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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Heute schon geschwänzt?

Heute schon geschwänzt?

Jede zweite Schülerin und jeder zweite Schüler schwänzt ab und zu den Unterricht. Die Gründe für dieses Phänomen sind so komplex wie vielfältig. Ob Massnahmen wie Bussen oder Beugehaft reichen, um gegen das Schwänzen anzukämpfen, ist fraglich.

Am Morgen ausschlafen, nach dem Mittagessen shoppen, am Nachmittag Videogames spielen. Glaubt man den aktuellen Zahlen, ist Schulschwänzen ein weitverbreitetes Phänomen. Die neueste, im Jahr 2015 erhobene PISA-Studie zeigt, dass in der Schweiz zehn Prozent der befragten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in den letzten zwei Schulwochen mindestens einmal willentlich dem Unterricht ferngeblieben sind. 2012 lag die Quote noch bei fünf Prozent. In drei Jahren hat sich die Zahl verdoppelt. Dass gelegentliches Schwänzen für eine Mehrheit zum Alltag gehört, zeigte schon 2007 die Studie «Schulabsentismus in der Schweiz – ein Phänomen und seine Folgen» der Universität Fribourg. 49 Prozent und damit jede zweite Schülerin und jeder zweite Schüler gestanden, ab und zu die Schule zu schwänzen; jeder Dritte tut das sogar relativ häufig. Nur 13 Prozent – und damit etwa jeder Achte – sind durchgehend im Unterricht präsent. Kombiniert man die Resultate der zwei Studien, ist anzunehmen, dass sich der Schulschwänz-Trend in den vergangenen Jahren verstärkt hat.

Schwänzen fliegt unter dem Radar
«Neue repräsentative Zahlen, die eine Zunahme des Schulschwänzens klar belegen, fehlen», sagt Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg. Die Wissenschaftlerin führte 2007 die erwähnte Studie zum Schulabsentismus durch und griff 2013 das Phänomen erneut im Dossier «Zu cool für die Schule?» auf. Sie ist davon überzeugt, dass Schulabsentismus in all seinen Formen konstant zugenommen hat. «Im Gespräch mit Ärztinnen, Schulsozialarbeitern und Psychologinnen wird klar, dass Schulabsentismus ein grosses Problem ist, dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte», analysiert Stamm. Doch dies ist in der Mehrheit der Schulen (noch) nicht der Fall. Auf kantonaler Ebene findet sich Schulabsentismus auf keiner Prioritätenliste. Keiner der Volksschulleiterinnen und -leiter der Kantone Bern, St. Gallen, Thurgau, Zürich, Luzern und Basel-Stadt sieht Schulschwänzen als akute Problematik. Der Umgang damit wird basierend auf dem Volksschulgesetz den einzelnen Schulen und Schulbehörden überlassen. Zahlen werden keine erhoben.

SCHULSCHWÄNZEN
Schulabsentismus ist ein Oberbegriff und steht für das Fernbleiben vom Unterricht aus einem gesetzlich nicht vorgesehenen Grund, unabhängig davon, ob die Eltern informiert sind oder ob sie dies durch Entschuldigungen legitimieren oder nicht. Schulschwänzen ist eine Unterkategorie von Schulabsentismus. Schulschwänzen kann weiter differenziert werden nach Ausmass (gelegentliches oder massives Schwänzen) oder nach Objekt (Schwänzen von Randstunden oder bestimmten Lektionen). Wichtig ist, dass Schulverweigerung oder gar Schulabbruch nicht mit Schwänzen gleichgesetzt werden. Diese beiden Formen der Schuldistanzierung haben jeweils andere Ursachen und verlaufen auch anders. Allerdings geht Schulschwänzen häufig einem Schulabbruch oder einer Schulverweigerung voraus.

Wer, wo, warum und wie oft blaumacht, bleibt im Dunkeln – und scheint so weit niemanden zu stören. «Schulschwänzen kann leicht ignoriert werden. Im Vergleich mit Mobbing oder Gewalt an Schulen schmerzt es niemanden, wenn beim Schwänzen nicht so genau hingeschaut wird. Folgen sind kaum sichtbar», argumentiert Margrit Stamm. Sie fügt hinzu: «Schulabsentismus ist ein belastendes Thema, das viele Fragen aufwirft und nicht nur das Verhalten der Schülerinnen und Schüler, sondern auch die Haltung der Eltern, Lehrkräfte und der Schule hinterfragt.» Denn Schulen, die kein einheitliches Absenzensystem vorweisen, Lehrpersonen, die zu spät zum Unterricht erscheinen, oder Eltern, die das Schwänzen ihrer Kinder stillschweigend dulden, sind ein aktiver Teil des Problems und taugen nicht zum Vorbild.

