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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Umzug: Wie harmonisch können Schulwechsel sein?

Umzug: Wie harmonisch können Schulwechsel sein?

Die Familie wechselt den Wohnort und damit die Kinder die Schule. Was bedeutet ein interkantonaler Umzug für Schulkinder, Lehrpersonen und Kantone?

Es war Herbst, mitten im Schuljahr, und ich war in der vierten Klasse. Mein Vater wechselte seine Arbeitsstelle und damit stand für mich und meine Geschwister ein Schulwechsel an. Zwar siedelten wir nur ins rund acht Kilometer entfernte Nachbardorf um. Doch die damit verbundenen Veränderungen fühlten sich an wie ein Umzug in ein anderes Land: Nicht nur die Lehrperson, das Schulhaus, die Klasse und der Schulweg waren neu, sondern auch die Lehrmittel, Unterrichtsformen, Anforderungen, Benotungen, Unterrichts- und Fremdsprachen. Kurz zusammengefasst: Ausser dem Klima änderte sich für mich als Schulkind fast alles. HarmoS und Lehrplan 21 waren damals – Ende der 80er-Jahre – noch unbekannte Zukunftsmusik. Doch wie gestaltet sich heute ein Schulwechsel zwischen zwei Kantonen? Was sind die Errungenschaften der vergangenen Jahre und in welchen Aspekten gleicht ein interkantonaler Schulwechsel immer noch einer Weltreise – inklusive Kulturschock und Werteverschiebung?

Zwar siedelten wir nur ins rund acht Kilometer entfernte Nachbardorf um. Doch die damit verbundenen Veränderungen fühlten sich an wie ein Umzug in ein anderes Land.

«Grundsätzlich möchte ich bei dieser Diskussion vorausschicken, dass wir in der Schweiz in einem föderalistischen System leben. Eine Zentralisierung des Bildungswesens in der Volksschule wie beispielsweise in Frankreich – wo alle Kinder in derselben Woche mit denselben Materialien dasselbe lernen – ist nicht denkbar und wahrscheinlich auch nicht erstrebenswert», betont Benedict Zemp, wissenschaftlicher Mitarbeiter Lehrplan 21. Mit dem gemeinsamen Lehrplan seien jedoch Mobilitätshindernisse für Familien mit schulpflichtigen Kindern und Lehrpersonen abgebaut worden (vgl. Kasten unten). Trotzdem kann es sein, dass Schulkinder bei einem Kantonswechsel andere Rahmenbedingungen vorfinden. Die obligatorischen Lehrmittel, die Beurteilung, die Zeugnisse und das Unterrichten von Fremdsprachen können sich auch heute von Kanton zu Kanton unterscheiden. «Die Unterrichtsform ist von der Lehrperson abhängig. Der Lehrplan 21 greift nicht in die Methodenfreiheit der Lehrpersonen ein», konkretisiert Benedict Zemp.

Unter dem Strich ist der gemeinsame Lehrplan für alle Schulkinder und Lehrpersonen, die mit einem interkantonalen Schulwechsel konfrontiert sind, ein Glücksfall. Er erleichtert die Zusammenarbeit zwischen den Deutschschweizer Kantonen. Lehrmittel werden im Idealfall gemeinsam entwickelt, koordiniert und Synergien kosteneffizient genutzt. Die Rahmenbedingungen und Anforderungsprofile sind damit gemeinsam definiert und vereinfachen einen Schulwechsel. Auch die förderdiagnostische Leistungsmessung, die in der ganzen Deutschschweiz eingesetzt wird, basiert auf dem gemeinsamen Lehrplan. Jugendliche müssen also im nach- obligatorischen Bereich – das heisst in der Kantonsschule oder im Gymnasium – in der ganzen Schweiz denselben Anforderungen genügen.

Nachholunterricht kostet Millionen
Kompliziert bleibt es hingegen im Bereich der Fremdsprachen. Die Ausgangslage ist trotz HarmoS und Lehrplan 21 sehr unterschiedlich. Zwar soll gemäss dem Sprachenmodell der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) die erste Fremdsprache spätestens ab dem 5. und die zweite Fremdsprache spätestens ab dem 7. Jahr der obligatorischen Schule unterrichtet werden. Die Kantone der Romandie, das Tessin und die Mehrheit der Deutschschweizer Kantone halten sich an diesen Sprachenkompromiss. In mehreren Deutschschweizer Kantonen wird jedoch nicht mehr Französisch als erste Fremdsprache gelehrt, sondern Englisch. Im Kanton Tessin hingegen startet der Englischunterricht erst im 10. Schuljahr (vgl. Grafik). «Die Fremdsprachenfolge der verschiedenen Kantone stellt nach wie vor eine Herausforderung dar. Bei einem Wohnortwechsel von einem Kanton mit erster Fremdsprache Englisch in einen Kanton mit erster Fremdsprache Französisch oder umgekehrt haben die Kantone jedoch Konzepte für Nachhilfeangebote erarbeitet», betont Zemp. Konkret heisst das: Ist der Französisch- oder der Englischunterricht im neuen Wohnkanton deutlich weiter fortgeschritten, muss der neue Wohnkanton beziehungsweise die neue Schulgemeinde in Form von (Einzel-) Nachholunterricht für den Ausgleich allfälliger Sprach- und Stofflücken aufkommen.

