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Über mich

Christa Wüthrich ist freie Journalistin. Als Autorin, Lehrerin und IKRK Delegierte hat sie im In- und Ausland gearbeitet.

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Spitze in Singapur

Spitze in Singapur

Wer Stil und Geld hat, lässt seine Kleidung in Singapur aus St.Galler Textilien schneidern. Die beste Adresse ist das Geschäft der Bamadhaj Brothers: «Little St.Gallen» mitten im arabischen Stadtteil.

Als Omar bin Abdullah Bamadhaj, Sohn eines Einwanderers aus dem Osmanischen Reich, 1894 in Singapur sein eigenes Textilgeschäft eröffnete, waren die Ostschweizer Stoffhändler schon seit langem vor Ort. Die im Toggenburg und Glarnerland gewebten Textilien exportierten sie bereits in den 1840er Jahren erfolgreich nach Asien. Denn weder die englischen noch holländischen Produkte verfügten über eine vergleichbare intensive Farbe und Qualität wie die Ostschweizer Stoffe. Der strenggläubige Muslim Omar konzentrierte sich jedoch nicht auf Schweizer Stoffe, sondern auf Garn. Als er starb hinterliess er unzählige Liegenschaften, 19 Kinder und vier Frauen. Das Geschäft wurde liquidiert, das Erbe aufgeteilt und zwei seiner Söhne gründeten ein neues Textilunternehmen: die Bamadhaj Brothers.

«Wenn man Stoffe mag, dann liebt man Textilien aus St. Gallen»
«Mir wurde die Leidenschaft für Stoffe in die Wiege gelegt. Wenn man Stoffe mag, dann liebt man die Textilien aus St.Gallen», schwärmt Yacob Bamadhaj. Der gebürtige Jemenit führt das Familienunternehmen in zweiter Generation. Der kleine Laden – bis unter die Decke gefüllt mit farbigen Stoffballen – befindet sich mitten im arabischen Stadtteil, eingeklemmt zwischen Teppich-und Stoffgeschäften, nur einen Steinwurf entfernt von der grossen Moschee. Der Besucher wähnt sich in einer belebten Gasse im fernen Osten und stellt dann mit Erstaunen fest, dass er nicht nur mitten im mondänen Singapur steht, sondern erst noch in «Klein St. Gallen» gelandet ist. Die Mehrheit der Stoffe wird direkt aus der Ostschweiz geliefert. Die ausländische Ware begeistert vor allem die gutbetuchten muslimischen Malaien.

Im feucht-heissen Klima Seide zu tragen, ist angenehm, doch die Pflege ist aufwendig und teuer. Das Schweizer Jacquard Gewebe aus Baumwolle Viskose weist einen hohen Tragkomfort auf und ist pflegeleicht.

Für die traditionellen Kleider – je festlicher der Anlass, desto exquisiter das Gewand – wählt die Mittel- und Oberschicht die besten Stoffe und scheut keine Kosten. «Im feucht-heissen Klima Seide zu tragen, ist angenehm, doch die Pflege ist aufwendig und teuer. Das Schweizer Jacquard Gewebe aus Baumwolle Viskose weist einen hohen Tragkomfort auf und ist pflegeleicht. Sogar mit Stickereien versehen kann man die Kleidungsstücke problemlos waschen», konkretisiert Bamadhaj. Seine Klienten kaufen nach dem Motto: Was du beim Kauf an Geld verlierst, gewinnst du beim Tragen an Komfort. Laut einer älteren Kundin machen Lebensdauer und Farbintensivität der Schweizer Stoffe die Kleider zu Erbstücken.

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Yacob Bamadhaj in seinem Reich: dem Familienunternehmen in Singapur (Bild Wüthrich)

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«Die Kundin, die selbst näht, stirbt langsam aus»
Bamadhaj studiert den Ostschweizer Textilmarkt seit Jahren. Ob die St.Galler Unternehmen Suntex, Fischbacher, Filtex, Okutex 
oder den Glarner Mitloedi Textildruck – Bamadhaj kennt die Branche bestens. Der 64 Jährige reist jedes Jahr nach St. Gallen und verbringt zwei Wochen in der Ostschweiz. Der vierfache Familienvater zeigt sich beeindruckt. «Alles ist pünktlich – jedes Treffen, jede Zugsabfahrt.» Als Beweis zeigt er sein gültiges Halbtaxabonnement der SBB. Seine Aussagen unterstreicht er mit seinem deutschen Lieblingswort – einem perfekt betonten «Jawolll»!

In Singapur gab es Anfang der 90er Jahren mehr als ein Dutzend Läden, welche Schweizerstoffe kauften. Heute sind es nur noch drei Geschäfte, die überlebt haben.