Leistungsdruck als Grund
Die Gründe und Ursachen für das Schwänzen sind komplex. Egal, ob eine individuelle oder institutionelle Perspektive zum Tragen kommt: Die typische Schulschwänzerin oder den typischen Schulschwänzer gibt es nicht. Als individuelle Perspektive werden Aspekte wie Alter, Geschlecht, schulische Leistung, familiärer Kontext oder Peer-Gruppe bezeichnet, die das Schwänz-Verhalten beeinflussen können. Zur institutionellen Perspektive gehört die Bedeutung der Schule, deren Form und Grösse, aber auch das Unterrichtsklima, die Haltung der Lehrpersonen und die organisatorischen und beziehungsorientierten Massnahmen, um Schülerinnen und Schüler für die Schule zu begeistern und vom Schwänzen abzubringen. Erziehungswissenschaftlerin Stamm betont einen weiteren Grund für das Schwänzen und dessen Zunahme: die konstante Überforderung der Kinder und Jugendlichen. «Unsere Studienresultate zeigen, dass Kinder und Jugendliche, die unter starkem Leistungsdruck stehen, öfter schwänzen – sei es, um zuhause in Ruhe zu lernen oder sich vor einer Prüfung zu drücken», sagt sie. Den zunehmenden Leistungsdruck auf die Schule abzuschieben, ist jedoch ein Trugschluss. Der Druck sei oft selbstgemacht und basiere auf der Erwartungshaltung des Elternhauses, erklärt Stamm. «Gefordert werden Topleistungen in allen Bereichen. Stösst das Kind dabei an Grenzen, wird Schwänzen auch von Eltern als Option gesehen, um zusätzlich Zeit, Raum oder Erholung zu schaffen und damit der Topleistung näher zu kommen.» Schwänzen wird zum tolerierten Mittel zum Zweck. Ein Arztzeugnis und damit ein offizieller Grund für das Fehlen ist schnell besorgt und wird kaum hinterfragt. Wer jedoch annimmt, dass Schulabsentismus nur ältere Schulkinder betrifft, irrt. Eine Arbeitsgruppe im Kanton St.Gallen beschäftigt sich seit 2013 intensiv mit der Zunahme von Schulabsentismus im Kindergarten und in der Primarschule (vgl. Interview).

Warum schwänzt eine Sechsjährige den Kindergarten?
Seit 2013 befasst sich eine Arbeitsgruppe im Kanton St. Gallen mit Schulabsentismus. In diesem Gremium sind unter anderem die KESB, das Kinderspital und der Schulpsychologische Dienst vertreten. Elsbeth Freitag ist Vizedirektorin des Schulpsychologischen Dienstes und leitet die Arbeitsgruppe.

Gibt es «willentlich» schwänzende kleine Kinder?
ELSBETH FREITAG: Bei Kindern im Alter von vier bis etwa acht Jahren überwiegen Ängste als Ursache für Schulabsentismus. Schwänzen im Sinne von absichtlich der Schule fernbleiben beobachten wir selten. Die Ursache für die Ängste der Kinder können in der Familie und in der Schule liegen. Zu den familiären Gründen zählen Trennungsangst, belastende Situationen wie die Erkrankung eines Elternteils, aber auch ein überbehütender Erziehungsstil. Schulische Gründe für die Entwicklung von Ängsten können Mobbing, Überforderung oder auch Angst vor Leistungssituationen sein.

Sie betonen, dass oft Ängste im Spiel sind.
Wichtig ist, dass Eltern und Lehrperso- nen verstehen, wie die Emotion Angst entsteht, aber auch wie sie überwunden werden kann. Das Kind muss lernen, dass seine Lösung des Problems, die Schule zu meiden, nicht tauglich ist und dass die Eltern und die Lehrpersonen das Kind darin unterstützen, trotzdem zur Schule zu gehen. Fachliche Unterstützung und Begleitung kann die Schulpsychologie, die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder die Schulsozialarbeit bieten.

Was hat die Arbeitsgruppe bewirkt?
Eine Sensibilisierung für das Thema in den Institutionen selbst und das Bewusstsein unter den Fachpersonen, dass nur in einer engen Zusammenarbeit Erfolge erzielt werden. Wir erhalten Nachfragen für Fortbildungen aus St. Galler Schulen, aber auch aus anderen Kantonen. Das Thema ist in den Medien und stösst auf Interesse: alles gute Voraussetzungen, damit Schulabsentismus nicht weiter zunimmt.

