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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Das Panda-Geschäft

Das Panda-Geschäft

China hat eine der modernsten Zuchtstationen für Pandas eröffnet. Im Mittelpunkt steht nicht das Tierwohl, sondern Leihgebühren in Millionenhöhe.

Miao Miao wankt gelangweilt durch ihr Gehege, Bambus kauend und träge. Ist es zu heiss, zieht sich das Pandaweibchen in einen gekühlten graugekachelten Raum des Forschungszentrum „Panda Valley“ zurück. Wer hier eine heile Panda-Idylle erwartet, wird enttäuscht. Eine Unterhose mit Pandamotiv können Touristen für rund zwei Franken erwerben, eine Mütze für fünf. Und die Pandabär-Umarmung kostet rund 400 Franken.

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Panda-Souvenirs an einem Marktstand                                                                      Eingang Forschungszentrum Panda Valley

Im Fokus des Forschungszentrums und weiterer Einrichtungen in China steht nicht das Wohlgefühl der Pandas, sondern deren Fortpflanzung: künstlich, oft und möglichst zahlreich. An Sex ist das Panda-Männchen wenig interessiert und das Weibchen ist nur ein Mal pro Jahr während maximal 72 Stunden fruchtbar. Zeit und Raum für ein tierisches Liebesgeplänkel fehlen. Die Forschungsstationen zeugen deshalb mithilfe künstlicher Befruchtung jedes Jahr zahlreiche Panda-Babys. Bald werden es noch mehr sein, denn soeben ist ein neues Zentrum eröffnet worden: 240 Millionen Franken teuer, inklusive Besucherzentrum, Pflegeabteilung, Forschungsstation, Zuchtinfrastruktur und 60 bis 80 Pandas.

Erwartet wird jährlich eine Million Besucher. Sie alle werden die neue und einzige Zufahrtstrasse durchs Naturschutzgebiet benutzen. Eine weitere Strasse durchs Schutzgebiet hinauf zu den Grasweiden ist in Planung.

Das Panda-Zentrum liegt im Wolong National Nature Reserve – einem Panda Naturschutzgebiet mit 2000 km2 (die Fläche des Kantons St.Gallen) und 150 wilden Pandas. Erwartet wird jährlich eine Million Besucher. Sie alle werden die neue und einzige Zufahrtstrasse durchs Naturschutzgebiet benutzen. Eine weitere Strasse durchs Schutzgebiet hinauf zu den Grasweiden ist in Planung. «Das neue Zentrum ist leider nur gross und nicht grossartig»,sagt Marc Brody nüchtern. Brody ist ein amerikanischer Umweltaktivist, der sich für den Schutz der Pandas in China einsetzt: als Mitarbeiter von National Geographic, als Gründer der NGO Panda Mountain und als Berater des Wolong Naturschutz Gebietes. «Abfall, Lärm und die Verschmutzung durch den Verkehr werden rapide zunehmen. Touristen brauchen Infrastruktur, Unterhaltung, Strom. Der Lebensraum der wilden Pandas wird erneut reduziert und zerstückelt.»

Die meisten der heutigen Panda-Babys werden nie mit den Herausforderungen der freien Wildbahn konfrontiert sein, sondern nach einem Leben als Zuchtobjekt in Gefangenschaft sterben. Nur eine Minderheit wird im Alter von fünf bis sechs Monaten in ein Trainingsprogramm aufgenommen, mit dem Ziel nach zweieinhalb Jahren in die freie Wildbahn entlassen zu werden. Ihre Betreuer tragen Panda-Kostüme, damit sich diese Tier nicht an Menschen gewöhnt. In Rollenspielen lernen die Pandas Feinde zu erkennen, sich zu verteidigen und Nahrung selbst suchen.dsc_3735

Panda-Trainer im Panda-Kostüm: Plakat vor einer Forschungsstation. (Bild Wüthrich)

Doch das Reintegrationsprogramm fristet in China noch ein Schattendasein. An Anerkennung und Stellenwert mangelt es. Die Meinung, dass es den Tieren in Gefangenschaft besser gehe, ist verbreitet. Warum einen Panda in die Wildnis entlassen, wo er nass wird, friert und Hunger hat? Sechs Tiere wurden bis heute ausgewildert. Überlebt haben vier. Das erste, 2006 ausgesetzte Pandamännchen Xiang Xiang flüchtete vor anderen wilden Pandas auf einen Baum und stürzte zu Tode. Xiang Xiang überlebte ein knappes Jahr in Freiheit – nach drei Jahren intensiver Vorbereitung.

«Die Frage ist nicht: Können wir in Gefangenschaft Tiere züchten und sie in die freie Wildbahn entlassen, sondern: Können wir ihnen ein wilde Heimat bieten,» konkretisiert Panda-Experte Brody. Der chinesische Staat hat in den vergangen zehn Jahren zwar 23 neue Schutzgebiete definiert und damit die Zahl der Panda-Habitate auf 67 erhöht. Ihre Gesamtfläche ist mit 34’000 km2 so gross wie das Staatsgebiet Belgiens. Doch in gewissen Schutzgebieten lebt bis heute kein einziger Panda. Die Gebiete sind durch Bergbau, Landwirtschaft und Strassen zerstückelt. Es fehlen grüne Verbindungskorridore und dichte Bambuswälder. «Schutzgebiete kann man nicht einfach planen», betont Brody. Es braucht Jahre um sie Aufzuforsten und zu verbinden. Doch dafür fehlen im nach schnellem Fortschritt und grossem Gewinn lechzenden China das Engagement und der Wille. An einem freilebenden Panda verdient niemand auch nur einen Rappen.

