Widget Image
Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

Beliebte Beiträge

Statt nach Harvard in den Wald geschickt

Statt nach Harvard in den Wald geschickt

In Südkorea gibt es an die 2000 Waldkindergärten und Waldspielgruppen – alle geführt nach Schweizer Vorbild. Ein Besuch vor Ort.

Mitten im Wald sitzt eine Gruppe Kinder mit verschränkten Beinen, Schulter an Schulter im Kreis und hört aufmerksam den Erklärungen ihrer Kindergartenlehrerin zu. Mit den vorhin gesammelten Materialien legen sie gemeinsam Bilder auf den Waldboden. Es entstehen Piratenschiffe aus Pinienästen, Schlösser aus Steinen und Berge aus Baumrinde. Währenddessen schneidet die Kindergartenlehrerin ein riesiges Blatt in Stücke – das Blattpuzzle für die Kinder, die nach einer Zusatzaufgabe fragen. Danach gibt es Freispiel und eine kurze Verpflegungspause. Die Szene könnte sich in irgendeinem Waldkindergarten in der Schweiz oder in Deutschland abspielen, doch in diesem Fall ist es mitten in einem Waldgebiet ausserhalb von Gunsan, einer Hafenstadt mit 280 000 Einwohnern rund 200 Kilometer südwestlich der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

Bis vor zehn Jahren waren Waldkindergärten in Südkorea gänzlich unbekannt. Das im asiatischen Land vorherrschende Bildungssystem konzentriert sich auf die akademische Leistung des Nachwuchses. Was zählt, ist ein Abschluss an einer renommierten Universität. In privaten Lerninstituten und mit Förderstunden werden schon Kindergarten- und Primarschulkinder getrimmt. Den Wert eines Menschen macht seine akademische Leistung aus. Mit dieser Grundeinstellung gleicht schon der blosse Gedanke an eine Waldschule einem bildungspolitischen Aufstand. Verantwortlich für genau solches Gedankengut ist die einheimische Erziehungswissenschaftlerin Hee Jung Chang.

Weit hergeholte Waldpädagogik – im wörtlichen und im übertragenen Sinn
An diesem Morgen steht sie zufrieden zwischen Lehrpersonen, Eltern und Kindern im Wald in Gunsan. Wie eine Rebellin sieht sie nicht aus. Die Südkoreanerin ist gross und schlank, trägt langes graues Haar und eine Brille mit dunklem Rand. Die Mutter zweier erwachsener Söhne spricht mit leiser, aber bestimmter Stimme. Und was sie sagt, hat das Potenzial zur Bildungsrevolution in Südkorea. Chang ist die Waldkindergarten-Pionierin des Landes. Sie prangert an, dass Kinder weder Freiraum noch Zeit haben, um zu spielen oder sich frei in der Natur zu bewegen. Ihre Ideen entstammen der Waldpädagogik, die in der Schweiz und in Deutschland praktiziert wird. Sie liegen damit nicht nur geografisch, sondern auch inhaltlich weit entfernt von der südkoreanischen Bildungsrealität. Von der Skepsis ihrer Landsleute lässt sich Chang nicht beeindrucken. Sie hat bis heute in Südkorea 2000 Waldkindergärten und -spielgruppen gegründet. Doch warum eigentlich?

Sie stellte fest, dass meine Söhne anders waren als die Schulkinder, die sie kannte. Neugieriger, offener, mit einem wacheren Geist und wärmeren Herzen.

«Mein Mann und ich haben in den 80er- Jahren in Deutschland gelebt und studiert. Unsere zwei Söhne sind in Darmstadt zur Welt gekommen. Sie haben oft im Garten und im nahen Wald gespielt», erklärt Chang in einwandfreiem Deutsch. Die Waldpädagogik hat die Erziehungswissenschaftlerin schon damals fasziniert. Als die vierköpfige Familie 1994 nach Südkorea zurückkehrte, sah sich Chang mit dem leistungsorientierten und streng geregelten Schulsystem ihrer Heimat konfrontiert (vgl. Kasten). Sie war nicht gewillt, ihre zwei Söhne diesem System auszusetzen. «In der Hauptstadt Seoul gab es damals keine Alternative, also zog ich mit ihnen aufs Land, wo es eine alternative Schule gab», führt die zweifache Mutter aus. In ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis stiess die Entscheidung auf Erstaunen und Unverständnis. «Ich dachte, du bringst deine Kinder irgendwann nach Stanford oder Harvard, aber nicht auf einen Berg und in den Wald», zitiert Chang die damaligen ernüchterten Worte ihrer Mutter. Ihre Meinung revidierte sie später. «Sie stellte fest, dass meine Söhne anders waren als die Schulkinder, die sie kannte. Neugieriger, offener, mit einem wacheren Geist und wärmeren Herzen», erinnert sich Chang.