Die Studie «Kantonale Unterschiede im Fremdsprachenunterricht – Kosten durch Umzüge zwischen den Kantonen» von 2016, die vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) in Auftrag gegeben wurde, zeigt detailliert die Mehrkosten auf, die durch interkanonale Umzüge verursacht werden. Wird der Fremdsprachenunterricht betrachtet, ergeben sich jährlich Kosten in der Höhe von 6,5 Millionen Franken durch Nachholbildung: 2,4 Millionen Franken für Französisch und 4,1 Millionen Franken für Englisch. Betroffen von der Nachholbildung sind an die 800 Schülerinnen und Schüler pro Jahr. Die Mehrheit der Kosten tragen die Deutschschweizer Kantone, weil sie von interkantonalen Schulwechseln am meisten betroffen sind. 6,5 Millionen Franken Mehrkosten wegen fehlender Harmonisierung: Wäre eine harmonisierte Schweizer Bildungslandschaft also nicht auch wirtschaftlich reizvoll?

«Jeder Umzug ist mit Aufwand verbunden. Der Schulwechsel ist ein Aspekt davon, meiner Ansicht nach aber nicht der gravierendste. Was zählt, sind auf individueller Basis pragmatische Lösungen vor Ort anzustreben und nicht das ganze schweizerische Schulsystem zu reformieren».

Prädestiniert für die Beantwortung dieser Frage ist Stephan Schleiss, SVP-Regierungsrat und Vorsteher der Direktion für Bildung und Kultur des Kantons Zug. Der Innerschweizer Kanton lehnte die Harmonisierung 2009 in einer Volksabstimmung ab. Der bekennende HarmoS-Gegner Schleiss amtet seit 2017 auch als Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz D-EDK und vertritt die Interessen der Bildungsdirektoren, wozu auch die Reduktion von Kosten gehört. «Wirtschaftlich reizvoll ist eine Harmonisierung nicht», sagt Stephan Schleiss. «Es gehört zum Grundauftrag der Schulen, neue Schülerinnen und Schüler zu integrieren. Wirtschaftlich reizvoller als eine Harmonisierung wären weniger Reformen oder grössere Klassen», betont der Zuger Bildungsdirektor. Die Zahlen der Studie habe die D-EDK nicht diskutiert. Dies hänge wohl damit zusammen, dass die Konferenz das Ausmass der Mobilität und der Binnenmigration als eher unbedeutend einschätze. «Jeder Umzug ist mit Aufwand verbunden. Der Schulwechsel ist ein Aspekt davon, meiner Ansicht nach aber nicht der gravierendste. Was zählt, sind auf individueller Basis pragmatische Lösungen vor Ort anzustreben und nicht das ganze schweizerische Schulsystem zu reformieren».

Laut der Studie wird mit jedem Umzug im Kindesalter das Risiko erhöht, als Erwachsener gewalttätig, psychisch krank oder drogenabhängig zu werden.

Schulwechsel als wirtschaftlich unbedeutender Faktor für die Politik: Doch was bedeutet dieser Prozess für die betroffenen Schulkinder und Familien? Laut einer Studie des Wissenschaftlers Roger Webb und einem Team der University of Manchester, 2016 publiziert im «American Journal of Preventive Medicine», beeinflussen Umzüge und Schulwechsel die Entwicklung der Kinder. Die Forscher haben Daten von 1,5 Millionen Kindern – geboren zwischen 1971 und 1997 – ausgewertet. Sie setzten die Anzahl der Umzüge pro Kind ins Verhältnis dazu, wie oft es als Erwachsener gewalttätig geworden war, einen Suizidversuch unternommen hatte, als drogenabhängig registriert oder als psychisch krank diagnostiziert wurde. Laut der Studie wird mit jedem Umzug im Kindesalter das Risiko erhöht, als Erwachsener gewalttätig, psychisch krank oder drogenabhängig zu werden.

