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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Dicke Haut und keine Rechte

Dicke Haut und keine Rechte

Brigitte Uttar Kornetzky bedient die Kamera so, als wäre es ihr verlängerte Seele; vorsichtig, fein, mitfühlend, nach Nähe suchend. Sie tastet sich durch bis zum innersten Gefühl des Gegenübers und hält es kompromisslos fest. Die Bilder gehen unter die Haut, bis sie weh tun. Genau dort, wo wohl die eigene Seele sitzt. Genau dorthin möchte Kornetzky mit ihrer Arbeit. Ins Gewissen der Menschen – und zwar nicht nur für die Dauer des Films, sondern für immer.

Im Mai 2014 landet Kornetzky eher „ungeplant“ im indischen Jaipur. Eine heisse, staubige 3-Millionen Stadt im Bundesstaat Rajastahn im Norden Indiens – bekannt für die boomende Industrie und die grauen Dickhäuter. Kornetzky ist alleine unterwegs, mit ihrer Kamera auf der Suche nach einer Geschichte. „Da war weder ein fixer Plan, noch ein gesichertes Budget. Nur das Bauchgefühl, dass es hier etwa wichtiges zu Erzählen gibt“, erinnert sie sich. Es gibt weder ein Drehbuch, noch eine Story – als unterwegs im Taxi am Horizont einen Elefanten sieht. Die Route wird gewechselt. Der Fahrer steuert den grauen Riesen an und lädt die Filmemacherin in Hathi Gaon, dem Elefantendorf aus. Hier leben seit 2010 unzählige Elefantenpfleger, mit ihren Familien und ihren schwergewichtigen Schützlingen. Das Dorf ist Touristentreffpunkt und Elefantenlager. Kornetzky stoppt vor einer Art Garage. Darin ist nicht wie zu erwarten ein altes Taxi oder eine kaputter Lieferwagen parkiert, sondern ein Elefant – angekettet, verletzt, krank.

Keine Garage, sondern Elefantenunterkunft in Indien.  (Bild Kornetzky)

Kornetzky filmt und hört die nächsten 90 Tage nicht auf damit. Keine Szene ist inszeniert; keine einzige Einstellung wiederholt. Sie findet weitere Elefanten; auch die werden vor der Kamera geschlagen und gequält und zum Schluss irgendwo verscharrt. Kornetzky dreht alles mit – so unbeschönigt, direkt und so schmerzhaft ehrlich, dass man sich als Zuschauer öfter wünscht, sie hätte nicht so genau hingeschaut.

Sie brennen den Tieren Löcher in die Füsse, stechen sie mit spitzen Gegenständen oder lassen sie einfach nur liegen. Die Götter werden es schon richten.

Die Tiere haben offene Wunden an den Füssen, über den ganzen Körper verstreut Verletzungen von Misshandlungen, zugefügt durch die Elefantenpfleger. Die Dickhäuter leiden an Infektionen und Fehlernährung. Den Elefantenbetreuern und Besitzern fehlt es an Wissen und Willen, den Tieren zu helfen. Sie orientieren sich bei der Pflege an hunderte Jahre alten verstaubten Büchern mit ominösen Zeichnungen. Sie brennen den Tieren Löcher in die Füsse und stechen sie mit spitzen Gegenständen.Eine Bindehautentzündung eines Elefanten wird „traditionell“ mit Salzkörnern und Senföl behandelt. Oft werden die Tiere jedoch einfach nur liegen gelassen. Die Götter werden es schon richten. Das Tier einzuschläfern ist ein Tabu. In Indien gelten Elefanten als Gottheiten. Und Götter wissen selbst, wenn sie sterben wollen. Kornetzky erträgt das sinnlose Leiden nicht und setzt   – trotz grossem Widerstand – die erste Einschläferung eines Elefanten in der Geschichte Indiens durch.

Fragliche Behandlungen: Einem Elefanten werden Löcher in die Füsse gebrannt. (Bild Kornetzky)

Ohne Auslauf, Platz und medizinische Versorgung: Elefanten im Elefantendorf . (Bild Kornetzky)

Entzündetes Elefantenauge (Bild Kornetzky).

Die Elefantenbesitzer kümmert den Tod eines Tieres wenig. Im Sterbefall erhalten sie von der Versicherung einen beträchtlichen Schadenersatz. Ein toter Elefant wird so wertvoller als ein lebendiges krankes Tier. Das Geld hilft dabei einen neuen Elefanten zu kaufen. Die auf dem Markt erhältlichen Tiere sind zwar alles illegale Wildfänge. Autoritäten, Versicherung, Besitzer und Pfleger interessiert das kaum. Auch der mit dem neuen Schützling bleibt der gleiche: brutal und gewinn orientiert. Denn ein Elefant ist in erster Linie ein reines Investment. Ein Tier kostet im Schnitt zwischen 30’000 und 40’000 Franken – das entspricht 30 bis 40 durchschnittlichen Jahresgehältern eine Inders. Die grossen, majestätischen Tempel-Elefanten, welche für religiöse Feste prunkvoll mit Gold geschmückt werden, sind rund drei Mal teurer – und kosten damit etwa so viel wie eine westliche Luxuslimousine mit Chauffeur.