BILDUNGSNATION SÜDKOREA
Südkorea belegte in den vergangenen PISA­ Studien immer Spitzenplätze und gilt damit als Vorbild vieler westlicher Staaten. Der asiatische Staat mit seinen 60 Millionen Einwohnern ist bekannt für sein engmaschiges, leistungsorientiertes Bildungssystem. Laut der OECD haben in Südkorea rund 70 Prozent aller 25­ bis 34­Jährigen eine akademische Grundaus­bildung. Der Druck, den Sprung an eine etablierte Universität zu schaffen, ist in der südkoreanischen Gesellschaft enorm. Damit der eigene Nachwuchs zu den Klas­senbesten gehört, ist keine Massnahme zu zeitaufwändig oder zu teuer. Privatlehr­personen und private Lerninstitute, die zum Teil bis 22 Uhr unterrichten, sind an der Tagesordnung. Schon Primarschüle­rinnen und ­-schüler büffeln an die 13 Stunden am Tag. Spielen und schlafen wird in weiten Kreisen als Zeitverlust gesehen. Sozialkompetenzen, Kreativität oder Eigenständigkeit werden nicht geför­dert. Gross ist der Druck auf Jugendliche und junge Erwachsene, den Leistungs­ ansprüchen ihrer Familie zu entsprechen. Laut einem Team des Seoul National Uni­versity Medical Research Center hat sich die Zahl der Selbstmorde seit den 80er­ Jahren verdreifacht. 2015 rapportierte Südkorea 13 500 Selbstmorde – das sind 37 am Tag.

Reger Austausch mit der Waldschule in St. Gallen
2007 gründete Hee Jung Chang zusam- men mit einem bekannten Mönch einen Verein mit dem Namen Nalmannanun- sub, was auf Deutsch so viel wie «Triff mich im Wald» bedeutet. 2010 folgte die Eröffnung des ersten Waldkindergartens in Seoul. Bis heute sind es 2000 an der Zahl. Chang hat weltweit verschiedene Waldkindergärten besucht und deren Philosophie und pädagogisches Konzept studiert: «Als Inspiration und Vorbild dient mir bis heute die Waldschule Waldkinder in St. Gallen.» Sie steht in engem Kontakt mit Eva Helg, der pädagogischen Leiterin in St. Gallen, und reist regelmässig in die Schweiz. Helg wiederum war 2009 und 2017 in Seoul zu Gast, um Weiterbildungen zu leiten, Workshops zu führen, Kindergärten zu besuchen oder an Tagungen über Waldpädagogik zu referieren. «Zwischen meinen zwei Aufenthalten in Südkorea haben uns immer wieder koreanische Gruppen in St. Gallen im Waldkindergarten und in der Waldbasisstufe besucht», ergänzt Helg. 2016 erhielten 30 südkoreanische Pädagoginnen und Kindergartenleitungen während zweieinhalb Tagen Einblick in die Basisstufe und den Kindergarten. An den Nachmittagen standen jeweils Weiterbildungen zur Sprachförderung in der Natur auf dem Programm. Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit in Bezug auf die Weiterbildung von Waldkindergarten- Lehrpersonen in Südkorea sind im Gang. Um sich betreffend Waldpädagogik auf dem aktuellen Stand zu halten, besuchen Chang und ihre Waldkindergarten-Lehrpersonen jährlich Waldschulen im Ausland. Neben St. Gallen stand auch schon Finnland auf dem Programm. 2019 geht es nach Schottland und Irland.

DSC_6537

Vor zehn Jahren gab es in Südkorea überhaupt keine Waldkindergärten. Diese stossen in dem für sein leistungsorientiertes Bildungssystem bekannten Land immer noch auf viel Skepsis. (Fotos: Wuethrich)

DSC_6548

«Für uns sind solche Weiterbildungen und der Austausch mit anderen Waldkindergärten enorm wichtig», sagt Young Sim Kwon. Zusammen mit ihrem Mann leitet sie seit 2012 den Waldkindergarten «Seum 1» in Gunsan. Drei Gruppen mit jeweils zwölf Kindern verbringen jeden Kindergartentag bis nachmittags um 15 Uhr im Wald: spielen, entdecken und lernen, egal ob es regnet oder schneit. «Die Natur hat einen enormen Einfluss auf die Kindergartenkinder. Sie sind selbstständiger, ihr Sozialverhalten verbessert sich, weil sie sich gegenseitig mehr helfen. Zusätzlich sind sie ruhiger, ausgeglichener und es gibt weniger Konflikte», fasst Kwon ihre Erfahrungen zusammen. Das Interesse am Waldkindergarten nehme in Südkorea stetig zu. Sie hat ausserdem beobachtet, dass es immer mehr Eltern gibt, die ihren Kindern wenigstens am Anfang ihrer Schulkarriere ein wenig Unbekümmertheit ermöglichen möchten.

