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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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„Eine Strasse, die alles fordert“

„Eine Strasse, die alles fordert“

Die Einheimischen nannten die Strecke „la Carretera de la Muerte“ – die Todesstrasse. Reiseführer sprachen von der „gefährlichsten Strasse der Welt“. Regen, Schlamm und die zu schmale Fahrspur machten die Strecke von La Paz nach Coroico unberechenbar. Jährlich stürzten unzählige Bus- und Autofahrer von der engen Piste in den Tod. Das ist seit zehn Jahren Vergangenheit. Nun gibt es eine sichere ausgebaute Umfahrung. Doch wie war es zu alten Zeiten? Eine Erinnerung.*

Es ist Samstagmorgen um acht Uhr in Villa Fatima einem Vorort von La Paz. Mitten zwischen schreienden Marktfrauen und stockendem Verkehr steht Alejandro auf dem Dach des japanischen Minibuses und schüttelt energisch den Kopf. „Alles Gepäck kommt auf das Dach!“ ruft er dem erstaunten Touristenpaar zu. Säcke, Taschen und Rucksäcke schnürt er mit einem Seil fest. Für Taschen habe es im Bus keinen Platz. Denn eng, werde es schon für die Passagiere. 14 Fahrgäste sitzen zusammengedrückt auf den schmalen Bänken. Ihr Ziel ist das gleiche: Coroico, ein Dorf in den Yungas (Andenostabhänge) mit tropisch-feuchtem Klima. Das Motiv der Reise ist unterschiedlich. Die Einheimischen Fahrgäste besuchen Freunde oder Familie, kaufen oder verkaufen Ware auf dem Markt. Die Touristen entfliehen dem kalten Wetter in La Paz oder suchen den Nervenkitzel. Die Fahrt nach Coroico verspricht pures Adrenalin während vier Stunden und das für einen Fahrpreis von zwei Dollar! Denn von der bolivianischen Hauptstadt führt nur ein einziger Weg in die rund 90 Kilometer entfernten Yungas. „La Carretera de la Muerte“ – die Todesstrasse.

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„La Carretera de la Muerte“ – die Todesstrasse – wird ihrem Ruf gerecht. Kreuze am Wegrand. (Bild Wüthrich)

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Die Strecke werde auch heute ihrem Namen noch gerecht, erzählt Alejandro. Doch die Unfälle seien seltener geworden. Denn auf der steilen Anfahrtsstrecke wurde ein Kontrollposten eingerichtet. Im Stand (!!) werden Bremsen, Scheibenwischer, Blinker und die Gangschaltung geprüft. Die zwei bewaffneten Uniformierten umkreisen das Fahrzeug und nicken kurz. Dass bei Alejandros zehnjährigem Daihatsu-Minibus weder der Tachometer, noch die Kilometeranzeige funktioniert und der Auspuff „röhrt“, scheint niemanden zu stören. Nur Fahrzeuge mit maximal zwölf Tonnen dürfen passieren, betont einer der Polizisten mit ernstem Gesicht. Doch das Gewicht der Lastwagen wird nirgends kontrolliert. Das sei nicht nötigt, erklärt Alejandro. „Die Kontrolleure haben viel Erfahrung. Sie sehen ob ein Lastwagen die Strecke meistern kann oder nicht. Entscheidend ist nicht das Gewicht, sondern die Höhe und die Länge des Fahrzeuges“. Mein Vertrauen in die Kontrolle „ a la boliviana“ schwindet. Neben den Polizisten umschwirren unzählige Verkäufer den Bus; Vom frittierten Poulet bis hin zum gefüllten Pfannkuchen wird alles angeboten. Meine Nachbarin kauft für einige Pesos ein Fläschchen Alkohol.

Alejandro bekreuzigt sich und hält den Kopf aus dem geöffneten Fenster. Die Sicht sei besser so.

Als wir nach knapp einer Stunde den höchsten Punkt der Strecke „Abru Lu Cumbre“ auf 4650 Meter über Meer passieren, prasselt ein Gemisch aus Regen und Schnee auf Dach und Gepäck. Die Scheiben sind beschlagen. Weder die Fahrbahn noch die überdimensionale Christusfigur auf dem Gipfel sind sichtbar. Alejandro bekreuzigt sich und hält den Kopf aus dem geöffneten Fenster. Die Sicht sei besser so. Meine Nachbarin macht das gleiche und schüttet den ganzen Inhalt ihrer Flasche aus dem Fenster. Das sei ein bekannter Brauch hier im Lande. „Um der Pachamama, der Mutter Erde zu danken, schütten wir Alkohol auf den Boden. Sie soll uns weiter beschützen“, erklärt mir die 54 jährige Bolivianerin. Bis jetzt habe es immer genützt.
Die unzähligen Hunde links und rechts der Fahrbahn scheinen sich weder am Alkohol, nach den Bussen zu stören. „Die Hunde wissen, dass die Fahrgäste einen Teil ihres Proviants meistens aus dem Fenster werfen“, erzählt Alejandro und verdrückt den letzten Rest seines Schinkensandwiches. Mit seinen 31 Jahren ist er einer der jüngeren Fahrer. Er glaube weder an Geister noch Heilige. Die älteren Chauffeure sehen das anders. Die Hunde seien Geister der Berge, die man füttern soll damit sie einem gut gesinnt bleiben. Ich werfe einen Teil meines Brötchens aus dem Fenster.