Wechsel so kindgerecht wie möglich gestalten
Ein Schulwechsel bleibt für Schülerinnen und Schüler eine Herausforderung – auch mit harmonisierten Bildungszielen. Sich in einer neuen Schule und in einer neuen Klasse zurechtzufinden, ist oft nicht leicht. Was ein Schulwechsel von einem Kanton in einen anderen oder ein Schulwechsel von einer Sprachregion in eine andere für die betroffenen Schülerinnen und Schüler bedeutet, muss wohl immer im Einzelfall betrachtet werden. Doch wie kann dem Stressfaktor Umzug entgegengewirkt werden? «In der Regel ist ein Schulwechsel mit Verunsicherung verbunden, da das Kind nicht weiss, in welche neue soziale Situation es kommt. Eine Generalisierung, wie ein Kind reagieren sollte, gibt es nicht», sagt Dominik Wicki, Fachpsychologe Kinder- und Jugendpsychologie FSP und Co- Leiter des Schulpsychologischen Dienstes im Kanton Solothurn. Zu versuchen, einen Wechsel so kindgerecht wie möglich zu gestalten, sei jedoch möglich: Die Kinder sollten sich angemessen von der alten Klasse verabschieden können und die neue Schule vor Schuleintritt besuchen. Persönliche Gespräche mit der zukünftigen Lehrperson schaffen ein Gefühl des Willkommenseins.

Eine entscheidende Rolle spielen bei einem umzugsbedingten Schulwechsel auch das Alter der Schulkinder und die Haltung der Eltern. «Jüngere Kinder sind darauf angewiesen, dass ihre Mutter, ihr Vater, die Geschwister und weitere nahestehende Personen eine Veränderung positiv bewerten und erleben. Daraus ziehen sie Vertrauen in die Situation und sich selber», betont Margot Vogelsanger, Leiterin der Schulpsychologie Appenzell Ausserrhoden. «Für ältere Kinder oder Jugendliche, die sich nicht mehr gleich stark auf die Kernfamilie beziehen, sondern ihre Identität in der Peergroup und bei Freizeitaktivitäten finden, ist es wichtig, dass sie dies entweder am alten Ort aufrechterhalten oder gute Angebote am neuen Ort aufbauen können.» Einen Beitrag zu einem gelungenen Übertritt und Schulwechsel leistet auch das System. «Zirkulär aufgebaute Lehrpläne wie der Lehrplan 21 machen für Schülerinnen und Schüler, die neu in eine Schule kommen, den Einstieg einfacher», ist sie überzeugt. Doch sie unterstreicht: «Der Blick auf das Wesen des Kindes und seine Kompetenzen sollen im Vordergrund stehen und nicht bereits gepauktes Sachwissen. Diese Haltung wird dem Entwicklungs- und Bildungsstand des Lernenden mehr gerecht und ermöglicht eine passende Förderung.»

HIN ZU MEHR HARMONIE?

Im Mai 2006 hat das Schweizer Stimmvolk die revidierten Bildungsartikel in der Bundesverfassung angenommen. Die Kan­tone sind dadurch per Bundesverfassung verpflichtet, das Schuleintrittsalter und die Schulpflicht, die Dauer und Ziele der Bildungsstufen und deren Übergänge sowie die Anerkennung von Abschlüssen schweizweit anzugleichen. Mit der am 1. August 2009 in Kraft getretenen Inter­ kantonalen Vereinbarung über die Har­monisierung der obligatorischen Schule – dem sogenannten HarmoS­Konkordat – werden die wichtigsten Strukturen und Ziele national harmonisiert. Die Zielhar­monisierung geschieht über die Lehrpläne und die nationalen Bildungsziele (Grund­ kompetenzen). Die Harmonisierung der Lehrpläne und die Koordination der Lehr­mittel erfolgen auf sprachregionaler Ebene. Es gibt je einen Lehrplan pro Sprachregion: Für die Deutschschweizer Kantone den Lehrplan 21, für die West­schweiz den Plan d’études (PER) und für den Kanton Tessin den Piano di studio. In der Westschweiz ist der PER eingeführt. In der Deutschschweiz befindet sich der Lehrplan 21 in der Einführungsphase.

Weiter im Netz
Studie «Kantonale Unterschiede im Fremdsprachenunterricht – Kosten durch Umzüge zwischen den Kantonen»: www.LCH.ch/publikationen/studien/
Studie zur Auswirkung von Schulwechseln auf Kinder: https://www.ajpmonline.org/ article/S0749­3797(16)30118­0/abstract

 

publiziert in „Bildung Schweiz“ (07/08 2018), Juli 2018

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