Laut sein ist im Wald kein Problem, Lärm gibt es nicht. Äusserer Freiraum schafft auch innere Ruhe, und davon profitiert Kim.

Für die Erstklässlerinnen und -klässler, die ins öffentliche System wechseln, bietet der Kindergarten noch einen Waldspielnachmittag an. Der Wechsel ins leistungsbasierte System ist damit nicht zu abrupt. Für einige Eltern und Kinder wird die Umstellung trotzdem eine grosse Herausforderung werden – so zum Beispiel für Mi Jung Lee und ihren Sohn Kim. Der Siebenjährige gilt als verhaltensauffällig und aggressiv. Eine Kombination, die in keiner Weise ins öffentliche leistungsorientierte Bildungssystem passt. Der Wald hingegen ist für Kim der ideale Platz. «Er hat Raum, sich zu bewegen und seine Energie umzusetzen. Laut sein ist im Wald kein Problem, Lärm gibt es nicht. Äusserer Freiraum schafft auch innere Ruhe, und davon profitiert Kim», umschreibt seine Mutter ihre Erfahrungen. Seit ihr Sohn im Waldkindergarten ist, hat er sich vom Problemfall zum Vorzeigeschüler entwickelt. Er ist ruhiger, begegnet Konflikten anders und versucht sogar zu schlichten, darüber sind sich Mutter und Kindergartenlehrerin einig. Die anderen Eltern pflichten bei und teilen diese Erfahrungen: Die Kinder seien zufriedener und ausgeglichener. Ein Vater von zwei Waldkindern formuliert es so: «Ich sehe meine Kinder im Wald spielen, so wie ich das als Kind getan habe, und fühle mich zurückversetzt in meine Kindheit. Es ist ein Gefühl aus Glück und Freiheit. Und genau das sollen meine Kinder erleben.»

DSC_6560Hee Jung Chang hat die Waldpädagogik während ihrer Studienzeit in Deutschland kennengelernt. (Foto: Wuethrich)

Skepsis ist tief verwurzelt
Doch das Spiel im Wald, das Freiheits- und Glücksgefühl haben auch ihren Preis. An die 400 Franken zahlen Eltern pro Monat für einen Waldkindergarten. In einem Land, wo 2014 rund 15 Milliarden Franken für Privatunterricht ausgegeben wurden – das ist dreimal so viel wie der OECD-Durchschnitt –, scheint dies ein erschwinglicher Betrag. Trotzdem entscheidet sich nur ein verschwindend kleiner Teil der südkoreanischen Eltern für einen Waldkindergarten oder später für eine alternative Schule – wohl aus Angst, nicht mehr ins gewohnte System zu passen.

Und was geschieht mit dem Übertritt an die Universität, wenn die Kinder Druck und Drill nicht gewohnt sind?

«Was geschieht, wenn sich mein Kind aus dem Waldkindergarten nicht mehr in den öffentlichen Schulunterricht einfügen kann? Was ist, wenn meine Tochter ihre Leistung nicht erbringt? Und was geschieht mit dem Übertritt an die Universität, wenn die Kinder Druck und Drill nicht gewohnt sind?», formuliert eine Highschool-Lehrerin ihre Überlegungen. Sie hat ihre Tochter trotz eigenen grossen Zweifeln durch das öffentliche System gefördert. «Mich haben genau diese Aspekte davon abgehalten, eine Schul-Alternative für meine Tochter zu suchen. Deshalb hielt ich am gewohnten Muster fest», erklärt sie. Die Angst, akademisch zu versagen, haben nicht nur die Lehrerin und ihre Tochter, sondern der grösste Teil der Bevölkerung. Erziehungswissenschaftlerin Chang versucht, mit ihrer Arbeit dieser Angst entgegenzuwirken und aufzuzeigen, dass freies Spiel und das Lernen in der Natur auf jedes Kind eine stimulierende Wirkung haben. Changs Söhne – heute 27 und 29 Jahre alt – studieren Jura und Biomedizin.

Ende November 2018 hat Chang einen Vortrag in Schanghai gehalten. So viel zur Revolution.

Trotz positiver Beispiele: Die Waldpädagogik hat in Südkorea noch einen langen Weg vor sich. Denn eine Veränderung in der südkoreanischen Schullandschaft kann erst stattfinden, wenn sich die Erwartungshaltungen der Eltern und die akademische Versessenheit der Gesellschaft verändern. Doch egal, wie lange es dauert – Chang denkt nicht ans Aufhören. China zeigt sich an der Idee von Waldkindergärten höchst interessiert. Ende November 2018 hat Chang einen Vortrag in Schanghai gehalten. So viel zur Revolution.

Weiter im Text
Artikel in BILDUNG SCHWEIZ 7/8 | 2017: «Vom Waldsofa auf die Schulbank»

publiziert Januar 2019, Zeitschrift „Bildung Schweiz“ (01/2019)

 

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.