zu einem tierisch gesellschaftlichen Treffpunkt entwickelt. Ganz nach dem Motto: Stierhändler trifft Finanzhai.

Literaturtipp: Heiri Scherer: «Muni. Der Zuger Stieren- markt», NZZ Libro, ISBN 978-3-03810-203-8 , ca. Fr. 48.–

 

KÜNSTLERISCHE KONKURRENZ
Seit August waren in der Stadt Zug Dutzende von Stieren aus Fiberglas als Kunstobjekte zu bewundern. Die Stierparade (67 lebensgrosse Stiere und 134 Jungstiere) sollte nicht nur Farbe in Stadt und den kleinsten Kanton der Schweiz bringen, sondern auch Institutio- nen, Firmen und Privatpersonen dazu animieren, künstlerisch und karitativ aktiv zu werden. Auf dem Platz der Bossard Arena wurden die Werke während dem Stierenmarkt als Herde präsentiert, prämiert und versteigert. Der Erlös wird in Nachwuchsprojekte in Kultur und Sport investiert.

 

publiziert „Tierwelt“; 28. September 2017

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