In der Schweiz trifft sich Bamadhaj mit Textilunternehmen und reist an Messen in Italien und Frankreich, um neue Druckdesigns zu kaufen. Begleitet wird er dabei oft von Matthias Heé, Geschäftsleiter der Textilfirma Okutex in St.Gallen. «Gefragt ist in Singapur uni gefärbtes Jacquard Gewebe aus Baumwolle Viskose in vielen bunten Farben, bedruckt mit Blumen oder Geometrie-Mustern. Zusätzlich besticken wir die Stoffe oft mit klassischen Blumenmotiven», konkretisiert Matthias Heé. Geliefert werden kleine Mengen; etwa 40 – 60 Meter Stoff pro Design. «Damit haben die Kunden in Singapur eine gewisse Exklusivität und sind bereit mehr zu bezahlen als für Massenware aus Fernost.»

 

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Der Laden der Bamadhaj Brothers liegt im arabischen Stadtteil nur ein Steinwurf von der Moschee entfernt. (Bild Wüthrich)

Okutext beliefert die Bamadhaj Brothers seit dreissig Jahren. «In Singapur gab es Anfang der 90er Jahren mehr als ein Dutzend Läden, welche Schweizerstoffe kauften. Heute sind es nur noch drei Geschäfte, die überlebt haben», erzählt Heé. «Die Kunden aus Indonesien, Malaysia und Brunei kauften früher «en gros» ein; heute sind es kleine Mengen für den Privatgebrauch. Zusätzlich kleiden sich die jungen Malaysierinnen westlicher. Die traditionelle Kleidung verliert an Bedeutung. Die Kundin, die selbst näht, stirbt langsam aus». Allerdings, betont Heé, stellen die Geschäfte auch den Trend fest, dass Tradition wieder gefragt sei und junge Leute vermehrt wieder zur Kundschaft gehörten.

Ob ein Unternehmen schlussendlich überlebt, entscheidet der Kundenservice», ist Vater Bamadhaj überzeugt. Sein Sohn nickt. «Inshallah». So Gott will.

Auch Jakob Schlaepfer, ein St.Galler Unternehmen im Luxus Stickerei Segment, ist seit Jahrzehnten durch einen Agenten in Singapur vertreten. «Singapur verfügt nur über eine verhaltene luxuriöse Abendmode Kollektionen. Interessant ist für uns China, wo sich Konfektionshäuser im Luxus Couture Segment rasant entwickeln», erklärt Peter Friederich, Verkaufsleiter Asien bei Jakob Schlaepfer. Hauptinspiration für den asiatischen Markt seien die europäische Luxus Labels wie Chanel und Dolce & Gabbana. «Wichtig für uns ist die hohe Innovationskraft an Stickerei Techniken, welche in Asien selbst nicht hergestellt werden können. Denn auch die asiatischen Luxus Labels müssen sich immer wieder neu erfinden, um ihre Einzigartigkeit zu zeigen – und dies ist unsere Chance.»

Meilenweit entfernt von den asiatischen Laufstegen herrscht im Laden der Bamadhaj Brothers nüchterne «heile-Welt-Stimmung». Yacobs Sohn, der den Laden in einigen Jahren übernehmen soll, steht in den Startlöchern, beziehungsweise sitzt mit gekreuzten Beinen auf einem Hocker und sieht seinem Vater beim Arbeiten zu. «Solange die Schweizer Stoffe qualitativ und farblich attraktiv sind, haben sie einen Absatzmarkt. Ob ein Unternehmen schlussendlich überlebt, entscheidet der Kundenservice», ist Vater Bamadhaj überzeugt. Sein Sohn nickt. «Inshallah». So Gott will.

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Singapur war früher ein exotisches und gefährliches Pflaster: Jäger mit erlegtem Tiger (Bild aus «The Swiss in Singapore»)

Die Schweizer in Singapur
«Die Leute hier haben keine Ahnung von Maschinen, kaum Einkünfte, einen extrem ökonomischen Lebensstil und absolut kein Zeitempfinden,» berichtete 1842 ein Schweizer Handelsreisender aus Asien. Zwischen 1850 und 1900 lebten nie mehr als 30 Schweizer in der asiatischen Metropole. Singapur war zu dieser Zeit ein exotisches und gefährliches Pflaster – geprägt von fremden Menschen und wilden Tieren. Schweizer berichteten wie ein Krokodil beim Spaziergang den Familienhund verschlang oder der Mitarbeiter eines Textilunternehmens von einem Tiger verzehrt wurde. Doch die lukrativen Geschäftsmöglichkeiten – Ende 19 Jahrhundert war in Singapur jedes fünfte importieret Produkt ein Textilerzeugnis – rückten die Unannehmlichkeiten in den Hintergrund. Heute leben über 3000 Schweizer im asiatischen Stadtstaat. «The Swiss in Singapore», Andreas Zangger, 2013, EDM

publiziert 25. Mai 2014. Ostschweiz am Sonntag

Comments

  • Letitia
    REPLY

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    März 15, 2017

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