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Was zählt sind weder Geister noch Aberglaube, sondern die Qualitäten des Fahrers: Chauffeur Alejandro (Bild Wüthrich)

Die einem breiten Wanderweg ähnelnde Strasse schlängelt sich durch dichten Wald. „Fahren sie links!“ steht auf den Tafeln am Strassenrand. Die Regeln sind einfach. Die Fahrzeuge von La Paz kommend haben keinen Vortritt und überholen aussen zum Abgrund hin.

Die Strasse wird immer steiler, die Kurven enger, der Asphalt fehlt. „In knapp zwei Stunden legen wir nun 3000 Höhenmeter zurück“, erklärt Alejandro. Die karge Berglandschaft ist verschwunden. Im Auto ist es feucht und schwül. Die Temperaturdifferenz könne mehr als 25 Grad betragen. Die einem breiten Wanderweg ähnelnde Strasse schlängelt sich durch dichten Wald. „Fahren sie links!“ steht auf den Tafeln am Strassenrand. Die Regeln sind einfach. Die Fahrzeuge von La Paz kommend haben keinen Vortritt und überholen aussen zum Abgrund hin. In jeder Kurve wird nun laut gehupt und gehofft, dass niemand entgegen kommt. Sehen würde man den Gegenverkehr erst im letzten Moment. Der Regen und die Feuchtigkeit haben sich in einen dichten Nebel verwandelt. „Nebel, Alkohol, Müdigkeit, überhöhte Geschwindigkeit und der Gegenverkehr sind die häufigsten Ursachen für die Unfälle“, erwähnt Alejandro nebenbei. „Es ist eine Strasse, die alles fordert“. Vorsichtig weicht er ein paar Schlaglöchern und Pfützen aus, fährt im Schritttempo auf eine der wenigen Ausweichstellen, kämpft beharrlich um jeden Zentimeter und lässt schlussendlich einem entgegenkommenden Bus passieren. Wir hätten Glück. Bei stärkerem Regen verwandle sich die Strasse in eine rutschige Lehmpiste. Letzte Woche sei ein Lastwagen der Bier transportierte von einem dieser Ausweichplätze in die Tiefe gestürzt. Durch den Regen habe sich der Boden gelöst. Für den Fahrer sei jede Hilfe zu spät gekommen. Langsam rollen wir weiter.

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Im Namen der Sicherheit: Manche Passagiere steigen aus und marschieren zu Fuss weiter (Bild Wüthrich)

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Zu spät nach hause kommt wohl auch meine Sitznachbarin. Ein Lastwagen, bis an den Rand voll geladen mit Orangen steht mitten auf der schmalen Fahrbahn und bewegt sich nicht mehr von der Stelle. Hunderte von Autos und Bussen stauen sich. Die Schaulustigen strömen in Scharen zum defekten Laster. Mit Kind, Hund und Proviant spazieren sie die schmale Strasse hinunter; vorbei an den unzähligen Kreuzen und Gedenksteinen für die tödlich verunfallten Menschen. Neugierig spähen sie über den Abgrund. Einige Fahrzeugteile kann man in der Tiefe noch erkennen. Nach rund drei Stunden warten, scheint das Gefährt repariert und setzt sich wieder zögernd in Bewegung. Solche Situationen seien Alltag auf der gefährlichsten Strasse der Welt. Man könne nur warten – manchmal einen ganzen Tag lang. Denn weder überholen noch umdrehen sei möglich. „Doch all das wird sich Mitte 2005 wohl ändern“, kommentiert Alejandro.
Genau kann sich niemand mehr erinnern, wann der Startschuss für die neue Strasse von la Paz nach Coroico gefallen sei. Zu lange sei es her. Vor rund zehn Jahren schätzen die Einheimischen. Denn das erstellen eines Tunnels habe viel Zeit und Geld gekostet. Mitte 2005 soll nun die ganze Strecke fertig gestellt und eröffnet werden. Alejandro zuckt mit den Schultern. Er glaube es erst, wenn er es mit eigenen Augen sehe. Er werde weiterhin als Fahrer arbeiten – so wie es schon sein Vater ein Leben lang tat. Aber er werde dafür kämpfen, dass aus seinem Sohn etwas Besseres werde. „Vielleicht ein Tierarzt“, träumt er laut vor sich hin. Keine Freude über die neue Strasse zeigt meine Sitznachbarin. Sie könne sich gut vorstellen, dass die Fahrt auf der neuen Strasse langweilig werde. Sie könnte Recht haben.

* Die Autorin reiste 2008 von La Paz per Kleinbus nach Coroico. Die Reportage erschien 2008 in Transportschweiz. Heute wird die Strecke noch für Mountainbike-Touren benutzt.

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