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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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«Aus heiterem Himmel gibt es nicht»

«Aus heiterem Himmel gibt es nicht»

Kinder, die sich bei der kleinsten Störung auf den Boden werfen, scheinbar grundlos zu schreien beginnen oder ihre Kameraden schlagen: Was bei Lehrpersonen und Mütter ein Gefühl zwischen Hilflosigkeit und Unverständnis auslöst, bringt Monika Casura nicht aus der Fassung. Casura arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Heilpädagogin an der «pädagogischen Front»: Sie coacht Lehrkräfte und Eltern im Umgang mit autistischen Kindern – und liefert dabei klare Lösungsansätze, die nicht nur für Autisten von Nutzen sind.

Hinter jedem Verhalten gibt es Ursachen und Gründe. Es gilt sie zu erkennen, auf sie einzugehen und eine Lösung zu finden.

Ein Kind, das scheinbar aus heiterem Himmel grundlos schreit, trotzt und provoziert: Gewisse Verhalten bleiben für Aussenstehende unerklärlich. Wie sehen sie solche Situationen?
Casura: «Aus heiterem Himmel gibt es für mich nicht. Ein Kind verhält sich vielleicht  «unverständlich», weil es müde ist, sensibel auf Lärm reagiert, Hunger hat oder mit der Situation überlastet ist. Hinter jedem Verhalten gibt es Ursachen und Gründe. Es gilt sie zu erkennen, auf sie einzugehen und eine Lösung zu finden.»

Wenn ein Vierjähriger vor der Supermarktkasse brüllend am Boden liegt, ist die Zeit und der Raum für  konstruktive Lösungsansätze relativ beschränkt. Was empfehlen Sie?
«Auf das Kind einzureden, macht keinen Sinn. Erwachsene reden in solchen Situationen, um sich selbst zu beruhigen. Auf das Kind hat das Gerede kaum eine Wirkung. Es ist «ausser sich» und kann nicht aufmerksam zuhören. Kommunizieren sie kurz und klar: autoritär und liebevoll. Körperkontakt kann helfen. Klar und bestimmt, damit sich das Kind wieder spürt und beruhigen kann.»

Wie schnell ist schnell warten? Auch Kindern ohne Autismus bereiten solchen Anweisungen Mühe und sie interpretieren sie falsch.

Als Heilpädagogin haben sie sich auf die Arbeit mit Autisten, deren Eltern und Lehrpersonen spezialisiert. Inwiefern können nicht betroffene Eltern und Lehrer sich Ihre Erfahrungen zu Nutze machen?
Casura: «Klare Anweisungen vereinfachen das gegenseitige Verständnis – mit oder ohne Autismus. Zusätzlich  ist es hilfreich zu versuchen «um die Ecke» zu denken. Ein Autist hat Mühe emotionale, «unlogische» Kommentare einzuordnen: «Sitz aufs Maul», «Schreib es dir hinter die Ohren» versteht er wörtlich. «Warte schnell bei der Tür!» wirft dutzende von Fragen auf. Wie schnell ist schnell warten? Wo genau ist Warten bei der Türe? Und wie lange? Auch Kindern ohne Autismus bereiten solchen Anweisungen Mühe und sie interpretieren sie falsch.»

Eine Kurzanleitung, um das Konfliktpotential im Umgang mit Kindern zu reduzieren?
Casura: «Ein allgemein gültiges Rezept gibt es nicht. Auch eine Diagnose spielt nicht die bestimmende Rolle. Wichtig ist es, eine individuelle Lösung zu finden, die zum Kind in seiner Lebenswelt, in seinem Umfeld und seinen Bedürfnissen passt. Klar zu strukturieren, visualisieren und kommunizieren ist dabei wichtig. Wie soll das aufgeräumte Zimmer aussehen? Was erwarte ich wirklich mit «folgsam sein»? Und wann ist «bald»? Auch Vorhersehbarkeit schaffen hilft. Der Umgang mit Tages-, Wochen- und Jahreskalendern sollte als proaktive Strategien aufgebaut werden. Wer weiss, dass jeder Schulmorgen von Stress und Eile geprägt ist, weil die Zeit zum Frühstücken fehlt, sollte früher Aufstehen.»

Schätzungsweise 40 – 60 Prozent der Primarschulkinder an städtischen Schulen haben heute Mühe mit dem Verstehen und dem eigenständigen Umsetzen von Strukturen.

Kinder mit einer autistischen Störung werden heute wenn möglich in die Regelklasse integriert. Was bedeutet dies für  die übrigen Schulkinder?
Casura: «Ich schätze, dass heute an die in städtischen Schulen 40 – 60 Prozent der Primarschulkinder Mühe mit dem Verstehen und dem eigenständigen Umsetzen von Strukturen haben. Aufträge ausführen und Regeln befolgen, bereitet solchen «strukturfernen» Kindern Schwierigkeiten. Diese Schülerinnen und Schüler profitieren sehr von den Massnahmen, welche für Autisten eingeführt werden. Denn kurze Anweisungen, visualisierte Hilfsmittel, klare Strukturen und ritualisierte Abläufe  helfen auch nicht autistischen Kindern sich einfacher im Schulalltag zu orientieren.»

 

 

 

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