Während die chinesischen Autoritäten ihren Erfolg stolz in die Welt hinaus posaunen, zweifeln die Experten im Stillen.

In freier Natur leben die Tiere so zurückgezogen in isolierten Bergregionen, dass nicht einmal die Ranger, welche die Pandas alle zehn Jahre zählen, je ein Tier gesehen haben. Sie erfassen stattdessen Fress- und Beissspuren an Bambusstauden und sammeln Panda-Kot für eine DNA-Analyse. Laut der 2014 veröffentlichten Zählung gibt es weltweit noch 1864 freilebende Pandas in drei verschiedenen Provinzen in China (Sichuan, Shaanxi und Gansu). Das entspricht einer Zunahme von 16,8 Prozent oder 268 Tiere in 10 Jahren. Während die chinesischen Autoritäten ihren Erfolg stolz in die Welt hinaus posaunen, zweifeln die Experten im Stillen. Die Qualität der Panda Lebensräume hat sich kaum verbessert, und die Auswilderung ist nicht erfolgreich. Die Zunahme scheint eher auf einem professioneller durchgeführten Zensus zu beruhen als einer echten Zunahme freilebender Pandas.

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Wie viele freilebende Pandas gibt es wirklich? Die neusten Zahlen erstaunen. (Bild Wüthrich)

Die neusten Panda- Zahlen sind für die Einheimischen kaum von Interesse. Die Bevölkerung rund um das neue Panda-Center ist mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Am 12. Mai 2008 wurde die Region von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert. Mehr als 87 000 Menschen starben. 4,8 Millionen verloren ihre Existenz. Wer überlebte, wurde aus den Bergdörfern in neue Betonhäuser im Tal umgesiedelt. Die Alten schleichen hinauf auf die Bergweiden, um die verlassenen Äcker zu bestellen. Die junge Generation wartet auf Arbeit. Wie Geschwüre kleben die Betonsiedlungen an der verlassenen Strasse. Durch das neue Panda-Zentrum – das alte Zentrum wurde durch das Erdbeben zerstört – soll die Gegend wieder belebt werden. Die Bewohner haben hohe Erwartungen. «Mehr Gäste, mehr Einnahmen und eine Zukunft », bringt es der Besitzer einer kleinen Imbissbude am Strassenrand auf den Punkt. «Die Pandas sind unsere Lebensversicherung. Anders als die Menschen hier, vergisst man diese Tiere nicht. Dafür sind sie zu selten, zu kostbar und zu bekannt».

Laut Panda-Reproduktions-Experten würden 500 Pandas in Gefangenschaft genügen, um 90 Prozent der genetischen Diversität für die nächsten 200 Jahre zu sichern.

Kein Tier ist weltweit so beliebt und umsorgt wie der Panda. Sie sind die Stars in jedem Zoo, Garant für viele Besucher und grosse Emotionen. China ist sich dessen bewusst und betreibt ein lukratives «Leihgeschäft» mit den Bären. Ein Panda kostet pro Jahr bis zu einer Million Franken an Leihgebühr – aber nur für ausgewählten Partner mit dem Zweck einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Panda-Diplomatie vom Feinsten. Der Leihvertrag läuft über zehn Jahre, mit einer Verlängerungsoption von fünf Jahren. Die Zoos sind mit monatlichen Kosten von mehreren hunderttausend Franken konfrontiert. Der Zoo in Edinburgh bezieht den Bambus für seine Pandas aus Holland. Wird Nachwuchs gezeugt, gehören die Babys dem chinesischen Staat und werden als Jungtiere wieder in Ihre Heimat zurückgeflogen. Auch in der Namensgebung haben die Chinesen das letzte Wort.

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Vom Bergdorf hinunter zur neuen Strasse. (Bild Wüthrich)

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China betont, das Geld für die Forschung und die Artenerhaltung einzusetzen. Für einen „Grundstock“ für die Zucht einer Spezies aufzubauen, braucht es rund 300 Exemplare. Laut Panda-Reproduktions-Experten würden 500 Pandas in Gefangenschaft genügen, um 90 Prozent der genetischen Diversität für die nächsten 200 Jahre zu sichern. Weltweit leben heute rund 440 Pandas in Gefangenschaft, an die 30 Panda-Babys kommen jährlich dazu. China könnte in aller Ruhe die Zucht reduzieren, sich dem Ausbau der Schutzgebiete widmen, sich auf die Reintegration der Pandas konzentrieren – und auf das grosse Geschäft pfeifen. Im Namen des Pandas.

 

publiziert 29. Mai 2016, NZZ am Sonntag

 

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