Sanktionen gegen das Schwänzen
Schwänzende Schülerinnen und Schüler kombiniert mit Eltern und Lehrpersonen, die das Verhalten dulden: Was sind wirkungsvolle Massnahmen, um gegen das Schwänzen anzukämpfen? In Deutschland werden notorische Schulschwänzer gebüsst oder in Beugehaft genommen. Die Höhe der Busse – von fünf Euro Verwarnungsgeld pro Tag bis hin zu mehreren tausend Euro bei Folgeverstössen – ist vom Bundesland abhängig. Wer die Bussen nicht bezahlt, wird vom Jugendgericht zu Arbeitsstunden verurteilt. Wer auch diese verweigert und weiterschwänzt, wird für maximal eine Woche inhaftiert. Haft für Schulschwänzerinnen und -schwänzer ist in der Schweiz kein Thema, Bussen hingegen sind erlaubt. In den kantonalen Volksschulgesetzen ist diese Handhabung rechtlich verankert. Je nach Kanton und Vergehen liegen die Bussen zwischen einigen hundert und mehreren tausend Franken. Das Bezirksgericht Bremgarten verurteilte im Februar 2019 die Eltern eines 16-Jährigen zu einer Busse (jeweils 700 Franken Busse plus 600 Franken Strafbefehlsgebühr für den Vater und die gleichen Beträge für die Mutter), weil der Schüler eine Projektwoche schwänzte und die Eltern ihn dabei unterstützten.

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Schulschwänzen betrifft nicht nur ältere Schülerinnen und Schüler, sondern auch solche auf der Primarstufe – bloss jedes achte Schulkind ist durchgehend im Unterricht präsent. (Bild: Wuethrich)

Offizielle Zahlen über Anzahl, Höhe und Grund von Bussen an Volksschulen gibt es nicht. Anders sieht es bei den Berufsschulen aus. Hier wird transparent gebüsst und einkassiert, zum Beispiel am Berufsbildungszentrum (BBZ) Olten. 2018 nahm das BBZ Bussgelder in Höhe von 34920 Franken ein und finanzierte damit Exkursionen, Projekte und Lehrabschlussfeiern. Gebüsst von den insgesamt 3800 Lernenden wurde jeder Vierte. Das duale Bildungssystem könne jedoch nicht mit der Volksschule verglichen werden, hält BBZ-Direktor Georg Berger fest. «Der Schulbesuch gilt als Arbeitstag und ist gesetzlich vorgeschrieben. Eine Minderheit der Lernenden nimmt diesen Teil nicht ernst genug.» 43 Prozent der Bussen stammen von Lernenden, deren Lehrvertrag später aufgelöst wurde.

Präsenz als Leitmerkmal
Bussen oder Beugehaft hätten höchstens eine abschreckende Wirkung, erklärt Margrit Stamm. «Sie verändern weder Strukturen noch Verhaltensweisen grundlegend. Die Ursachen fürs Schulschwänzen werden nicht tangiert; die pädagogische Komponente fehlt.» Beim Schwänzen sei die Schule oft Teil des Problems. Deshalb empfiehlt sie den Blick auf Schulen, an denen Schulabsentismus kaum ein Thema ist. Das sind Schulen mit partizipativen Elementen, an denen Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen den Alltag gemeinsam gestalten. Präsenz ist dabei ein Leitmerkmal, eine einheitliche Strategie der gesamten Schule, die gegenüber Eltern, Lehrer- und Schülerschaft klar kommuniziert wird. «Fehlt ein Kind, sucht die Lehrperson sofort und direkt den Dia- log. Abwarten oder dulden gibt es nicht. Wird Schulabsentismus trotzdem zum Problem, wird mit Fachpersonen, seien es Sozialarbeiter oder Psychologinnen, eine Lösung gesucht», sagt Stamm. Prävention, Intervention und Rehabilitation sind die Schlüsselkomponenten. Denn nur «rotsehen» scheint gegen «blaumachen» kaum effektiv zu sein.

 

Weiter im Netz
www.margritstamm.ch > Forschung > Pub- likationen > Dossiers – Dossier «Zu cool für die Schule?»
www.pestalozzianum.ch > Preise > Studi- enpreise Stiftung Pestalozzianum > Preis- verleihungen > Frühere Preisverleihungen > Preisvergabe 2017 – Dialogpreis «Bekämp- fung von Schulabsentismus»
www.sichergsund.ch > Themen > Schulab- sentismus – Kein Bock auf Schule!

 

publiziert Juli 2019, „Bildung Schweiz“ (06/2019)

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