Elefantenritt in Jaipur. Vergnügen für die Touristen, harte Arbeit für die Elefanten. (Bild Kornetzky)

Ob geschmücktes Tempeltier oder holztragender Arbeitselefant: Die Tiere haben nur einen Zweck: Sie sollen Gewinn bringen: als Touristenattraktion, bei Tempelzeremonien oder als Lastentier. Der Pflege und Ernährung der Dickhäuter wird keine Aufmerksamkeit geschenkt. Schläge gehören zur Tageordnung. Hygiene und Auslauf sind Fremdwörter. Stirbt ein Tier, wird es kurzerhand in nächster Nähe zu den Stallungen verscharrt. Die Dorfbevölkerung, die noch lebenden Elefanten und Kornetzky mit ihrer Kamera schauen zu. „Es ist bewiesen, dass Elefanten soziale und sensible Kreaturen sind und dass sie bei einem Todesfall trauern. Was lösen solchen Szenen wohl in einem Elefanten aus?“ fragt sich Kornetzky. Dass die Elefantenkadaver auch die Qualität des Grundwassers beeinflussen könnten, wird ignoriert.

Bei 1,3 Milliarden Bewohner, 330’000 Götter, 14 Millionen Sklaven und jährlich zwei Millionen Kinder, die an Unterernährung sterben, spielen die 3500 Elefanten eine Nebenrolle.

Kornetzky macht es sich zu ihrer persönlichen Mission, die Lebensbedingungen der Elefanten zu verbessern. Doch die Wahlschweizerin mit deutschen Wurzeln rennt gegen Windmühlen an. Sie kontaktiert in Indien Politiker, trifft Entscheidungsträger und betreibt Lobbying auf allen Ebenen. Nach 90 Tagen muss sie das Land verlassen. Zurück in der Schweiz gründet sie 2014 “Elefanten in Not“, eine Organisation, die Elefantenbetreuer vor Ort schult. Sie sammelt Geld und arbeitet am Film. Kornetzky ist „Mädchen für alles“; Tontechnikerin und Kamerafrau; sie schneidet, übersetzt und vertont in Eigenregie. Das Fehlen einer Filmcrew lässt während dem Drehen eine ungewohnte Nähe zu den Tieren und ihren Peinigern zu. Doch ohne externe Unterstützung verlängert sich das Filmprojekt um Monate. Schlussendlich investiert Kornetzky mehr als vier Jahre in ihre Elefanten-Dokumentation. Dann schafft „Where the Elephant Sleeps“ den Sprung an internationalen Filmfestivals und in ausgewählten Schweizer Kinos. In Indien wird der Film mehrmals im staatlichen Fernsehen und an öffentlichen Filmvorführungen ausgestrahlt. Zusätzlich wird die Dokumentation an Schulen und Universitäten gezeigt.

Kornetzky bei der Arbeit.

Das Publikum reagiere empört und geschockt, sagt Kornetzky. Die indische Bevölkerung leidet mit ihren grauen Helden. Der Film wird wie seine Protagonisten: fett und gross. Es werden Pläne für Elefanten-Refugien diskutiert, neue Elefanten-Haltungs-Strategien entwickelt. Reaktionen der verantwortlichen Leute bleiben bis heute aus. Bei über 1,3 Milliarden Bewohner, 330’000 Götter, 14 Millionen Sklaven und jährlich zwei Millionen Kinder, die an Unterernährung sterben, spielen die 3500 Elefanten, die in Gefangenschaft unter dahinsiechen und sterben eine Nebenrolle. Dokumentarfilm hin oder her. Doch wo ist die Kornetzky?

Sie ist zurück bei den Elefanten. Alleine, mit Kamera und grossen Plänen im Gepäck. Mit Hilfe von lokalen Organisationen in Indien so wie der Unterstützung der Regierung möchte Kornetzky ein Elefantenreservat aufbauen. Alte und kranke Tiere könnten hier gepflegt und gehalten werden. Den Pflegern würde ein Lohn ausbezahlt. Touristen würden dafür bezahlen die Tiere in einer artgerechten Umgebung zu beobachten – und dafür auf Elefantenritt verzichten. Erste wohlwollende Reaktionen auf politischer Eben sind vorhanden. Das Elefantendorf steht seit kurzem nicht mehr unter dem Tourismus Department, sondern unter der Kontrolle de Wildlife Rehabilitation and Rescue Centres (WRRC). Der Fokus soll nun auf den Tieren und nicht den Touristen liegen. Unkooperativ zeigen sich die Elefantenbesitzer und Pfleger. Sie haben Angst, fürchten um ihre Position, ihr Einkommen und Ihre Zukunft. Für die Protagonisten in Kornetzky’s Film kommt jede Hilfe zu spät. Alle im Dokumentarfilm porträtierten Elefanten sind bereits gestorben.

www.elefanteninnot.com
www.wheretheelephantsleeps.ch

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